Konkurrenz der Krisen

Der Slogan »Flatten the curve« (Flacht die Kurve ab) sollte endlich auch bei der Klimakrise ernst genommen werden, alle Wirtschaftsbereiche sollten auf den Prüfstand gestellt werden, meint Anke Herold.

  • Von Anke Herold
  • Lesedauer: 3 Min.
Klimakrise: Konkurrenz der Krisen

Anfang April haben die Klimaforscher einen neuen CO2-Rekord von 420 ppm (Anteile pro Million) in der Atmosphäre gemessen. Die Kurve steigt weiter unvermindert an. Mit nur noch sehr wenig zusätzlichen CO2-Emissionen werden wir das gefürchtete Konzentrationsniveau von 450 ppm erreicht haben, das den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau treibt und irreversible Schäden mit sich bringt.
Diese steigende Kurve wird noch häufiger zu weiteren Klimafolgen in Form von Stürmen, Bränden, Dürren, Wetteranomalien oder Überschwemmungen führen. Diese steigende Kurve sagt auch erneut eindeutig, dass wir nicht schnell genug und nicht entschieden genug handeln und dass den Klimazielen zu wenig Taten folgen.

Trotz dieser bedrohlichen Entwicklung hat die Covid-19-Pandemie die Diskussion um die Notwendigkeit der Verstärkung nationaler Klimaschutzstrategien zu einem klimaneutralen Deutschland gerade weitgehend verdrängt. Im vergangenen Jahr haben wir noch viel über die klimafreundliche Ausgestaltung des Covid-19-Konjunkturprogramms diskutiert, das gleichzeitig die Konjunktur und den Klimaschutz befördern sollte.
Gerade im ersten Halbjahr 2021 werden auf der Ebene der Europäischen Union im Klimaschutz entscheidenden Weichen gestellt. Es ist erstaunlich, dass trotzdem und trotz des bevorstehenden Bundestagswahlkampfs in Deutschland kaum Diskussionen über die Erhöhung des nationalen Ziels zur Reduzierung von Emissionen für 2030 geführt werden. Diese Reduzierung muss aber zwingend aus der Erhöhung des EU-Ziels auf 55 Prozent Minderung bis 2030 gegenüber 1990 folgen.

Und es gibt derzeit auch kaum Diskussionen darüber , mit welchem Mix an Instrumenten in den verschiedenen Sektoren endlich der Weg zu einem klimaneutralen Deutschland eingeschlagen werden kann. Wir starren leider nur noch auf die Kurven der Pandemie und nicht genug auf die Kurven der Klimakrise. Deren Kurven lassen sich aber noch viel schwerer und nur sehr viel langsamer wieder senken als die der Infektionszahlen, wenn erst einmal bestimmte Höhepunkte erreicht sind. Und eine einfache Lösung in Form eines Impfstoffes steht uns bei der Klimakrise nicht zur Verfügung.

Wir sind alle erschöpft oder kämpfen mit den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Wer will sich in dieser Situation ausgerechnet mit der nächsten Krise beschäftigen? Diese mentale und physische Erschöpfung ist jedoch fatal, weil sie dafür sorgt, dass wir das kleine Zeitfenster, das wir noch zum Handeln haben, nicht nutzen. Es geht um irreversible Folgen, die dann für viele Menschen anders als bei der Covid-19- Pandemie keine Rückkehr in die Normalität erlauben. Die Normalität wird sich dann unwiederbringlich verändern, das wird unsere Anpassung erzwingen und weitaus höhere Kosten verursachen als die Kosten der Covid-19-Pandemie, die uns schon jetzt astronomisch hoch erscheinen.

Warum kennen wir die Kurven der Emissionsentwicklungen weit weniger gut als die Kurven der Pandemie? Wer weiß schon außerhalb der Klimaexperten, wo wir bei der Emissionsminderung gerade stehen? Und wo Deutschland im Vergleich zu anderen Staaten liegt? Warum schauen wir bei der Klimakrise nicht genauso auf verschiedene Schwellenwerte, die uns signalisieren, ob wir die Ziele erreichen? Solche Kennzahlen erheben wir seit Jahren, in die breite Öffentlichkeit dringen sie aber nur selten.

Der Slogan »Flatten the curve« (Flacht die Kurve ab) sollte endlich auch bei der Klimakrise ernst genommen werden, alle Wirtschaftsbereiche sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Dazu gehört wie bei der Pandemie eine breite gesellschaftliche Diskussion über die richtigen Maßnahmen und Instrumente, vor allem in den Sektoren Verkehr, Industrie, Gebäude und Landwirtschaft, wo wir noch viel zu wenig erreicht haben.
Es ist erschreckend, dass in einem Superwahljahr solch eine Debatte kaum stattfindet. Stattdessen prägen Personaldiskussionen die öffentliche Debatte. Die Klimakrise aber macht einfach weiter – ob wir hinschauen oder nicht.

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