Weniger Autos oder gar keine?

Bündnis fordert sozial- und klimaverträgliche Mobilitätswende

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 3 Min.
Schon in Hollywood war sozialverträgliche Mobilität ein Modell, hier unter anderem mit Frank Sinatra (3.v.r.).
Schon in Hollywood war sozialverträgliche Mobilität ein Modell, hier unter anderem mit Frank Sinatra (3.v.r.).

Dank Pandemie hat der Verkehr in Deutschland 2020 sein Klimabudget eingehalten. Ein Grund dafür, dass sich im Verkehrssektor politisch eine gewisse »Gemütlichkeit« breitmache, diagnostizierte am Donnerstag der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Jörg-Andreas Krüger. Für die nächste Zeit erwarte er »keine großen Impulse« - dabei dürfe es aber nicht bleiben, warnte Krüger und stellte ein vom Nabu initiiertes Bündnis für eine sozialverträgliche Mobilitätswende vor.

Diesem gehören der DGB, die Einzelgewerkschaften IG Metall und Verdi sowie die Sozialverbände VdK, SoVD und AWO an, außerdem die Umweltverbände BUND, Nabu und VCD sowie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Unterstützt wird das Bündnis von der Mercator-Stiftung.

Mit einem am Donnerstag vorgelegten Papier »Wie wir das Klima schützen und eine sozialverträgliche Mobilitätswende umsetzen« will das Bündnis nach eigener Aussage zeigen, dass sich Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit »nicht ausschließen, sondern sich ergänzen und in Teilen sogar bedingen«. Da gebe es dringenden Handlungsbedarf. Mobilität sei nicht nur ein maßgeblicher Treiber des Klimawandels, sondern habe auch negative Auswirkungen auf Gesundheit und Lebensqualität. Der Anspruch, den sich das verkehrspolitische Bündnis stellt, ist durchaus hoch. Das gesamte Mobilitätssystem müsse neu gedacht und so aufgestellt werden, dass alle Menschen Zugang zu einer klimaverträglichen Mobilität bekämen, insbesondere diejenigen, die auf Mobilität angewiesen sind.

Einig ist sich das Bündnis bei Forderungen nach dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs als »Rückgrat der Verkehrswende« und nach dessen allgemeiner Zugänglichkeit, Barrierefreiheit und Bezahlbarkeit. In den Umweltverbund aus ÖPNV, Rad- und Fußverkehr müsse die öffentliche Hand in den nächsten Jahren langfristig und umfassend Milliarden investieren. Klimaschädliche Subventionen müssten dafür abgebaut, Steuern umgestaltet und die vorhandenen Mittel unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten neu verteilt werden. Nötig seien auch erschwingliche Tickets für Geringverdienende und eine Erhöhung der Mobilitäts-Regelsätze in der Grundsicherung.

Als Knackpunkt erweist sich der künftige Umgang mit dem Autoverkehr. Viele Ältere oder Menschen mit Behinderungen treibe das Schreckgespenst um, sie dürften mit ihren als »alte Dreckschleudern« titulierten Fahrzeugen bald nicht mehr in die Innenstädte fahren, sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Das Klima retten wollten zwar alle, wichtig sei aber, alle Menschen daran teilhaben zu lassen, betonte Bentele. Städte seien als Sozialräume so zu gestalten, dass sie für alle Menschen attraktiv sind. Mobilität dürfe nicht von Alter und Gesundheit abhängen.

Nabu-Chef Krüger wies darauf hin, dass von Vergünstigungen wie der Pendlerpauschale und dem Dienstwagenprivileg eher Leute mit mittleren und höheren Einkommen profitieren. Diese steuerlichen Förderungen müssten neu justiert werden. DGB-Vorstand Stefan Körzell wandte sich eindeutig gegen Verbote, etwa für Autos in Innenstädten. Es brauche keine Vorgaben, wie viele Autos künftig in Deutschland fahren sollten. In ein Konzeptpapier ein derartiges Ziel hineinzuformulieren, würde er für »sehr verwegen« halten, bekräftigte der DGB-Mann.

Ruth Gütter von der EKD beharrte dagegen auf der Forderung des Bündnisses, am Ende müsse weniger Pkw-Verkehrsleistung stehen. Die Zielvorgaben des Konzeptpapiers wiesen dem Auto ausdrücklich eine »eingeschränkte Rolle« zu, sagte Gütter. Nabu-Präsident Krüger erklärte hingegen, die motorisierte individuelle Mobilität müsse zwar reduziert werden, aber auch weiter zur Verfügung stehen. Das Bündnis wisse um die Bedeutung der Autoindustrie. Eine Verkehrswende, die am Ende eine Deindustrialisierung bedeute, sei keine Verkehrswende.

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