Die sehnsüchtig erwartete Heimkehr

Vor 100 Jahren wurde der Kommunismusforscher Wolfgang Leonhard geboren

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.
Denkerpose oder zum Haare raufende Verzweiflung ob linker Grabenkämpfe?
Denkerpose oder zum Haare raufende Verzweiflung ob linker Grabenkämpfe?

Es war für ihn eine Heimkehr, auf die er lange warten musste, Jahrzehnte herbeigesehnt. An die er zwar immer geglaubt hatte und die dennoch ungewiss blieb - bis 1989.

Sein Buch »Die Revolution entlässt ihre Kinder«, 1955 erstmals erschienen, hat ihn in die (westlichen) Bestsellerlisten katapultiert, ihm weltweiten Ruhm eingebracht, ihn quasi über Nacht in den Rang eines anerkannten Stalinismusexperten erhoben - allerdings zunächst nicht unbedingt in beiderlei Deutschland. Der am 16. April 1921 in Wien geborene Wladimir Leonhard - in Berlin aufgewachsen, als kommunistisches Emigrantenkind in Moskau Wolodja gerufen -, der seinen Vornamen 1945, auf Anraten von Walter Ulbricht, zu Wolfgang änderte, beschreibt in diesem Buch seine Erlebnisse und Erfahrungen in Stalins Sowjetunion sowie in den ersten Nachkriegsjahren im geteilten Deutschland, in denen er als junger KPD- und SED-Funktionär am antifaschistisch-demokratischen Neuaufbau in der sowjetischen Besatzungszone mitwirkte. Das Buch endet mit seiner Flucht nach Jugoslawien 1949, wenige Monate vor der Gründung der DDR. Den ostdeutschen Staat, an dessen Entstehen er zunächst überzeugt mitgearbeitet hat und dessen weitere Entwicklung er nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1950 nur noch aus der Ferne beobachten und analysieren konnte, nannte er »eine bürokratische Diktatur von Moskaus Gnaden«. Solche Worte haben ihm dort Ingrimm und Anfeindungen eingebracht. Obwohl er stets betonte, dass es ihm wichtig sei, »die DDR so sachlich und objektiv wie möglich zu betrachten, die Realität an den propagierten Idealen zu messen und nicht aus westlicher Sicht zu verdammen«.

Sein Lebensthema als Wissenschaftler blieben die DDR, die Sowjetunion, Stalinismus und Kommunismus. Wurde er im Osten als Renegat verdammt, schlug ihm auch in der Bundesrepublik in den grimmigen Zeiten des Antikommunismus und Antimarxismus Misstrauen entgegen. Kein Wunder, dass es ihn an nüchternere akademische Institutionen zog, zunächst an die University of Oxford, dann an die Columbia University New York und schließlich an die Yale University, an der er von 1966 bis 1987 als Professor lehrte. Erst später wurde man in der Bundesrepublik auf den »Kreml-Astrologen« aufmerksam, eine Bezeichnung, die ihm gewiss nicht genehm und gerecht war, die er aber nolens volens akzeptierte.

Kurz nach dem Mauerfall in Berlin reiste Leonhard in die DDR, um Stätten einstigen Wirkens aufzusuchen, vor allem ehemalige Zeitgenossen, Mitstreiter und Freunde, vormalige Partei- und Staatsfunktionäre, und mit ihnen über vergangene und gegenwärtige Zeiten zu reden. Nicht alle ließen sich darauf ein. Zu den ihm gegenüber, trotz empfundenen Treuebruchs, aufgeschlossenen Menschen gehörte der langjährige Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes, Markus Wolf, der in Leonhards die damaligen Gespräche und Begegnungen reflektierendem Buch »Spurensuche« vertraulich Mischa genannt wird - klar, man kannte sich doch bereits seit dem gemeinsamen Besuch der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau.

Er sei sich stets gewiss gewesen, dass sich die DDR und die Sowjetunion irgendwann wandeln, demokratischer und menschenfreundlicher werden würden, betonte Leonhard mehrfach, auch in Interviews für diese Zeitung. Und man ist erstaunt, dass er mit seiner Prognose hinsichtlich des Zeitpunkts gar nicht so sehr danebenlag.

Im Dezember 1984 war er von den »Lübecker Nachrichten« gleich anderen prominenten Wissenschaftlern und Politikern gebeten worden, für deren Neujahrsausgabe eine Vision des Jahres 2020 zu verfassen. Er meldete Bedenken an, fürchtete gewiss mindestens Stirnrunzeln wenn nicht gar höhnisches Gelächter, wenn seine Kollegen in der Osteuropaforschung eine solch kühne Vorausschau aus seiner Feder lesen würden (Historiker gelten gemeinhin als rückwärtsgewandte Propheten). Dennoch sagte Leonhard zu. Zu jener Zeit regierte in der Sowjetunion der greise, reformfeindliche Konstantin Tschernenko, in der DDR bekanntlich der ebenso - gelinde gesagt - nicht mehr sehr experimentierfreudige Erich Honecker, der beharrlich und zu Recht die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft von der bundesdeutschen Regierung forderte, ebenso die Auflösung des als Affront empfundenen »Dokumentationszentrums Salzgitter«. Ungeachtet dessen sah Leonhard für das Jahr 1988 »eine immer schärfere Polarisierung« in der Sowjetführung voraus, der zwei Jahre darauf eine Wirtschaftsreform und sodann eine Liberalisierung in Kultur und Politik folgen werde. »Durch machtvolle Volksbewegungen vollzieht sich die Unabhängigkeit und Demokratisierung in der DDR und Tschechoslowakei«, in Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Auch in der Sowjetunion bilden sich unabhängige Organisationen und politische Parteien. Die Russifizierung wird eingestellt. Der zentralistische Sowjetstaat verwandelt sich in eine Föderation ...» All das hat Leonhard nicht in den Sternen gelesen, dies entsprang Erfahrung und Wissen. Ganze zehn Jahre daneben lag er allerdings mit der Vermutung: «Gegen Ende der 90er Jahre ziehen sich die sowjetischen Truppen aus Afghanistan zurück.» Apropos: Die Nato ringt sich just zu einem solchen Entschluss erst nach sinnlosem 20-jährigen Blutvergießen am Hindukusch durch.

Perestroika und Glasnost in der UdSSR begannen unter Michail Gorbatschow einige Jahre vor Leonhards Prophezeiung. 1987 konnte er erstmals wieder in die Sowjetunion reisen, Stätten der Kindheit und Jugend besichtigen: in Moskau das Kinderheim Nr. 6 und die 93. Schule, eine russische Schule, in die er nach der Auflösung der deutschsprachigen Karl-Liebknecht-Schule zu Beginn des «Großen Terrors» wechseln musste; ebenso die Hochschule für Fremdsprachen und das legendäre wie berüchtigte Hotel «Lux», wo er von 1943 bis April 1945 wohnte, als er für das Nationalkomitee «Freies Deutschland» und die antifaschistische Wochenzeitung «Freies Deutschland» unter der Leitung eines späteren ND-Chefredakteurs, Rudolf Herrnstadt, tätig war.

Und noch einen Herzenswunsch konnte sich Leonhard nach dem Fall des «Eisernen Vorhangs» erfüllen. Mit einem Tross von Journalisten - selbstredend war «Neues Deutschland» dabei, von Leonhard explizit eingeladen - rekonstruierte er zum 50. Jahrestag seine Rückkehr nach Deutschland mit der «Gruppe Ulbricht». Während der Fahrt von Bruchmühle nach Berlin war ein erstaunlich aufgeweckter, freudig erregter, lebhaft erzählender Veteran zu erleben, der um Jahre verjüngt schien.

Indes, nur in die Vergangenheit zurückzublicken, war Leonhards Sache nicht. Gemeinsam mit seiner Frau Elke, Bundestagsmitglied und Präsidentin der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft, war er vor seinem Tod 2014 bedacht, die Gemeinsamkeiten zwischen SPD und Linkspartei herauszustellen und zu beschwören - für einen linken Politikwechsel in Deutschland.

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