Professionelle Schlangesteher

Die Versorgungskrise hat auf Kuba einen neuen Geschäftszweig entstehen lassen

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 7 Min.
In Kubas Hauptstadt Havanna werden wegen Coronaeinlassbeschränkungen und knappem Angebot die Schlangen vor den meisten Nahrungsmittelläden immer länger.
In Kubas Hauptstadt Havanna werden wegen Coronaeinlassbeschränkungen und knappem Angebot die Schlangen vor den meisten Nahrungsmittelläden immer länger.

Carlos Medina wohnt unweit des Centro Comercial Carlos III, einem Einkaufszentrum im zentralen Stadtteil Centro Habana in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Der kürzlich wiedereröffnete Supermarkt im Erdgeschoss ist eines der wenigen noch halbwegs gut ausgestatteten Lebensmittelgeschäfte in der Gegend.

»Den anderen Tag bin ich früh raus, um dort einzukaufen. Fünf Uhr morgens endet die nächtliche Ausgangssperre; Viertel nach fünf war ich am Laden«, erzählt der Mittdreißiger, der wie alle Protagonist*innen des Textes darum bat, seinen Namen zu ändern. »Als ich ankam, waren schon 140 Leute vor mir in der Schlange. Zum Glück funktioniert die Schlange dort mit Marken. Ich habe mir eine geben lassen und bin wieder nach Hause.« Erst am späten Nachmittag, zwischen 15 und 16 Uhr, sei er schließlich an der Reihe gewesen, erzählt Medina.

Einkaufen macht derzeit keinen Spaß auf Kuba. »Alles ist schwierig. Um ein Päckchen Hühnerfleisch zu kaufen, steht man zum Teil sieben, acht Stunden lang an«, sagt auch Ricardo Barragán. Zwar habe sich die Situation zuletzt etwas gebessert, aber es könne durchaus passieren, dass 200, 300 Leute vor einem Laden anstünden, so der 59-jährige Familienvater. Vor Beginn der Pandemie verdiente er als Kunsthandwerker sein Geld; seitdem hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Oft ist er den ganzen Tag unterwegs, um etwas Reis oder Fleisch aufzutreiben.

Die Corona-Pandemie hat die zuvor bereits akute Wirtschafts- und Zahlungskrise auf der Insel weiter verschärft. Die Einnahmen aus dem Tourismus brachen fast vollständig weg; immer schärfere von der Trump-Regierung verhängte Sanktionen durch die USA erschweren Geldüberweisungen von Auslandskubanern. Die Regierung in Havanna reagierte darauf zu Jahresbeginn mit einer Währungsreform, begleitet von einer Preis- und Lohnreform. Nach 25 Jahren wurde der Konvertible Peso (CUC) abgeschafft und der Kubanische Peso (CUP) als einzige Währung im Umlauf belassen. Anstelle des CUC ist aber längst eine andere starke Währung getreten: der US-Dollar.

Um dringend benötigte Devisen einzunehmen, eröffnete die Regierung im Oktober 2019 staatliche Devisenläden, in denen Haushaltsgeräte und Autoteile und seit Juni 2020 auch Lebensmittel und Hygieneartikel per Kartenzahlung in ausländischen Währungen gekauft werden können. Mittlerweile gibt es zwei Wechselkurse gegenüber dem US-Dollar. Während offiziell 24 CUP einem US-Dollar entsprechen, die staatlichen Wechselstuben aber keine Devisen mehr ausgeben, wird auf dem Schwarzmarkt bereits das Doppelte, also 48 CUP und mehr für einen US-Dollar gezahlt.

Das Angebot in den Nicht-Devisenläden ist ausgedünnt. Und dort, wo es noch etwas zu kaufen gibt, bilden sich lange Schlangen. Die sind zum sichtbaren Ausdruck der prekären Versorgungslage geworden. Wer es sich leisten kann, lässt sich sein Essen nach Hause liefern. Und zum Glück gibt es noch die staatlichen Bodegas, in denen ein Teil der Grundnahrungsmittel wie Reis und Bohnen, aber auch Zucker, Reinigungsmittel und Seife zu subventionierten Preisen abgegeben werden - ohne Schlange stehen zu müssen. Denn bei den Bodegas werden die wenigen Produkte gegen die »libreta«, das monatliche Bezugsheft, an bestimmte Personenkreise ausgegeben. Darüber hinaus aber muss für praktisch jede Art von Produkt angestanden werden, egal ob Lebensmittel oder Hygieneartikel - oft stundenlang. »Einen Tag Hähnchen hier, morgen Speiseöl dort. Die Schlangen hören dadurch nie auf«, klagt Barragán.

Es gibt aber auch viele, gerade ältere Leute, die nicht Schlange stehen können oder wollen. Eine von ihnen ist Guadelupe Fonseca. »Jeden Tag stundenlang irgendwo anstehen?«, sagt sie. »Nicht mit mir!« Die Pensionärin kauft lieber »linksherum«, wie der Schwarzmarkteinkauf auf Kuba genannt wird, und zahlt dafür etwas mehr. Ihre Töchter, die in den USA leben, überweisen regelmäßig etwas Geld. Hinzu kommt die Sorge vor dem Ansteckungsrisiko in den Menschenansammlungen. Um sich der Gefahr nicht auszusetzen, kaufen viele auf dem Schwarzmarkt und bezahlen gezwungenermaßen das Doppelte oder Dreifache wie im Laden.

Nach seinem Einkauf in Carlos III habe er sich zu Hause hingesetzt und »zum Spaß« den Einkaufszettel ausgewertet, erzählt Carlos Medina. »Bei einem Einkauf für 1300, 1400 CUP habe ich gegenüber dem Schwarzmarkt fast 3000 CUP gespart. Ein Paket Geflügelbrust kostet im Laden 175-200 CUP, auf der Straße 375-400. Und Shampoo statt 50 sogar 150 CUP«, rechnet er vor.

Und so hat die Versorgungskrise einen Geschäftszweig aufblühen lassen: professionelle Schlangesteher, coleros, die ihren Platz in der Warteschlange gegen eine kleine Summe abtreten beziehungsweise die Waren auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen.

Einer, der so in der Pandemie ein Auskommen gefunden hat, ist Marco Jiménez. Der Anfang 40-Jährige ist in einem staatlichen Optiklabor angestellt. Vor der Währungsumstellung verdiente er 280 CUP im Monat, knapp zwölf US-Dollar. Nebenbei verkaufte er unter der Hand Brillen(-gläser) und besserte so sein Einkommen auf. »Ab Ende 2019 aber gab es keine Materialien mehr, kein Glas, und wir wurden nach Hause geschickt. Zwei Monate bekamen wir noch Gehalt, dann nichts mehr«, erzählt er. Ein Freund brachte ihn auf die Idee, mit Schlangestehen Geld zu verdienen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie werden aus Hygienegründen in die meisten Geschäfte nur noch zwei bis vier Kunden gleichzeitig hereingelassen. Das hat die Warteschlangen potenziert. Die Reduzierung der Öffnungszeiten und die in Havanna geltende nächtliche Ausgangssperre verschärfen das Problem noch.

»Ab fünf Uhr morgens darf man raus. Die Leute markieren ab dann ihren Platz in der Schlange«, sagt Jiménez. Das tun sie, indem sie nach dem Letzten (»el último«) in der Schlange fragen. »Statt nach hinten, wachsen in Kuba die Schlangen nach vorn. Denn mit Ladenöffnung um neun tauchen diejenigen auf, die vorher markiert haben. Es kann also passieren, dass dann nicht mehr zehn, sondern plötzlich 70 Leute vor einem stehen.« Einige verkaufen ihren Platz in der Schlange, in der Regel für 50 CUP.

Zeitaufwendiger, aber auch lukrativer ist es, selbst einzukaufen und dann weiterzuverkaufen. »Hühnchen, Hackfleisch, Mayonnaise, Spaghetti, was auch immer es gibt«, zählt Jiménez die Produkte auf. Beim Weiterverkauf verlangt er in der Regel das Doppelte. Jiménez schätzt, dass 80 Prozent der Leute in den Schlangen Weiterverkäufer sind. Auch wenn die Zahl vielleicht etwas hoch gegriffen ist, die Dynamik ist klar: Ein Großteil der Produkte landet auf dem Schwarzmarkt.

Die Regierung versucht gegenzusteuern, hat Preisobergrenzen festgelegt und von allen, die einen Laden betreten, wird der Ausweis gescannt. Damit soll verhindert werden, dass die Leute sich jeden Tag oder mehrmals täglich irgendwo anstellen. Zahlreiche Produkte sind darüber hinaus normiert. So gibt es beispielsweise pro Person nur ein Päckchen Hühnerfleisch. Jiménez nimmt daher in der Regel zwei, drei Leute mit, um größere Mengen einkaufen zu können, wie er sagt. »Ansonsten lohnt es sich nicht.« Manchmal spricht er auch vor dem Laden Wildfremde an und bietet ihnen etwas Geld, damit sie ihn begleiten und er mehr kaufen kann.

Präsident Díaz-Canel hat mehrfach angekündigt, hart gegen Spekulanten vorzugehen. Die Geldbußen sind hoch: 2000 CUP für diejenigen, die sich mehrfach anstellen; wer beim Weiterverkauf und mit einem Warenlager daheim erwischt wird, zahlt sogar 8000 CUP. Jiménez agiert vorsichtig. Er gehe nur zwei-, dreimal die Woche - »um nicht aufzufallen«, wie er sagt. Mittlerweile hat er feste Abnehmer, wodurch sich das Risiko reduziert.

Zwischen 750 und 1000 CUP verdient er pro Woche, sagt er. Damit komme er gut über die Runden. Zumal er seit zwei Monaten vom Staat für »pesquisas«, also Nachforschungen eingesetzt wird, von Haustür zu Haustür geht, um Coronainfizierte aufzuspüren. Dafür erhält er derzeit wieder sein staatliches Gehalt. Das hat sich durch die Währungsunion verzehnfacht. Allerdings sei auch alles teurer geworden, so Jiménez. Das britische Forschungsinstitut Economist Intelligence Unit erwartet für Kuba in diesem Jahr eine Inflation zwischen 400 und 500 Prozent.

Jiménez hofft, bald in seinen alten Job zurückkehren zu können. »Schlange stehen hat geholfen, um zu überleben«, aber vom stundenlangen Anstehen, um etwas Geld zu verdienen, hat er langsam die Nase voll. Vermissen wird er die Schlangen nicht, sagt er.

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