Die Krankheit im Körper der Stadt

Amjad Nasser schreibt über die Rückkehr in eine unheimliche Heimat

  • Lesedauer: 9 Min.

Nun kehrst du zurück. Lange warst du auf der Flucht, vor dir und deinem Namen, vor den Folgen deines Handelns. Viel Zeit ist verstrichen seit deinem Weggang, der ohnehin nur für einige an dir Interessierte von Bedeutung gewesen war. Und auch diese wenigen werden, wie üblich, immer rarer. Du bist nicht gewiss, was noch blieb vom lodernden Feuer, das in den Tagen der Jugend und Hoffnung tief in deinem Innern brannte. Zahllose Schuhe haben deine Füße seither beim Schlendern auf Bürgersteigen zerschlissen, beim Wandern auf staubigen Pfaden und gepflasterten Straßen. Wie viele Schritte werden sie noch zurücklegen müssen? Wie viel Aufruhr wird dein Herzmuskel noch verkraften können? Was vermag dich noch zu erregen? Verspricht nicht der Duft von Kaffee weiterhin helle Morgen, auch wenn sie nie kamen? Werden deine Augen, von denen das eine in diese und das andere in die entgegengesetzte Richtung schaut, endlich an einem einzigen Punkt zusammenfinden? Wie kannst du noch glauben, du hättest einen »hübschen Silberblick« - diese nette Flunkerei, eines fernen Tages dir aufgetischt von zwei Lippen wie Weinbeeren, die du als Erster kosten durftest? Deine Augen sind wie du. Wie du selbst müssen sie zu einem einheitlichen Blick gezwungen werden. Fast möchtest du dich fragen: Wer ist Verlierer, wer Gewinner auf diesem spiralförmigen oder kreisrunden Weg, der dich zurückführt zum Ausgangspunkt? Diese Frage lässt dir keine Ruhe. Und eine andere überfällt dich, eine Frage, der du sonst nie Gelegenheit gabst, sich ebenso in deinem Kopf zu verdichten: Hast du den Weg verfehlt? In einer Situation wie der deinen sind solche Grübeleien schwerlich zu vermeiden, obwohl du in deinem langen Exil gelernt hast, unliebsame Fragen zu unterdrücken oder ihnen durch Aufschub und Verharmlosung auszuweichen. Aber von heute an wird es kein Aufschieben mehr geben, kein Verharmlosen. Mochte früher die Zeit dahinschleichen, über die Erde, durch deinen Körper, es hatte dich nicht gekümmert. Jetzt ist ihr Schlurfen unüberhörbar geworden.

Alles ist endlos, und doch bleibt nichts, wie es ist. Eine Lehre, die deine Hand begriffen hat, bis in die Knochen, bis in die Nerven hinein, die Hand, die längst nicht mehr wie eine Bronzefaust durch die Luft fährt, die sich ratlos, mit hervortretenden Adern auf den Tisch niedersenkt. Deine Hand, die fortan alles neu bewerten muss: Dimensionen und Volumen, Schwere und Leichtigkeit. Hast du nicht bemerkt, wie unsicher sie wird, wenn sie Leute begrüßt, Richtungen anzeigt oder Dinge berührt? Vielleicht war es dir bisher nicht aufgefallen, denn im Getöse von Fleisch und Blut überhört man die Schläge jenes mysteriösen, perfiden Meißels, bis sich die Steine der Zitadelle bereits von innen her zu lockern beginnen. Aber nun kommt das Dröhnen deines Meißels schon direkt aus der Lunge und lässt sich nicht immer mit der bloßen Hand oder einem Taschentuch dämpfen.

Wo sollst du beginnen mit deiner langen Geschichte, vielmehr deinen Geschichten, die ineinander verschachtelt sind wie Räume eines alten arabischen Hauses? Du weißt es nicht genau. Zeiten und Geschehnisse, Gesichter und Stimmen vermischen sich in deiner Erinnerung. Bei der Behörde für Nationale Sicherheit hatten dich die Offiziere zu einem Ablaufprotokoll der Ereignisse und Tatbestände genötigt. Möglicherweise sind sie in chronologischer Hinsicht jetzt besser geordnet. Du freilich kannst nichts anfangen mit all den Aufzeichnungen, die in einer speziell dir vorbehaltenen Schublade in jenem fünfzackigen sternförmigen Steingebäude vor sich hin schlummern. Abgesehen davon, dass es in diesen kalten bürokratischen Berichten gar nicht wirklich um dich geht, um deine innere Welt, deine Motive, die Sedimentschichten deines Selbst. In derlei Auflistungen finden sich weder Monologe noch Wach- oder Albträume, weder Echos noch subtile Verflechtungen, da ist nichts weiter als Gleichförmigkeit, Pedanterie und das lineare Abspulen von Vorfällen und Namen. Wo blieben die leichtfüßigen Schritte deiner Mutter, wenn sie nachts, zwischen den am Boden ausgebreiteten Matratzen umherhuschend, diesen Sohn oder jene Tochter zudeckte, die Fenster verschloss oder öffnete und frühmorgens vor allen anderen aufwachte, um ihre Lieben mit dem Duft von Kaffee und frischem Brot zu wecken? Wo wäre die lange, hagere Gestalt deines Vaters vermerkt, seine lässig im Mundwinkel hängende Zigarette? Seine Tinten, Schreibfedern und Kalligraphien, mit denen er das Labyrinth der Schöpfung erkundete? Sein gemächliches Tappen, mit dem er die zwölf Stufen in seinen unterirdischen Tempel hinabstieg? Wo steht etwas über das Lärmen deiner Brüder und die Sanftheit deiner Schwestern? Wo erscheint das geflügelte Schattenbild deiner Großmutter? Oder dein Großvater, wenn er stracks aufgerichtet dasaß wie der Buchstabe Alif, Großvater, dessen Hand keine Sprichwörter und Weisheiten mehr kalligraphiert hatte, seit sich Dunkelheit in seinen Augen einnistete? Was ist mit all den Gesichtern, deren Züge, du weißt nicht, wieso, sich für immer deinem Gedächtnis eingeprägt haben, und jenen anderen, deren Feinheiten ausgelöscht sind und die dich dennoch mit ihren gespenstischen Prozessionen über den Bildschirm deiner Erinnerung schlaflos machen? Wo sind sie, die Düfte, rätselhafte Aromaspeicher deiner geheimen Schätze an Bildern und Empfindungen? Wo blieben sie, die Bürgersteige, die Kälte, das Leben, wenn es nur noch glücklicher Zufall war, der niedrige Himmel, grau wie eine Wand aus Asche, die überlangen, durchwachten Nächte, der Husten, die hartnäckigen Hoffnungen, die tänzelnden Lichter der Heimkehr? Nichts davon steht in diesen Berichten, die vor lauter Trockenheit knistern. Denn all das sind Dinge, die sie nicht interessieren. Die nutzlos wurden, nachdem die Buchführung erledigt und die Ernte abgewogen war. Du wiederum hattest auf gewisse Fragen, die dir die Ermittler stellten, entweder gar nicht oder ausweichend geantwortet. Diese Themen beschäftigen dich nicht mehr. Deine Reaktion war kühl, als ginge es um eine andere Person. Doch wie auch immer, das war die Version, die sie haben wollten, um ihre Akten zu komplettieren und die Lücken in ihren Dossiers zu schließen; deine detailreiche und zugleich verworrene Darstellung war ihnen gleichgültig. Also beginn hier, obwohl es vielleicht nicht der passende Auftakt sein mag, aber jede Geschichte braucht irgendeinen Anfang.

Eines Tages wurde die Grau-Rote Stadt von einer Seuche heimgesucht; Schreckensbilder uralter Pestilenzen lebten wieder auf. Du erinnerst dich an das Entsetzen, das sich über die Metropole legte. An zügellose Enthemmung. Den Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Eine gewaltige Erschütterung, die alles erfasste. Denn die Epidemie war beinahe ohne spürbare Vorzeichen gekommen. Manche führten sie zurück auf die Heerscharen von Immigranten, insbesondere solchen aus armen Ländern, auf ihre Einpferchung in Slums oder überfüllten Flüchtlingslagern. Andere meinten, die Krankheit habe bereits im Körper der Stadt geschlummert und nur noch eines Auslösers bedurft, um unter der Bevölkerung zu grassieren. Auch deine Frau, die du auf der Sonneninsel kennengelernt hattest, wurde vom schwarzen Flügel der Seuche gestreift. Und du selbst hättest mehr als einmal fast dein Leben durch die Hand von Banditen verloren. Aus dem Arbeiterviertel, wo du wohntest, waren die meisten deiner Nachbarn verschwunden. Du wusstest nicht, was mit ihnen passiert war. Ihre Türen waren aus den Angeln gerissen. Etliche Häuser wurden abgefackelt, etliche geplündert. Den eingewanderten Gemischtwarenhändler, der dir stets Kredit gewährt hatte, bis du »mal wieder bei Kasse« wärst - und das in einer Stadt, wo solche Praktiken eigentlich unbekannt sind -, fandest du vor seinem ausgeraubten Laden liegend, den Mund weit aufgesperrt, wie zu einem Schrei. Viele wurden hingerafft von dieser Epidemie, die ohne klare Ursache in der letzten Stadt deiner langen Reise ausgebrochen war. Unter ihnen auch einige deiner Berufskollegen und Stammtischfreunde in der Kneipe. Immer wieder siehst du die Bilder vor dir. Die Opfer, niedergestreckt von der Seuche, auf Straßen und in Quarantänestationen, an Bushaltestellen und in U-Bahn-Schächten. Deine Frau, wie sie dich hinter der Glasscheibe mit matten Augen anstarrt. Husten, der die Lunge zerreißt. Ausgespienes Blut. Nahezu urzeitliche Gefühlsausbrüche und Verhaltensweisen. Masken, die ihre Träger wie Straßenräuber erscheinen lassen. X-Zeichen, mit dicker schwarzer Farbe auf Wände geschmiert, um ein Haus zu markieren. Codierte Gespräche, von denen du nichts verstehst, und beklemmende Stimmen, die sich anhören, als kämen sie aus den Eingeweiden, nicht aus der Kehle.

Ein ums andere Mal kehrt diese Erinnerung zurück, vielmehr dieser Albtraum: Du nimmst die Nebenstraßen, um deine Frau auf einer Isolierstation in der City zu besuchen, wo im Vergleich zu den außer Kontrolle geratenen Vororten immerhin noch eine gewisse Ordnung herrscht. Von irgendwoher stürzen sich drei Maskierte auf dich. Du trägst einen Beutel mit ein paar Lebensmitteln. Sie zücken Messer, die mit ihren scharfen Klingen den spannungsgeladenen Raum zwischen euch durchfunkeln. Sie befehlen dir, den Beutel auf den Boden zu legen. Sie sagen, wenn du deine Haut retten willst, sollst du ihn fallen lassen und beiseitetreten. Du tust es. Was sie im Beutel finden, reicht nicht aus, um ihren wilden Blick hinter den Larven zu besänftigen. Sie verlangen, dass du ihnen alles Geld aushändigst, das du bei dir hast. Du wirfst ihnen die Brieftasche von Weitem zu. Anscheinend ist nicht genug darin, dass sie von dir ablassen. Sie bemerken den Ehering an deiner linken Hand. Sie fordern dich auf, ihn abzuziehen. Es ist schwer, ihn herunterzubekommen. Nicht nur weil sein Verlust für dich schmerzlich wäre, sondern auch weil deine Hände plötzlich anschwellen. Angst treibt dein Blut an, und sie quellen auf wie frische Bauernbrote. Du versuchst, den Ring abzudrehen, aber es gelingt dir nicht. Einer der Maskierten nähert sich vorsichtig. Er fuchtelt mit seinem Messer. Die Bewegung der Klinge ist unmissverständlich. Einer der beiden Banditen im Hintergrund hustet. Es hört sich an, als platzte ihm die Lunge. Gleich würde er ausspucken müssen. Er speit Blut auf den Boden. Du ahnst etwas von seinem Gesicht hinter der Larve. »Eure Hautfarbe ist ja wie meine!«, sagst du in der Landessprache zu dem Maskierten, der auf dich zukommt. Das war naiv, doch du konntest nicht anders. »Schnauze!«, fährt er dich an. »Halt bloß dein Maul!« Er schiebt die Messerspitze zwischen Ring und Finger und beginnt zu hebeln. Es tut höllisch weh. Du siehst das Blut tropfen, aber du unterdrückst deinen Schmerz. Der Ring rührt sich nicht, der Maskierte wird ungeduldig, er ändert seinen Plan, offenbar will er dir den Finger abschneiden. Da erscheint am Ende der Straße ein Polizeiauto und bewahrt dich vor der Amputation …

Amjad Nasser
Wohin kein Regen fällt
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Mit einem Nachwort von Elias Khoury
Lenos-Verlag
307 S., geb., 24,80 €

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