Bruder Oberst und die Löwen

Klischees und Realität: Geschichte und Gegenwart Libyens anschaulich erklärt

  • Lesedauer: 8 Min.

Die Libyer! Warum wir zu wenig über dieses Land wissen und wie ein merkwürdiges Bild entstand (Auszug aus dem einleitenden Essay von Daniel Gerlach und Robert Chatterjee)

Mancher Film schreibt seine eigene Geschichte. Und manchmal ist diese ebenso tragisch oder kurios wie die Story, die der Film eigentlich erzählen wollte. Der »Löwe der Wüste« floppte 1981 an den Kinokassen, trotz eines angeblichen Produktionsbudgets von 35 Millionen US-Dollar … Dabei hatte der Streifen durchaus Potenzial. Da waren opulente Schlachten, am Originalschauplatz gedreht. »Löwe der Wüste« erzählt die Geschichte des Dorflehrers Omar Al-Mukhtar, der in den 1920er Jahren in der libyschen Cyrenaika einen Aufstand gegen die italienischen Besatzer führte. Auch ein politischer Skandal war zu erwarten - Italien ließ den Film, weil er die Würde seiner Streitkräfte herabsetzte, tatsächlich auf den Index setzen. Und auch beim Casting ließ man sich nicht lumpen: Ein weiser und würdevoller Anthony Quinn in der Titelrolle, Oliver Reed … als erbarmungsloser General Rodolfo Graziani, Rod Steiger als finsterer »Duce« Benito Mussolini …

Regisseur und Produzent war der aus Aleppo stammende Moustapha Akkad, der 1976 bereits mit Anthony Quinn »Mohammed - der Gesandte Gottes« produziert hatte, wobei Gaddafi dabei kurzfristig als Sponsor eingesprungen war, weil sich die Saudis aus dem Projekt zurückgezogen hatten. Danach entstand offenbar die Idee, sich gemeinsam dem libyschen Befreiungskampf zu widmen. In einem Interview am Set erklärte Akkad, die Geschichte von Omar Al-Mukhtar solle die Araber einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen - sonst seien sie neben »Nazis und Indianern« ja grundsätzlich die Bösen. Sein Kriegsfilm zeigte den Einsatz von Maschinengewehren und Giftgas durch die Italiener gegen die Aufständischen und schließlich die Hinrichtung Mukhtars in einem Konzentrationslager in der Wüste …

Der »Löwe der Wüste« kam zur rechten Zeit - zumindest für Oberst Muammar Al-Gaddafi, der den Misserfolg an den Kinokassen gewiss sehr schnell verschmerzte. Gaddafi wollte mit der Geschichte nicht nur das wenig anerkannte Leid der kolonisierten Libyer bekannter machen, sondern sich selbst die Figur des Nationalhelden Mukhtar aneignen und dienstbar machen. Er, der »Bruder Oberst«, nahm für sich in Anspruch, die Libyer, die Araber und die kolonisierte Welt gegen die Arroganz westlicher Mächte zu verteidigen - wie einst Mukhtar gegen die faschistischen Besatzer.

Im Januar 1981 war Ronald Reagan ins Weiße Haus eingezogen. Vier Monate später wiesen die USA sämtliche libysche Diplomaten aus. Die Feindschaft sollte bald persönlich werden, dergestalt, dass beide Staatschefs einander nach dem Leben trachteten. Gaddafi stand im Verdacht, mehrere Terrorgruppen zu unterstützen, darunter die Palästinenserorganisation Abu Nidal, die Attentate auf israelische, jüdische und westliche Ziele verübte. Gaddafi war auf dem besten Weg, der Lieblingsfeind der westlichen Welt zu werden und hatte es dennoch geschafft, dorthin vorzudringen, wo westliche Kultur und ihre Weltbilder maßgeblich gezeichnet wurden: auf die Kinoleinwand …

2009 reiste Gaddafi - inzwischen nicht mehr Hassfigur, sondern ein exzentrischer, aber gern gesehener Partner verschiedener europäischer Regierungen - mit einem Tross nach Rom, um sich bei Silvio Berlusconi für eine finanzielle Wiedergutmachung der kolonialen Kriegsverbrechen zu bedanken. Er trug ein Foto mit Mukhtars Konterfei mit sich herum, was als diplomatischer Affront betrachtet wurde. Das italienische Fernsehen aber nahm die Reise zum Anlass, um den Film erstmalig auszustrahlen.

Zumindest in Ausschnitten kehrte er noch einmal auf die Weltbühne zurück - in einem Propagandavideo der Organisation »Islamischer Staat« (IS) aus dem Jahr 2016. Die Dschihadisten, die sich inzwischen auch in Libyen ausgebreitet hatten, priesen darin die Opferbereitschaft der Muslime und verkündeten: Kreuzzügler und Kolonialherrscher würden die islamische Welt nie wieder spalten und beherrschen können. Im Sinne des Regisseurs Moustapha Akkad dürfte das nicht gewesen sein, man konnte ihn allerdings nichtmehr fragen. Akkad war am 9. November 2005 an der Seite seiner Tochter Rima bei einem Selbstmordattentat auf das Hyatt-Hotel in Amman gestorben. Drahtzieher der Anschlagsserie mit insgesamt 60 Toten war Abu Mus’ab Al-Zarqawi, Gründer des »Islamischen Staats im Irak«.

Vom Kolonialkrieg über die Herrschaft Gaddafis zum »IS« - in der sonderbaren Geschichte des Films und seiner Akteure spiegelt sich so vieles wieder: Die Zeitgeschichte eines jungen Staates und seiner einzigartigen Beziehungen zu Europa und den USA; aber auch die unvollständigen, lückenhaften oder verzerrten Bildausschnitte, welche die Wahrnehmung von Libyen bis heute prägen. Und natürlich Unterhaltungs- und Popkultur, die dabei immer eine Rolle spielten … Gaddafi wollte immer Teil der Öffentlichkeit in Europa sein. Und mit seinen wortgewaltigen, später auch clownesken Auftritten und Interviews schien der Bedarf an Bildern und Berichten über Libyen gestillt. Libyen, das war Gaddafi. Mit ihm obsiegten die Klischees; und eine unvoreingenommene, geschweige denn intensive Beschäftigung mit der libyschen Gesellschaft wurde durch ihn obsolet. Das junge Land stand wie kaum ein anderes im Schatten einer einzigen Biografie. Gewiss erschwerte das libysche Regime Journalisten den Zugang. Die Weitläufigkeit des Landes trug ebenfalls dazu bei, dass es schwerer war, sich von Libyen und seinen Bewohnern ein ganzheitliches Bild zu machen. Aber die Prominenz des »Bruders Oberst« und die Faszination, mit der ihm europäische Medien begegneten, waren wohl ausschlaggebend dafür, dass ein Libyen ohne Gaddafi so gut wie gar nicht vorkam …

Der Fläche nach zählt Libyen zu den 16 größten Staaten der Erde, wenngleich über 90 Prozent des Landes aus Wüste bestehen. Weniger als ein Zehntel davon sind urbar, dafür verfügt das Land über beträchtliche Ölreserven. Ein territorialer Riese, ein politischer Zwerg, der im Laufe seiner kurzen Geschichte aber immer wieder in höhere Gewichtsklassen einstieg. Seit dem 16. Jahrhundert gehörte das Land zum Osmanischen Reich und unterstand dabei zumindest nominell der Herrschaft des Sultans. Aber Tripolitanien und die Cyrenaika waren nun einmal weit entfernt von Konstantinopel und die Osmanen mussten strategische Prioritäten setzen. Lokale Herrscher übernahmen, darunter auch einige Korsaren, die auf dem Mittelmeer Schiffe aufbrachten und mit europäischen Sklaven handelten. Zwischen 1801 und 1805 führte das US Marine Corps seine erste Militäroperationen in Übersee ausgerechnet in Libyen durch, um die Korsaren zu bekämpfen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der osmanische Kavallerie-Offizier Ahmad Qaramanli eine später nach ihm benannte Dynastie begründet, die fast hundert Jahre in Tripolis herrschte. Erst in den 1830er Jahren, als die europäischen Mächte zunehmend in den südlichen Mittelmeerraum expandierten, Frankreich Algerien eroberte und der osmanische Pascha Muhammad Ali in Ägypten sich der Kontrolle des Reiches entzog, gewann das heutige Libyen strategisch große Bedeutung für die Osmanen. Der Sultan brachte Tripolitanien wieder unter direkte Kontrolle und unterhielt dort einen wichtigen Armee- und Marinestützpunkt - bis zur Eroberung Libyens durch die Italiener am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Es zeichnet sich ein Muster ab, das bis heute das Schicksal dieses Landes prägt: Libyen war oft Schauplatz machtpolitischer Konflikte, die eigentlich ganz woanders ihren Ausgang genommen hatten. Und das Gebiet wurde aufgrund seiner Lage als Puffer zwischen konkurrierenden Mächten immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. Libyen weckte die Begehrlichkeiten auswärtiger Mächte vor allem dann, wenn sie die Pläne Anderer durchkreuzen wollten, oder aber, weil kein anderes, wertvolleres Land mehr frei war, um es zu besetzen.

Von einem Nationalstaat Libyen konnte natürlich keine Rede sein. Die östliche Cyrenaika, das westliche Tripolitanien und der Fezzan im Süden wurden über die meiste Zeit nicht als geografische oder gar politische Einheit wahrgenommen. Und während die Küstenstädte ihre eigene Identität ausprägten, mittelmeerisch und osmanisch, blieb der Rest des Landes ein Zwischenraum, dessen Gestalt im späten 19. Jahrhundert vor allem von den Expansionsinteressen der Kolonialmächte geprägt wurde: Frankreich mit seinen Kolonien und Protektoraten in Westafrika, dem Sahel, Marokko, Algerien und Tunesien - und auf der anderen Seite Großbritannien mit dem Protektorat beziehungsweise Kondominium über Ägypten und Sudan. Bevor Mitte des 20. Jahrhunderts der Ölreichtum zu einer gewaltigen wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung führte, hatten die Regionen Libyens lange Zeit unter wirtschaftlichem Niedergang zu leiden. Besonders die Cyrenaika hatte über Jahrhunderte vom Trans-Sahara-Handel profitiert, insbesondere dem Geschäft mit afrikanischen Sklaven für die Provinzen des Osmanischen Reiches. Erinnerungen und Reminiszenzen an dieses eher finstere Kapitel in der Geschichte Libyens werden geweckt, wenn in den Nachrichten heute über Internierungslager berichtet wird, in denen afrikanische Migranten unter würdelosen Umständen gehalten, misshandelt und zum Teil sogar auf regelrechten Sklavenmärkten mehr oder weniger öffentlich feilgeboten werden. Und es finden sich sogar Versuche, diese Geschäfte als kompatibel mit der Scharia zu legitimieren, zumal ja Generationen frommer Libyer davon gelebt hatten …

Nach dem Fall des Gaddafi-Regimes wurde es noch komplizierter: Es entstanden neue Räume für neue Subkulturen, für Filme, Kunst, Sport und Musik. Die Spiele der italienischen Seria A, die neusten Folgen von Serien wie »Game of Thrones« gehören für viele, gerade junge Libyer heute genauso zu ihrem kulturellen Alltag wie der Gang in die Moschee und das »Bariyoush«-Brötchen zum Frühstück. Zu den wieder neu aufgeworfenen ethnischen und regionalen Identitätsfragen gesellen sich jene, die Libyen mit der Region, und teilweise mit der ganzen Welt teilt. Dieses Buch dokumentiert diesen Prozess mancher Libyer, sich wiederzuentdecken und neu zu erfinden. Die Reportagen, Analysen und Fotos sind aus Projekten entstanden, die selbst das Resultat dieser neuen Realität sind: »Local Libya« bringt seit 2016 Lokaljournalisten aus allen Teilen des Landes zusammen, die Geschichten aus ihren Heimatorten erzählen und teilen. Geschichten über die Herausforderungen der Selbstorganisation, über neue Möglichkeiten und Träume, aber auch über Widerstände, über Rückschläge angesichts der Realität von Bürgerkrieg und Milizenherrschaft. Im Wettbewerb »Libya Uncharted« teilen Fotografen diese Geschichten in Form von Bildern. Bei beiden Projekten der Candid Foundation und des Nahost-Magazins zenith, die aus Mitteln des Auswärtigen Amts gefördert wurden, geht es nicht darum, genau zu definieren, wer oder was »die Libyer« eigentlich sind. Es geht darum, Klischees zu hinterfragen, und zu zeigen, was Menschen verbinden kann. Und nicht nur das, was sie heute trennt.

Daniel Gerlach und Robert Chatterjee (Hg.)
Das neue Libyen. Geschichten aus einem unbekannten Land
Deutscher Levante-Verlag
333 Seiten, kt., 13,80 €

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung