Ich kann nicht alleine wütend sein

Ein informeller Kultur- und Literatursalon in Tunesien räumt mit dem Patriarchat auf

  • Lesedauer: 9 Min.

Yosra Esseghir / Das Kollektiv Chaml

Als sich das Kollektiv Chaml gründete, waren wir bloß eine Handvoll Frauen. Eine Handvoll unzufriedener Frauen, die nicht bereit waren, sich mit dieser Unzufriedenheit abzufinden, die in den sozialen Netzwerken ihrem Unmut über ein ungerechtes Gesellschaftssystem Luft machten. Schnell schlossen sich uns viele andere an und so entschieden wir, uns mit keinem geringeren Ziel zusammenzutun, als diese Gesellschaft zu verändern. Über unseren Austausch im virtuellen Raum merkten wir, wie stark sich unsere Themen überschnitten. Dies gab uns den Anlass, einen realen Ort der Begegnung und der Diskussion zu schaffen. Der informelle Kultur- und Literatursalon »Chez Amal« (»Bei Amal«, der Salon traf sich zunächst im Wohnzimmer von Amal Khlif Claudel, eine der Mitgründerinnen. A. d. Ü.) war geboren. Wir nannten uns Chaml. Im Arabischen bedeutet das so viel wie »der Einschluss aller Unterschiedlichkeiten«. Wir sind eine Gruppe tunesischer, feministischer, politisch aktiver Frauen: Professorinnen, Sozialforscherinnen, Journalistinnen, Studentinnen, Malerinnen, Computerkünstlerinnen, Schauspielerinnen, Lyrikerinnen, Fotografinnen und weitere, die ihre Stimme hörbar machen wollen. Das Schreiben ist eine unserer Waffen. Was wir erreichen wollen, ist die Dekonstruktion des Bildes der »tunesischen Frau« und seiner sozialen Klischees. Unser Ziel ist die Wertschätzung von Tunesierinnen in ihrer Diversität. Wir möchten einen Ort des Austauschs schaffen, unsere Erfahrungen teilen und über feministische Fragen diskutieren. Durch die Verbreitung künstlerischer und literarischer Werke fördern wir weibliche / feministische Kultur(en). Unsere Aktionen richten sich gegen jegliche Diskriminierung und soziokulturellen Stereotype. Wichtig und wertvoll sind uns das Respektieren von Identitäten, Freiheiten und der eigenen Entscheidung; die Stärkung von Frauen in ihrer Selbstbestimmung; die gegenseitige Unterstützung und Solidarität; der Kampf gegen jegliche Form der Diskriminierung wie Sexismus, Rassismus, Klassismus, Homophobie; das Aufbrechen internalisierter patriarchaler Muster.

Unsere Aktionen beruhen auf dem Konsens aller Chaml-Mitglieder. Wir initiieren öffentliche Diskussionen zu feministischen Inhalten. Wir schaffen Plattformen für den literarischen und kulturellen Ausdruck von Frauen (Blog, Fanzine), richten kulturelle Veranstaltungen aus (Filmvorführungen mit anschließender Diskussion, Lesungen, Performances etc.), starten Sensibilisierungskampagnen (Flugblätter, Internetkampagnen), gestalten Workshops zu Frauen-, feministischen und kulturellen Fragen und organisieren die Unterstützung von Frauen bei kulturellen Projekten. Chaml ist kein geschlechtergemischtes Kollektiv. Es ist ein Kollektiv, an dem sich alle Menschen beteiligen können, die sich als Frauen verstehen, die sich mit unseren Visionen und Prinzipien identifizieren und die bereit sind, Energie in die Gestaltung einer Gruppe zu investieren.

Waad Krouna Regenrauschen

Dass ich nicht gut höre, sagte der Arzt und er schwankte zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Es könnte ein Stolpern gewesen sein, ein Sturz oder der Schrei bei einem Aufprall. In deinem Kopf hallt das Echo. Wie das?

Er lächelt mit seinen weißen Haaren und seinen glotzenden Augen.

Meine Kleine, der Rattenfänger wohnt in deinem Kopf und eine Menge Ratten, aber die Bäche sind ausgetrocknet. Höre auf den Regen und hüte dich vor der Trockenheit.

Sie irren sich, Herr Doktor, ich höre so gut wie ein Vollblutaraberpferd, das in Lichtgeschwindigkeit galoppiert und mit dem Wind mithält. Auch halte ich im Sprühregen an, weil ich Lust habe, Neues zu erforschen. Und wenn mir mein Zopf lästig wird, weil er so lang ist, blase ich hinein, wie in eine Zauberflöte und schlafe wie eine Katze auf dem Teppich Ali Babas, wo mir der Flaschengeist die Lieder der Stille singt.

Dass ich nicht gut höre, sagte mein Vater, dann schwieg er einen Augenblick. Er versuchte, den Garten wiederherzustellen, der aussieht wie eine Wunde. Er ist der Kopfschmerz, der die Stützen des Kopfes zusammenhält. Dabei sagte er: Eine abgehackte Hand ist besser als ein abgehackter Arm und zu hinken ist besser als ein amputiertes Bein. Und ein amputiertes Bein ist besser als gelähmt zu sein, und es ist besser eine Brille zu brauchen als einen Blindenstock, und besser eine Krücke als einen Rollstuhl. Sei unbesorgt und hab keine Angst mein Kind, du wirst mich immer hören, weil meine Stimme, selbst wenn sie flüstert, ist die Stimme derjenigen Wahrheit, die das Ohr nicht verfehlt und die auch Taubheit nicht zurückweisen kann. Dann bist du gealtert Vater, und ich habe dir immer aufmerksamer zugehört, weil du ständig brülltest. Ich wollte einen Stock und einen Rollstuhl, um mich mit der Stille meiner Erschaffung zu füllen. Aber ich war entstellt und die Musik, das Stöhnen Chopins und die Tränen Beethovens bekamen mich zu fassen. Ihr kennt den Schmerz nicht, grau und zur Neutralität geboren zu sein, nur das Inhaltsverzeichnis in einem schlechten Buch.

Dass ich nicht gut höre, sagte meine Mutter. Sie fächerte die Petersilie auf und horchte auf die Messerklinge, die sie zerhackt. Aber die Blättchen sind so klein und frisch, dass sie ihr entgehen, so wie eine Ähre von der Sense übersehen wird. Die Sense, Mama, ist deine Stimme, sie kommt und hallt wider. Weil du sagst, was dich abstößt ist, dass der Säugling deines Schoßes die verdorbene Fehlgeburt einer entstellten Vergangenheit ist, die du gelebt hast und in der du verfault bist, wie ein vergessenes Stück Brot auf dem Tisch. Dann verlierst du dich wieder im Geflecht deiner Stille als ob du Abbitte leisten müsstest für das Gebrüll bei meiner Geburt, für den Umfang meines Kopfes und das Gewieher meiner Träume, die verstümmelt sind wie ein Baumstumpf. Ich gebe dir nicht die Schuld für das, was passiert ist, dein Schoß war warm. Dort habe ich eine Stimme zurückgelassen, die dich durchstach, weil das Essen schlecht war, und dafür entschuldige ich mich. Aber es liegt an dir aufzuhören Kreide zu fressen. Ich habe viele Zeichnungen hinterlassen an den Wänden deines Innern, ein paar Noten und dreckige Sprüche.

Dass ich nicht gut höre, sagte ich, und aus Dummheit rechtfertigte ich damit meine Orientierungslosigkeit und Gleichgültigkeit mir selbst gegenüber. Denn eine Sache kann nur ins Gleichgewicht gebracht werden, wenn man ihr zuhört. Wie ermesse ich Logik, wenn ich nur schwätze, wie die mit einem Lächeln geknebelten Münder der einfältigen Passanten? Wie komme ich zur Ruhe, wenn ich bloß ein Miauen bin in einem tiefen, dunklen Loch? Wie kann ich mein Gesicht erkennen, wenn das Regenrauschen von Trockenheit verschüttet ist?

Wie?

Ich höre sehr gut. Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt.

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Amal Khlif Claudel: Fieber

mein Körper kocht
ein eiserner Kühlschrank, alt und rostig
stößt seinen Dampf aus … und einen seltsamen Ausfluss
mit einem Geruch, den ich nicht unterscheiden kann
zufrieden genieße ich seinen Schmutz
ich liebe das Fieber mehr als Alkohol und Drogen
das Gebet und die Poesie
ich liebe das Fieber
es fällt restlos über mich her
es reitet mich wie einen Stier
und so beugt sich der Schuft
der nicht an mich glaubt
der Bourgeoise, der Intellektuelle
der von mir abrückt
mein Körper!
der Tyrann stürzt
und er leistet dem Sturz keinen Widerstand, aus irgendeinem Zweifel
aus irgendeinem Trieb
belastet er die köstliche Reise nicht mit Bürde, nicht mit Siegel

Ich bestreue ihn mit Dichtung
Ich benetze ihn mit Lauten
Ich reize ihn mit Erinnerung
Ich kneife ihn
Ich kratze ihn
Ich kränke ihn mit den Grenzen seines Schattens
Ich beschimpfe ihn: Du Sklave des Systems

Du Stunde der Biologie
Du bestimmbares Hormon
Du blutendes Werkzeug
Zum Sterben verdammt!

er reagiert nicht
er protestiert nicht
er verschließt mir nicht die Tür und lässt mich nicht allein
ich liebe das Fieber
jetzt kann ich mich lösen vom weiblichen -in den Tempel der Buchstaben zerstören und die Tontafeln
mich befreien von Angst, von Hunger, von Schmerz und juckender Haut
ich kann eine Laus ersehnen
jedes einzelne Haar begierig beschlafen im selben Bart
den Bart rasieren kann
mich zurücklehnen, faulenzen, gleichgültig sein
ich kann
in der Wärme der stinkenden Achselhöhle wohnen
zwischen feuchten Flügeln
zwischen behaarten Hoden
ich kann frei und leicht leben in Ruhe und in Frieden.

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Nadia Fourti Fourati

Offener Brief an das kleine Ding, das ich niemals kennenlernen werde

Tunis, 17. März 2015

Ich habe doppelt so viel Appetit und halb so viel Energie. Dass ich den Zauber nicht spüre, den ich spüren sollte, zerreißt mir das Herz. Ich bin traurig, aber ohne Reue. Es tut mir leid, dass das hier ein Abschied sein muss. Ich bin trostlos, dass ich niemals sehen werde, ob du die Augen deines Vaters oder den Teint deiner Mutter hast … Mein kleiner Knirps, glaube mir, das nächste Mal wirst du in meine Welt kommen. Ich verspreche dir, das nächste Mal wirst du mich auf jeden Fall Mama nennen können. Ich werde für dich bereit sein, du kleines Ding … kleiner widerspenstiger Embryo. Ich spüre, wie du dich mutig ans Leben klammerst, durchgerüttelt vom Beben meines Herzens. Und du weißt, dass du der Einzige bist, der mein Herz von innen hat schlagen hören.

Kleiner Embryo, der eine Mutter gewählt hat, die Nein zu ihm sagt. Und ich, deine Mutter, die dir anstatt des Grolls so gerne Zärtlichkeit geschenkt hätte. Es war eine kurze Reise mit dir an meiner Seite, es war der herzzerreißendste aller Abschiede. Auf dass du im Königreich der zarten Babys bist, die niemals das Tageslicht erblickten.

Die, die dich so kurze Zeit in sich getragen hat

Die, die nicht deine Mutter sein konnte

Die, die sich entschied, abzutreiben

Amal Khlif Claudel

Ich kann nicht alleine wütend sein

Ich kann nicht alleine wütend sein, nur ich als kleine einzelne Frau. In meiner Kehle sitzt ein Stamm von Frauen, die Beine über Kreuz. Sie schlagen auf ihre Knie und brüllen Nein, Nein, Nein! Ihre geschächteten Augen zucken panisch zwischen ihren Wimpern. Prasselnde Gewalt und lodernder Zorn brennen in meinem Innern. In meiner Kehle sitzt ein Stamm von Frauen, die Beine über Kreuz. Den Rücken nach vorn, die Schultern gebeugt von Tyrannei. Zwischen ihnen blitzt der Donner: Verflucht seien sie alle! In meiner Kehle sitzt ein Stamm von Frauen. Und eine kleine einzelne Frau, die vom Lärm erbebt, aber nicht weinen kann.

Leonie Nückell (Hg.)
Ich kann nicht alleine wütend sein. Feministische Autorinnen in Tunesien
Aus dem Arabischen und Französischen von Leonie Nückell
Verlag Schiler & Mücke
120 S., kt., 14,00 €

Dazu passende Podcast-Folgen:

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