Der Sex, der Job und die Moral

Sargon Boulus beschreibt die somnambulen Verhältnisse einer gelähmten Gesellschaft

  • Lesedauer: 9 Min.

Plötzlich stand Jusuf still, bewegte seine Hände nicht mehr und horchte: Er hörte genau auf das Geräusch des Frauenschuhs, der den Betonflur entlangschritt: »Trick-track, trick- track.« Er zog den Gummihandschuh, mit dem er vorher gespielt hatte, von seiner Hand. Er drückte die fünf gelben Finger zwischen die Schere und schnitt sie mit einer einzigen Bewegung einen nach dem anderen langsam ab. Er hatte diesen einzelnen Handschuh in einer leeren Tonne gefunden. Er bückte sich, sammelte die abgeschnittenen Finger auf und legte sie auf den Metalltisch neben den Handschuhtorso. Das Geräusch der Schuhe verschwand allmählich, und das Zimmer versank in jener tiefen Stille, die das Krankenhaus am Tag umgab. Nur ein paar Fliegen summten eingesperrt zwischen dem Fensterglas und dem Fliegendraht herum. Die Sonne hing träge herab und breitete eine heiße Dunstglocke über den Garten. Er schaute aus dem Fenster und sah, wie Rosette mit dem alten, englischen Arzt sprach, der ein Heft mit dem Namen der Kranken in der Hand hielt. Dann entfernte er sich vom Fenster.

Heute Morgen hatte der Kleinbus, mit dem sie immer zur Arbeit ins Krankenhaus fuhren, sanft vor dem Haus von Rosette angehalten. Der Fahrer musste nur einmal klingeln, und schon erschien Rosette. Sie war noch warm vom Bett und voll der Sinnlichkeit eines sonnigen Morgens. Sie ging auf das Fahrzeug zu, und ihr Blick begegnete dem Blick von Jusuf; der saß hinter der Autoscheibe und beobachtete sie genau. Seit gestern bereitete es ihm große Schwierigkeiten, den Blicken dieser Frau standzuhalten. Den ganzen Vormittag hatte er darauf gewartet, ihren beunruhigenden Augen zu begegnen. Die erste Arbeitsrunde in den Räumen des Krankenhauses hatte er bereits beendet und war in dieses Zimmer geeilt, um allein zu sein. Er ging nicht in den Aufenthaltsraum, wo die Raumpfleger manchmal Pause machten, sondern blieb mehr als zehn Minuten in diesem Zimmer und schaute sich um. In der Dämmerung erkannte er einen zerbrochenen Stuhl und eine Säge, die über einer weißen, mit Staub bedeckten Spüle hing. Die grüne Decke war durch den Regen in der Mitte gerissen. In diesem Raum hatte er den Handschuh gefunden und vergeblich nach dem zweiten gesucht. Jetzt lag der Handschuh mit den abgeschnittenen Fingern da wie ein gelber Skorpion, der sein Gleichgewicht verloren hatte und auf den Rücken gekippt war und nun mühsam versuchte, sich wieder auf seine fünf Beine zu stellen. Beim Befühlen des Gummis überkam Jusuf ein Gefühl der Müdigkeit, und als er die Hand in den engen Handschuh steckte, wurde ihm übel. Seine Finger mit den schwarzen Haaren - er bemerkte zum ersten Mal, dass sie in gleichmäßigen Gruppen über die letzten Fingerglieder verteilt waren - schienen durch das dünne Gummi. Er wurde gewahr, dass sein Daumen nur aus zwei Fingergliedern bestand, und spürte, dass er hinausgehen musste. Er versuchte, das Fenster zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. Dieser Versuch war umso merkwürdiger als er wusste, dass man das Fenster vernagelt hatte. Er ging langsam in den Garten, durch den schmale Betonwege führten, machte einen Bogen um das Zimmer und stieß direkt auf Rosette. Ihre schwarzen Augen sprangen aus ihrer weißen Gestalt, dem Gesicht, dem Hals und dem weißen Arbeitskittel. Er fragte neugierig: »Was machst du hier?«

Sie sagte: »Hör zu, lass uns irgendwo anders hinsetzen. Ich möchte mal kurz mit dir reden.«

»Wo?«

»Im Aufenthaltsraum. Er ist gerade leer.«

Er war einverstanden und folgte ihr. Ihr Gang war es auch, der ihn auf sie aufmerksam gemacht hatte, als sie vor einem Jahr ihre Arbeit in dem Krankenhaus aufnahm. Ihre Beine waren hell und füllig; eine leichte Krümmung verlieh ihnen einen seltsamen sexuellen Reiz. Zwei feste Schenkel bewegten sich geheimnisvoll und schwankend unter der schmalen Taille, und die rhythmische Bewegung ihrer Hüfte entblößte die Knie unter dem Kleid. Das alles hatte Jusuf den Verstand geraubt. Nach zwei schlaflosen Nächten, in denen er Pläne schmiedete und sich voreilig eine glückliche Liebesgeschichte erhofft hatte, hatte er versucht, mit ihr zu reden. Schlimm war es gewesen, als sie schließlich neben ihm gesessen hatte und er bei dem Versuch gescheitert war, sie zu umarmen. Sie hatte ihn erst verwundert, dann widerwillig von sich gestoßen und war gegangen. Seit jenem Tag hat sie ihm keine Gelegenheit mehr gegeben, sich ihr zu nähern.

Jeden Morgen hielt also das lange Fahrzeug vor dem Haus, in dem Rosette wohnte, und Jusuf erlebte jenen Moment der Verwirrung und Aufregung. Er drückte seine Schulter so heftig gegen die Scheibe, dass er sich vorstellte, sie jeden Moment bersten zu hören. Dann kam Rosette gewöhnlich aus dem Haus, und Jusuf verschlang sie mit Blicken. Das Auto fuhr davon, ein Sarg auf Rädern, in dem Jusuf Morgen für Morgen vor Aufregung schwitzte. Danach entspannte er sich. So ähnlich war es ihm ergangen, als er zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben mit einer Frau, einer ängstlichen Hure, geschlafen hatte.

Nach Monaten begriff er schließlich, dass er etwas unternehmen musste, damit überhaupt etwas geschah. Und er tat merkwürdige Dinge. In jenem heißen Sommer, wo einem alles am Leibe klebte, hatte er manchmal eine ganze Stunde lang hinter dem Fenster des verlassenen Zimmers, das niemand betrat, gewartet. Jetzt kam Rosette vorbei; er wartete noch ein wenig und folgte ihr dann wie benommen. Sie ging zur Toilette, und er ging zur Tür, und der große Rausch in seinem Kopf ermüdete ihn plötzlich, so dass seine Beine weich wurden; er sackte in die Knie und schaute durch das Schlüsselloch. Das wiederholte er von nun an mehrmals. Als er einmal den Kopf von dem Loch hob, erstarrte er: Aus sicherer Entfernung beobachtete ihn ruhig ein alter, kranker Mann. Erschrocken verschwand Jusuf hinter dem Gebäude und ging schnell in das verlassene Zimmer, stellte sich ans Fenster und blickte keuchend dem Mann hinterher, der seinen Spaziergang fortsetzte. An den folgenden Tagen beobachtete er den alten Mann von weitem. Er sah ihn in seinem Bett liegen, den sich langsam drehenden Ventilator betrachtend, der die Luft des Zimmers durchschnitt, die voller Medikamenten-, Urin- und Seifengerüche stand. Einmal kam ihm die Idee, ihn zu vergiften, aber er verwarf den Gedanken, der einem Krankenpfleger und damit einem Diener nicht zustand. Er überzeugte sich, dass der alte Mann von den Medikamenten halb verrückt sein müsse oder in geistiger Umnachtung lebte. Vielleicht war er gar nicht voll bei Sinnen gewesen, als er ihn gesehen hatte, oder vielleicht hatte er ihn auch gar nicht gesehen.

Alles war ungünstig verlaufen. Wut und Zweifel befielen Jusuf an jenem Herbsttag, als der junge Mann erschien. Jusuf sah, wie er mit Rosette sprach. Beim zweiten Mal kam er während der Besuchszeit, ging mit Rosette in ein Hinterzimmer und kam auch dann noch nicht heraus, als die Besucher schon längst gegangen waren. Jusuf fühlte sich fehl am Platz. Er wurde blass und spürte, wie seine Finger leicht zu zittern begannen, als er eine Zigarette rauchen wollte. Dann machte er sich wieder an seine Arbeit und konnte daher nicht feststellen, wann der junge Mann gegangen war. Der aber kam von nun an immer wieder.

In den ersten Wintermonaten erfuhren viele der Pfleger und Schwestern von dieser Beziehung. Einmal versuchte Jusuf eine Raumpflegerin, die allein mit ihm im Zimmer war, zu küssen. Es war eine frisch verwitwete Frau, die einen Sohn hatte, den sie meistens mit zur Arbeit nahm. Jusuf erzählte ihr, dass er sie heiraten wolle und versuchte dabei, sie zu umarmen. Die Witwe bekam es mit der Angst zu tun; zwar ließ sie ihn an ihre Brüste, hielt die Augen aber auf die Tür gerichtet. Sie erschrak vor seiner Blässe, seinen zitternden, krampfhaften Bewegungen, und er gab seine verzweifelten Versuche auf. Sie zog ihr Kleid zurecht und meinte ängstlich: »Was ist los?«

Er antwortete nicht.

Er schaute nur ihre Hände an und wie sie sich über der Brust zuknöpfte.

In den nächsten Tagen lief er allein herum. Er hatte sich mit der kleinen Abwechslung abgefunden, die er jeden Tag durch Rosette erhielt: Sein drängendes Warten, der plötzliche Druck gegen die Autoscheibe und das Verschlingen dieses hellen Körpers, der in den Morgen verschwand und mit ihm der Duft eines warmen Bettes. Danach die Stille, die Gleichgültigkeit, die gefühllose Verrichtung einer schmutzigen Arbeit, das Gefühl der Zeitlosigkeit und das Fallen in eine verwirrende Ecke aus tierischen Gedanken sowie unrealistischen Träumen von geilen Frauen, die sich ihm hingaben, dann von Rosette, die nackt in einem Zimmer kniete, in dem nur sie beide sich befanden.

Sie fragte freundlich: »Warum hast du das gemacht?«

Er sagte, ohne sie anzuschauen: »Was meinst du?«

Sie antwortete mit weicher Stimme: »Du weißt, was ich meine!«

Er sagte: »Ich verstehe nicht.«

Sie entgegnete ihm, zum ersten Mal: »Hör zu! Ich bitte dich, nicht zu lügen. Du warst es, der den Polizisten benachrichtigt hat. Stimmt’s?«

Jusuf fragte: »Welchen Polizisten?«

Er stellte sich dumm, innerlich aus unerfindlichen Gründen ein wenig froh über das, was geschah: ihr Betteln, ihre Versuche, aus seinen zögernden Worten die Wahrheit herauszufinden. So musste er also weiter machen. Er schüttelte den Kopf. Sie schwieg, und plötzlich brachen Tränen aus einem Auge und flossen über ihre Wange.

Gequält meinte er: »Glaub mir.«

Sie weinte bitter und sagte: »Du lügst, und ich weiß nicht, was, was … «, schluchzte sie und fuhr fort: » … was du von mir willst, nur das möchte ich wissen.«

Sie wischte sich das Gesicht mit einem eleganten Tuch ab, das ihn in seinen Bann zog.

»Schämst du dich nicht? Niemand tut so etwas, außer jemand ganz Niederträchtiges. Was habe ich dir denn getan? Nur weil ich dich einmal abgewiesen habe? Aber ich bin …«

Sie biss sich auf die Lippen, und stammelte mit erstickter Stimme, während sie die Hand auf ihr linkes Auge legte: »Ich bin arm und …«

Da sagte Jusuf: »Ich bin auch arm!«

»Und ich weiß genau, dass weder du noch sonst jemand mich heiraten wird, solange das hier existiert«, und sie drückte auf ihr künstliches Auge.

»Ich bitte dich, weine nicht. Vielleicht kommt jemand«, sagte Jusuf.

Er ließ sie sich eine Minute ausweinen. Ihr schöner Hals wölbte sich über ihre Brust, und unter ihrem Haar erstrahlte ein warmes Weiß. Er spürte das dringende Bedürfnis, sich an ihre Schulter zu lehnen. Dann erhob er sich plötzlich, und er gestand: »Hör zu, ich war es.«

Als sie ihn nicht beachtete, sagte er unüberlegt: »Ich hasse ihn. Deshalb konnte ich es nicht mehr ertragen.«

Ohne den Kopf zu heben, fragte sie mit fester Stimme: »Aber was hat er dir denn getan? Was habe ich dir denn getan?«

Jusuf fuhr fort: »Auf jeden Fall bin ich kein Zuhälter.«

Sargon Boulus
Ein unbewohnter Raum. Erzählungen aus dem Irak
Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq
Verlag Edition Orient
Zweisprachige Ausgabe
112 S., kt., 16,90 €

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