Arabesken und Arabellionen

Wir stellen Bücher aus unabhängigen Verlagen vor

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Januar dieses Jahres schrieb mir unser Leser F. aus Wetter an der Ruhr, dass er sich Buchvorstellungen zum Maghreb wünsche, denn »in der Folge der Silvesternacht und der sogenannten Flüchtlingswelle 2015 sind die Nordafrikaner ja immer mehr stigmatisiert worden, sodass man nicht genug Gegenpole dazu setzen kann. Freilich werden wir die Engstirnigen und Eingefahrenen niemals erreichen, aber vielleicht einige Uninformierte und Schwankende, die vielleicht mal das ›nd‹ lesen.« Da hatte Leser F. ja was angerichtet, denn in der Folge holte ich die CDs der 1966 in Leningrad geborenen palästinensischen Folksängerin Riem Banna und der algerischen Hip-Hop-Aktivisten »Le Micro Brise Le Silence« heraus, stand vor dem Bücherregal mit dem Werken von Nagib Machfus, Tahar Ben Jelloun, Assia Djebar und vielen anderen, erinnerte Lektüren und bekam die Lieder nicht mehr aus dem Kopf.

Der erste Gang über die Frankfurter Buchmesse führte stets zu den Ständen von Lenos und Unionsverlag, beides Schweizer Verlage, die seit vielen Jahren mit einer Hartnäckigkeit Autoren aus dem arabischen Raum herausgeben, die vermuten lässt, dass zumindest das Alpenland ein gutes Pflaster für Übersetzungen dieser vielstimmigen Literatur ist. Verlage in Deutschland haben es da ungleich schwerer, Bücher etwa von Edition Orient, Schiler & Mücke oder Donata Kinzelbach gewinnen nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen zustünde. Obwohl es eine lange Tradition deutsch-arabischer Kulturbeziehungen gibt. Warum eigentlich? Ist es die herablassende Haltung gegenüber einer vermeintlich vormodernen Region, das Filmklischee über den lärmenden, schmutzigen, pittoresken Orient oder die beharrlich am Laufen gehaltene Erzählung über kriminelle Clans (hier sind mal nicht die bayerischen Amigos oder die Berliner Betongold-Gringos gemeint)?

Der Westen hat es sich ganz gut eingerichtet in diesem Bild, an dessen Ausformung er wesentlichen Anteil hatte und hat. Das »Arabia Felix« vergangener Jahrhunderte wurde spätestens mit dem Verfall des Osmanischen Reiches, das große Teile Nordafrikas und der Arabischen Halbinsel sich einverleibt hatte, zum Schauplatz ungenierter Kanonenbootpolitik der britischen und französischen Kolonialmacht. Kaiser Wilhelm wagte den »Panthersprung nach Agadir« und rief zum heiligen Krieg gegen seine Konkurrenten auf; die Truppen des »Duce« beglückten Libyen und Äthiopien mit Bomben und Giftgas, und schließlich rollten »Wüstenfuchs « Rommels Panzer für den Endsieg. Als Abdel Nasser 1956 die Verstaatlichung des Suezkanals verkündete, kreuzten wieder die Kanonenboote. Dann besann man sich auf subtilere Methoden der sogenannten Interessenpolitik, zumal der Systemkonkurrent Sowjetunion in das Spiel eingetreten war.

Die anfänglich erbittert bekämpften nationalen Befreiungsbewegungen wurden in das lukrative Geschäftsmodell aus Aneignung des Staates, innerer Repression, großzügiger Militärhilfe und Marktkonzessionen eingebunden. Die einst sozialistisch orientierte panarabische Baath-Partei mauserte sich zur Unterdrückungsmaschinerie von al-Assad senior und Saddam Hussein, die algerische FLN versteinerte zur Bürokratenherrschaft. Das Öl floss, die Waffenhändler verarmten nicht, und selbst deutsche Fußballfunktionäre können sich ein paar Euro mit der Aufwertung der Scheichs und Könige verdienen. Die Zeche zahlen immer die anderen. Eindringlich beschrieben sind die fatalen Auswirkungen dieses Spiels etwa in Alaa al-Aswanis »Der Jakubijân- Bau« (Lenos 2002) oder in dem preisgekrönten Animationsdokumentarfilm »Waltz with Bashir« von 2008.

Zehn Jahre nach der Arabellion, der Erhebung gegen unerträgliche Zustände, ist das Fazit ernüchternd. Dem Sturz alter Regime folgten neue Alleinherrscher – oder altbekannte unter neuem Namen –, Bürgerkriege und inoffizielle Interventionen. Und dennoch geht wieder eine neue Generation auf die Straße und will sich ein besseres Leben erkämpfen. Unter anderem von dieser wird in dieser Beilage zu lesen sein.

Weil – wie immer – der Platz auf acht Seiten knapp bemessen ist, sei noch kurz auf die Graphic Novels »Shingal« über den Kampf zweier jesidischer Brüder gegen den IS und »Ein Match für Algerien « über elf französische Nationalspieler, die sich der FLN anschließen, verwiesen (beide Bahoe Books 2021). Und als poetischer Einstieg in die Welt arabischer Musik auf Lydia Dahers bezauberndes Popalbum »Algier« (Trikont 2015). In diesem Sinne: Salam und eine anregende Lektüre.

In dieser Ausgabe:

  • Verena M. Lepper und Sarah Wessel (Hg.): Cinderella, Sindbad & Sinuhe. Arabisch-deutsche Erzähltraditionen
  • Amin Khan (Hg.): Im Aufbruch
  • Sargon Boulos: Ein unbewohnter Raum. Erzählungen aus dem Irak
  • Leonie Nückell (Hg.): Ich kann nicht alleine wütend sein.
  • Feministische Autorinnen in Tunesien
  • Daniel Gerlach und Robert Chatterjee (Hg.): Das neue Libyen.
  • Geschichten aus einem unbekannten Land
  • Amjad Nasser: Wohin kein Regen fällt
  • Karim El-Gawhary: Repression und Rebellion.
  • Arabische Revolution - was nun?

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