Es knirscht bereits jetzt

Die Auslastung der Intensivstationen steigt und steigt - ein Arzt der Charité berichtet aus seinem Alltag

  • Von Mischa Pfisterer
  • Lesedauer: 4 Min.
»Wir sind eigentlich immer nur dabei, ausgefallene Organe zu ersetzen«, sagt Charité-Arzt Daniel Zickler. Ein Team des RBB hat seine Arbeit vor Kurzem eindringlich dokumentiert.
»Wir sind eigentlich immer nur dabei, ausgefallene Organe zu ersetzen«, sagt Charité-Arzt Daniel Zickler. Ein Team des RBB hat seine Arbeit vor Kurzem eindringlich dokumentiert.

Daniel Zickler ist internistischer Facharzt und Intensivmediziner am Virchow-Klinikum der Berliner Charité, einer von 38 Notfallkliniken in Berlin. »Die Situation ist kritisch, ich kann es nicht anders sagen«, berichtet Zickler im Gespräch mit »nd«.

Seit mehr als einem Jahr kämpft der 41- Jährige mit seinen Kolleginnen und Kollegen um das Leben von Covid-19-Patienten. »Es muss sich etwas tun, die Zahlen müssen absinken, sonst wird es auf der Intensivstation irgendwann zu viel«, sagt Zickler. Mit ruhiger Stimme und besonnen, aber mit klaren Worten berichtet der Oberarzt von seinem derzeitigen Krankenhausalltag. »Momentan sind wir sehr gut ausgelastet. Wenn jetzt aber die Zahlen weiter so exponentiell steigen, dann werden wir irgendwann auch in eine Situation kommen, wo wir Patienten nicht mehr unterbringen können«, betont Zickler. Noch gehe es, noch müsse seine Station keinen Patienten abweisen. Aber: »Es knirscht bereits hier und da. Das muss man schon ganz ehrlich sagen.«

Die Auslastung der Berliner Intensivstationen ist unverändert hoch: 27 Prozent der verfügbaren Betten sind allein durch Covid-19-Patienten belegt. Die Corona-Ampel für diesen Indikator steht auf Rot. Nach dem Intensivregister der Notfallmediziner und des Robert-Koch-Instituts waren in der Hauptstadt am Samstag nur noch 119 von 1131 betreibbaren Intensivbetten frei. Planbare Operationen werden bereits abgesagt.

Zickler und seine Kollegen arbeiten seit einem Jahr im permanenten Pandemie-Ausnahmezustand. »Im Team wird größtenteils mit Unverständnis reagiert, wenn die Pandemie im öffentlichen Bild als nicht so dramatisch wahrgenommen wird. Das können viele hier nicht nachvollziehen. Dazu will ich mich auch zählen«, sagt er.

24 Patienten liegen bei Daniel Zickler aktuell auf der Station, zwei Drittel davon Covid-19-Patienten. »Dadurch, dass wir ein Zentrum für Schwerstkranke mit schwerem Lungenversagen sind, sind die Patienten, die wir hier auch haben, ganz besonders schwer krank und brauchen zum überwiegenden Teil eine Beatmungstherapie«, erklärt er. »Und wir haben viele 40-, 50-Jährige, das ist nichts Ungewöhnliches hier.« Der Mediziner geht davon aus, dass sie auch eine deutlich längere Liegedauer auf den Intensivstationen haben werden als früher.

»Bei Covid ist es halt ganz anders«, sagt der Arzt. »Das sind Patienten, die vorher gesund waren, die im Leben standen, die mit ihren Enkeln unterwegs waren oder auch noch berufstätig waren.« Von jetzt auf gleich landen sie auf einer Intensivstation, ihr Zustand verschlechtere sich - und sie sterben. »Das nimmt uns natürlich auch mit. Das bewegt und berührt uns auch.«

Es gibt nur selten Bilder von Zicklers Arbeit. Einen Einblick gab zuletzt immerhin die RBB-Dokumentation »Charité intensiv«. Realistisch und schonungslos zeigt der Vierteiler, wie es bei der Versorgung eines Patienten auf einmal hektisch wird, wie Zickler das Kommando übernimmt. »Wir brauchen mal den Stationsarzt«, sagt er dann. Um ihn herum stehen Kollegen und mehrere Intensivpflegerinnen, alle in blauen Schutzkitteln.

Für den Patienten geht es ums Überleben. Er muss möglichst schnell an die ECMO angeschlossen werden, die Extrakorporale Membranoxygenierung. Das Gerät ist so etwas wie eine Ersatzlunge. Nur mit der kann der Mann überleben, der bis vor kurzem noch kerngesund war. Um ihn herum stehen zahlreiche piepende Geräte, die ihm automatisiert Medikamente geben, dazu Monitore, Schläuche, Kabel, ein Beatmungsgerät.

Jedes dieser Geräte macht mehr Arbeit und erhöht die Versorgungsintensität der Patienten, sagt Zickler zu »nd«. Hinzu kommt: »Wir erleben, dass die Patienten wirklich durch eine außerordentliche Krankheitsschwere gekennzeichnet sind. Dadurch ist die Arbeit am Patienten sehr intensiv.« Viele müssen mit einem Beatmungsschlauch versorgt werden, brauchen eventuell Katheter für eine Dialysetherapie, müssen mehrfach am Tag umgelagert und gedreht werden, etliche an die ECMO angeschlossen werden. Das Problem: »Bei Covid erleben wir noch mehr als bei anderen Krankheitsbildern plötzliche Komplikationen, die überhaupt nicht vorherzusehen waren, irgendwelche Blutungen oder auch Thrombosen, die plötzlich auftreten.« Covid-19 könne alle Organe betreffen. »Wir sind eigentlich immer nur dabei, ausgefallene Organe zu ersetzen.«

Eines ist ihm wichtig: In der ganzen Diskussion werde stets darauf geachtet, dass das Gesundheitssystem nicht kollabieren darf. Das sei ebenso richtig wie die Forderung, dass man die Pflegekräfte und Ärzte nicht überlasten dürfe. »Aber mich bewegt auch folgender Punkt: Wenn ein Patient hier reingeschoben wird, heute oder morgen, dann ist es einfach schlimm für ihn. Denn sein Leben ist nicht mehr wie vorher.« Vielleicht liege er Wochen auf der Intensivstation. »Wenn es gut läuft, überlebt er das. Aber das hätte man ihm ersparen können, wenn wir die Zahlen runtergekriegt hätten!«

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