Mode als kulturellen Bestandteil erlebbar machen

Eine Ausstellung in Berlin würdigt das Schaffen der Modedesignerin Claudia Skoda. Ein Gespräch

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Ulrike Ottinger: Ohne Titel (Claudia Skoda (links), Tabea Blumenschein & Jenny Capitain), Silbergelatine-Vintageprint, ca. 1977/78
Ulrike Ottinger: Ohne Titel (Claudia Skoda (links), Tabea Blumenschein & Jenny Capitain), Silbergelatine-Vintageprint, ca. 1977/78

Frau Skoda, wie kamen Sie zum Stricken?

Ich wollte immer körpernah arbeiten, und das geht mit Stricken noch besser als mit Nähen. Es war für mich ein Bedürfnis, freche, verrückte Sachen selbst herzustellen, weil es nicht so viel gab für junge Leute. Kein Vergleich mit dem Überangebot heute! Haute Couture war und ist ja unbezahlbar, und der Rest war grau. Ich wollte also meine Sachen aus dem Spielerischen heraus selber entwickeln.

Und die ersten Strickteile?

Das waren Hotpants und regenbogenfarben geringelte Kleider. Bald dann Hosen für Frauen und Männer, also das war dann schon unisex.

Wie unterscheiden Sie das Lebensgefühl der 70er und 80er Jahre?

Zuerst war dieses Rock-’n’-Roll-Gefühl, die Nachwirkungen der Hippiezeit. Das hedonistische Zeitalter! Kreuzberg mit »fabrikneu«, wo sich viele Künstler auch trafen. Man konnte machen, was man wollte. Dann kam Punk als Nonkonformismus. Erst mit den 90ern ging es mir um Professionalität, darum, dass ich mich als Designerin wahrnahm und elaborierte, perfekte Sachen anstrebte. Das kam auch ganz stark durch meinen Aufenthalt in New York, wo ich anders wahrgenommen wurde. Und wenn die Mauer nicht gefallen wäre, dann wäre ich auch wieder nach New York zurückgegangen. Aber so änderte sich ja in Berlin alles! Der Mauerfall war ein Energiebooster schlechthin. Es wurde auf einmal ganz viel möglich. Ich gab dann auch meinen Shop am Kurfürstendamm auf und ging in die Linienstraße nach Mitte.

Welche Hoffnungen entstanden, zerfielen, blieben?

Jede Zeit ist spannend, und Veränderung muss man akzeptieren. Was bleibt, ist die Neugierde, die künstlerischen, gesellschaftlichen Signale der jeweiligen Zeit aufzunehmen. Auch die Beobachtung des Marktgeschehens gehört dazu und die Frage, was ist tragbar. Heute hat sich vor allem die Jugendkultur stark geändert. Sie ist viel konformistischer geworden.

Was bewegt Sie heute?

Ich beobachte die Entwicklung zu einem immer mehr globalen Mainstream-Schönheitsideal. A- und B-Promis weltweit zeigen sich heute mit vollen Lippen, großem Busen, schmaler Taille und langen Haaren. Das geht von den USA aus, die ja eine viel gemischtere Gesellschaft haben als etwa wir hier in Europa. Aber es findet sich auch hier, in Russland und geht bis nach Asien. Der Twiggy-Typus, also die jungenhaft schmale Gestalt aus den 60ern, mag auf den Modepräsentationen bis heute zwar vorherrschen, aber im realen und virtuellen Leben ist es eher ein Latin-Ideal.

Und Sie?

Ich arbeite dagegen und möchte mit meinen Sachen andere Selbstkonzepte anbieten.

Welche Rolle spielt das Kleid dabei?

Ich trage selbst sehr gern Kleider und finde Kleider wichtig, wobei ich auch immer Hosen bzw. Leggings gemacht habe. Anfang der 90er Jahre habe ich noch viel Tangokleider gestrickt, und als ich dann nach Mitte kam, wurden auch ganz andere Sachen wichtig: Mäntel zum Beispiel, gestrickte Anzüge für Frauen und Männer sowie Mützen.

Es gibt in der aktuellen Ausstellung ein schönes Bild von einem Modell mit weißem Kleid. Der glockenhaft schwingende Rock dreht sich ein und wieder aus. Inwiefern stand da Marilyn Monroe Pate? Oder ging es eher um Ironie?

Das Modell und die Präsentation hatten nichts mit Marilyn Monroe zu tun. Ich wollte einfach ein schönes weißes Strickkleid machen, das man in der Oper anziehen kann und womit eine Frau ein Statement setzt. Im Übrigen möchte ich Kleider machen, die in ihrer Entstehung Avantgarde sind und später zu Klassikern werden. Das ist auch ein Aspekt der Langlebigkeit, sowohl vom Material - ich verwende auch spezielle Fasern - als auch vom Chic. Meine Kleider aus den 80ern können heute noch getragen werden.

1988 war Westberlin Europäische Kulturhauptstadt. Sie kehrten nach Berlin zurück. Welchen Input konnten Sie der Stadt geben?

Das Hauptereignis für mich war die Eröffnungsgala »Dressater - Dressed to Thrill«, wonach ja jetzt auch die Retrospektive benannt ist, mit vielen Künstlern im Hamburger Bahnhof. Der Senat hatte mich dafür aus New York zurückgeholt und mir das Projekt übertragen. Das war einfach toll. An dieser multimedialen Modenschau nahmen innovative Designer aus der ganzen Welt teil. Ich war davor auch schon im Osten herumgereist, war in Leningrad und in Ungarn und hatte mich umgeschaut, was es da so gibt. Ein Ungar, Tamás Király, nahm teil. Er lebt heute leider nicht mehr. Ich habe auch Impulse aus der DDR-Mode aufgenommen, aber die Künstlerinnengruppe »Allerleirauh« , die sich 1987 in Ostberlin gegründet hatte, kannte ich damals noch nicht.

Warum reicht es nicht aus, Fashion-Designerin zu sein, warum geht es um Kunst?

Ich begreife mich als Designerin, nicht als Künstlerin.

Aber die von Ihnen konzipierte Performance »Deep Diving for Whales« (1997) im Deutschen Guggenheim oder die Modenschau »Big Birds« (1979) hatten doch einen anderen Anspruch?

Es ging um Einfälle und eine Ganzheit der Emotionen, die man mit Mode, Musik und so weiter hervorrufen konnte. Wir haben uns an der Musik genauso berauscht wie an den Fotos, der Bewegung. Dieses Gesamterleben war uns wichtiger als der kommerzielle Aspekt. Solche komplexen Darbietungen waren damals noch ein Novum und verschafften uns und mir natürlich auch die nötige Aufmerksamkeit.

Waren Sie nun eher in David Bowie verliebt oder in Iggy Pop? Was unterscheidet die Popstars?

Ich war weder in den einen noch in den anderen verliebt. Das waren Künstlerfreunde. David kannte ich schon eher. Er hatte mir auch geholfen, in Soho meine erste eigene Ladengalerie zu finden. Er war ein toller Künstler, sehr vielseitig und erfand sich immer wieder neu. Iggy faszinierte natürlich schon mit seinem Körper und seiner rotzigen Art und musste sich gar nicht ändern. Er war immer der Rockstar.

Welche Designer und Künstler aus der Gegenwart beeinflussen Sie?

Das kann ich gar nicht so sagen. Es hat sich sehr viel verändert - statt einer Handvoll guter Designer gibt es heute 1000 richtig gute Leute. Für mich ist es wichtig, sich nicht mit ihnen zu messen, sondern aus mir heraus mein Alleinstellungsmerkmal immer wieder zu erarbeiten.

Sie haben in unserem Gespräch Ihre Sympathie für die politische Haltung von Sahra Wagenknecht ausgedrückt. Was denken Sie über ihr Outfit?

Ich finde es gut. Es unterstützt ihre Haltung - die einer engagierten, aber auch distanzierten Frau, die von sehr vielen Menschen wahrgenommen wird.

Ist Berlin nun, so wie erhofft, eine Modestadt geworden?

Ganz klar: Nein! Berlin hatte ein Statement mit »Bread & Butter« gesetzt. Das ist aber seit 2015 vorbei. Generell fehlen die gesellschaftlichen Anlässe, zumal man ja auch in die Oper mit Turnschuhen gehen kann.

Wie sehen Sie in Ihrem Alltag aus?

Ich finde es wichtig, sich schön zu machen und Signale zu setzen. Es ist mir ein Bedürfnis, Mode als kulturellen Bestandteil erlebbar zu machen, ohne anzuecken oder zu erschrecken.

Was ist besonders gut gelungen in der Ausstellung?

Die Super-8-Filme und frühen Dias sind das Wichtigste. Sie zeigen am besten das Feeling der Zeit damals. Die Veränderungen, die Herangehensweise und natürlich auch die damaligen Vermarktungsstrategien: Wie hat man das in den 70ern und Anfang der 80er Jahre ohne Mittel gemacht? Das kommt sehr gut heraus. Wichtig wird auch die Finissage sein, denn da wird deutlich, wo ich heute stehe. Es ist nämlich eine Modenschau mit meinen jüngsten Kreationen geplant.

»Claudia Skoda. Dressed to Thrill«, bis 18.7. im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin. Die Ausstellung ist physisch und online zu besichtigen.

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