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Probleme mit dem Biografischen: Zum Verhältnis von Feminismus und Literatur

  • Von Larissa Kunert
  • Lesedauer: 7 Min.
Hunde, Brücken oder Tore: So traurig war das Angebot vor den Frauenbuchläden – Auslage einer Westberliner Buchhandlung, 1963.
Hunde, Brücken oder Tore: So traurig war das Angebot vor den Frauenbuchläden – Auslage einer Westberliner Buchhandlung, 1963.

Zurzeit lässt sich im deutschen Literaturbetrieb ein kleiner Trend beobachten: Nachdem bereits im November letzten Jahres die Bundhandlung »She Said« in Berlin eröffnet hatte, soll nun im April mit »kohsie« in Halle ein weiterer Buchladen mit Büchern von ausschließlich weiblichen sowie queeren sowie diversen Autoren im Angebot folgen. Analog dazu präsentiert der neu gegründete Ecco-Verlag, ein Ableger der US-amerikanischen Ecco Press, diesen Frühling erstmals sein Programm, das sich ohne weitere konzeptuelle Ausrichtung darin erschöpft, ausschließlich Literatur von Frauen zu verlegen.

Wenn auch die Frauenbewegung vor einem halben Jahrhundert noch nicht viel mit Begriffen wie queer und divers anfangen konnte, sind zumindest die Konzepte der Frauenbuchhandlung und des Frauenverlags nicht neu: In den 70er Jahren sprossen in der BRD im Zuge der Zweiten Frauenbewegung zahlreiche solcher politisch motivierten Projekte aus dem Boden. Die Veröffentlichungen und behandelten Themen orientierten sich dabei an den Erkenntnisinteressen der feministischen Bewegung, die Programme bestanden aus fiktionaler wie wissenschaftlicher Literatur und politischen Schriften.

Erst nach 1989 eröffneten auch im Osten zwei Frauenbuchläden - eine Zahl, die sich angesichts der zeitweise über 40 gleichzeitig existierenden Frauenbuchläden in der BRD gering ausnimmt und auf die historisch-gesellschaftliche Situation im Realsozialismus verweist: Obwohl auch die Frauen in der DDR den Männern sozial nicht in allem gleichgestellt waren, so waren doch wesentliche Forderungen der Frauenbewegung im Westen - etwa nach staatlicher Kinderbetreuung oder der Integration in den Arbeitsmarkt - im Osten bereits erfüllt. Frauenpolitik als eigenständige Domäne erlangte deshalb nicht dieselbe Schlagkraft wie in der BRD.

In den 90er und 00er Jahren ging dann die Zahl der Frauenbuchläden drastisch zurück: Feminismus galt zunehmend als verstaubt, und mit dem Aufkommen von Internetbuchhandel und Großbuchhandlungen in den Städten, die meist keine spezialisierten Verlage in ihr Programm aufnahmen, verloren sowohl Frauenbuchläden als auch Frauenverlage an Absatz und Einfluss. Im Frühjahr 2020 waren nur noch vier Frauenbuchläden in Deutschland - allesamt auf ehemaligem Westgebiet - sowie ein Online-Shop vorhanden.

Doch dies beginnt sich zu verändern und entspricht damit einer internationalen Entwicklung. Die neuerliche Virulenz von Frauenbuchläden und -verlagen geht ähnlich wie in den 70er Jahren mit einem erstarkenden feministischen Bewusstsein in der Gesellschaft einher: In den vergangenen Jahren bestimmten Diskurse um sexuelle Gewalt und Belästigung mit Hashtags wie metoo und aufschrei den Mainstream, zudem ist mit den Diskussionen um Transgeschlechtlichkeit ein früheres Nischenthema ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, für das sich ein entsprechend großes Segment auf dem Buchmarkt etabliert hat.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Frauen gesellschaftliche Erfahrungen, die Frauen besonders betreffen, in Fiktion und Theorie häufiger zum Gegenstand nehmen als Männer. Diese Erfahrungen zu artikulieren und ihre gesellschaftliche Grundlage begreifen zu wollen, ist ein wichtiges Anliegen. Schließlich ist die Gleichstellung der Geschlechter trotz legislativer Abschaffung des Patriarchats und zunehmender Teilnahme der Frauen am Berufsleben noch immer nicht erreicht, davon zeugen Statistiken zum Lohnniveau wie die zu sexueller Gewalt.

Mit Konzepten aber, die die Geschlechtszugehörigkeit oder andere Attribute der Autoren kategorisch vor den Inhalt stellen, soll das Pferd von hinten aufgezäumt werden. Es wird weder über das Geschlechterverhältnis aufgeklärt noch wird es praktisch kritisiert, sondern als Gelegenheit begriffen, sich darin zu produzieren. Damit manifestiert sich eine Haltung, die in »weißen heterosexuellen Cis-Männern« kategorisch die Wurzel allen Übels ausmacht und dabei verschleiert, dass auch die Konflikte, die heute an den Linien von Geschlecht und sexueller Orientierung ausgetragen werden, eine ökonomische Grundlage haben. So drängt erst der Konkurrenzkampf atomisierter Individuen dazu, seine je individuellen Besonderheiten als positive Identität zu kultivieren und aus dieser Kapital zu schlagen, statt sich nur negativ gegen Diskriminierung zu wehren.

In der fiktionalen Literatur äußert sich das in der Tendenz zu Erzeugnissen, die als vermeintlich unvermittelter Ausdruck authentischer Erfahrungen der Autoren auftreten. Das damit in Zusammenhang stehende Bedürfnis nach Repräsentation mag vor dem Hintergrund des jahrhundertelangen Ausschlusses von Frauen und anderen aus dem Literaturbetrieb nachvollziehbar sein: Lange Zeit standen einem breiten Panoptikum von imaginierten Frauenfiguren in der Literatur nur wenige schreibende Frauen gegenüber.

Weibliche Kulturgeschichte lässt sich, wie die Literaturwissenschaftlerin und Feministin Silvia Bovenschen in ihrer Dissertation »Imaginierte Weiblichkeit« (erschienen 1979), herausgearbeitet hat, bis weit ins letzte Jahrhundert hinein vor allem durch die öffentliche Absenz und das Schweigen ihrer Subjekte definieren. Die von Männern geprägte Kultur brach dabei oft mit dem vor sich hergetragenen universalen Anspruch: So sah selbst der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau im Mann ein durch Individuation und Sozialisation strukturiertes Wesen, während die Frau ihm als unveränderliches Gattungswesen galt. Jahrhundertelang wurden in Prosa und Poesie verschiedene Kulturtypen der Frau stilisiert und idealisiert, während die Frauen real unterdrückt waren.

Es wäre allerdings ein Fehlschluss, in jedem von einem Mann erzeugten Stück Literatur den Ausdruck einer partikularen Herrschaftskultur zu vermuten, wie es Buchläden und Verlage mit einem strikt nach Geschlecht beziehungsweise Identität ausgerichtetem Programm teilweise suggerieren. Stattdessen müsste man sich genau auf die ästhetische Beschaffenheit der Texte selbst einlassen, um der Verwobenheit von universeller Befreiung und partikularer Herrschaft auf die Spur zu kommen, von der jedes gelungene Kunstwerk gezeichnet ist. Wenn auch Frauen mit Sicherheit statistisch eher Frauenschicksale in der Literatur darstellen, so wie Männer die ihren, ist es in der Literaturgeschichte doch immer wieder sowohl Männern wie auch Frauen gelungen, die je andere Seite des Geschlechterverhältnisses in ihrer Komplexität zur Darstellung zu bringen. So findet Simone de Beauvoir etwa anerkennende Worte für Stendhal, der im 19. Jahrhundert erkannt habe, dass keine Essenz die Frau für allemal bestimme, und der die Idee des »Ewigweiblichen«, die von nicht wenigen seiner Zeitgenossen kultiviert wurde, für lächerlich befinde.

Stendhals Frauenfiguren speisen sich aus dieser Überzeugung; mit großer Raffinesse zeigt er etwa in »Rot und Schwarz« an Madame de Rênal und Mathilde de la Mole sozialisationsgebundene innere Konflikte und dringt ins gesellschaftliche Schicksal der Frau ein. Andersherum hat etwa Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung »Alles« (1959) auf erschütternde Weise die Entfremdung eines Vaters von seinem Kind beschrieben, die auch geschlechtsbezogene Reflexionen enthält. In ihrem neuesten Roman »Coming of Karlo« ist es Lisa Kränzler geglückt, die Gefühle und Sehnsüchte eines pubertierenden Jungen überzeugend zu schildern, unabhängig davon, dass sie selbst in ihrer Jugend einiges anders erlebt haben mag. Dass das Überschreiten der eigenen Erfahrung zu einer notwendigen Konstitutionsbedingung von Literatur als Kunst zählt, geht im Kampf um Repräsentation gerade verloren.

Die von Literaturinstitutionen geförderte immer umfassendere Beschränkung auf das je Eigene leistet im Gegenteil der Einhegung und Domestizierung der Fantasie Vorschub. Dazu kommt, dass Literatur gegenwärtig nicht mehr nur ästhetischen Kriterien - die immer auch implizit politische sind - genügen soll, sondern schnell als gestrig und öde gilt, wenn darin nicht eindeutige politische Positionen bezogen werden: Etwa beschwert sich Dirk Knipphals in der »Taz« darüber, dass die für den diesjährigen Leipziger Buchpreis Nominierten allesamt mit ihren Büchern nicht an die Debatten um »Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus« anschlössen.

Nach Formexperimenten wie dem des Nouveau Roman und einer Abkehr vom Realismus in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts hat sich die intellektuelle Tendenz, die »großen Erzählungen« zu verwerfen, in den letzten Jahrzehnten zunehmend in einer populären Literatur niedergeschlagen, die, auch wo sie Wahres trifft, wesentlich die je meinige Erfahrung zum Gegenstand macht - man denke etwa an Christians Krachts »Faserland« oder Rainald Goetz’ »Rave«, die heute zum Kanon zählen. Ganze Gesellschaftspanoramen, wie sie noch Honoré de Balzac entwerfen konnte, bestimmen nicht mehr unseren Begriff von Literatur, stattdessen sind Autofiktionen der literarische Ausdruck der Gegenwart. Die Selbsterzählung wird dabei ungeachtet ihrer Qualität unweigerlich auch zur Selbstvermarktung, die eigene Biografie recht unvermittelt in Wert gesetzt.

Dagegen ist zu halten, dass der Grat zwischen dem berechtigten Interesse am Zugang zu den geistigen und materiellen Produktionsmitteln von Literatur und einer dogmatischen Indienstnahme derselben für kunstfremde Politik schmal erscheint, letztlich jedoch den kritischen Unterschied macht. Buchhandlungen und -verlage, die programmatisch nur Erzeugnisse von Frauen und anderen identitär definierten Gruppen verbreiten, sehen sich oft als fortschrittlich, arbeiten jedoch in letzter Konsequenz an der Entkunstung der Literatur und stellen sich damit gegen utopisches Denken.

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