Ohne Perspektive und Zuversicht

Die Coronakrise hat massive Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Entwicklung von Minderjährigen

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 3 Min.
Heranwachsende Frauen sind in Deutschland weitaus häufiger unzufrieden und öfter depressiv als junge Männer.
Heranwachsende Frauen sind in Deutschland weitaus häufiger unzufrieden und öfter depressiv als junge Männer.

Ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns in Deutschland zeichnen sich laut dem UN-Kinderhilfswerk Unicef die »massiven Auswirkungen« der Corona-Pandemie auf Kinder, Jugendliche und Familien immer deutlicher ab. Aus dem am Dienstag veröffentlichten Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2021 geht auch hervor, dass die Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens nicht nur die Bildungserfolge junger Menschen gefährden, sondern zudem »weitreichende Folgen für ihr gesamtes Wohlbefinden und ihre Entwicklung« haben.

Es gebe einen »sehr beträchtlichen Unterschied« bei der Bewältigungsmöglichkeit der Krisenfolgen zwischen Kindern, die »in besseren Verhältnissen« aufwachsen, und jenen in relativer Armut, erklärte Georg Graf Waldersee, Vorstandsvorsitzender von Unicef Deutschland, bei der Vorstellung des Berichts. Es sei beispielsweise ein Unterschied, ob man mit mehreren Familienmitgliedern auf sehr engem Raum Homeoffice und Homeschooling verbinden müsse oder ob mehr Platz zur Verfügung stehe. Bereits vor der Pandemie hätten Kinder aus Einwandererfamilien und Kinder von Alleinerziehenden schlechtere Startchancen gehabt, erklärte Hans Bertram, Familiensoziologe und Autor des Berichts. Durch Corona seien diese Unterschiede zusätzlich verstärkt wurden.

Aus dem Unicef-Bericht geht auch hervor, dass Mädchen wohl weitaus mehr von negativen Einwirkungen betroffen sind als Jungen. Während 21 Prozent der jungen Mädchen mit ihrem Leben unzufrieden sind, sind es bei den Jungen nur 12,9 Prozent. 16 Prozent der jungen Frauen von 16 bis 19 Jahren schätzen sich selbst sogar als depressiv ein.

Auch soziale Unterschiede würden sich laut Unicef bei der Zufriedenheit stark bemerkbar machen. Während 12,9 Prozent der privilegierten Kinder unzufrieden sind, sind es bei den weniger privilegierten Kindern 20,3 Prozent. Bei Kindern mit Einwanderungsgeschichte fällt die Lebenszufriedenheit um 4,5 Prozentpunkte geringer aus als bei Kindern ohne Einwanderungsgeschichte. Generell ist die Unzufriedenheit bei den 15-Jährigen in Deutschland im Vergleich mit 26 anderen Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eher hoch, Deutschland belegt den 16. Platz. »Dass ein signifikanter Teil der Jungen und Mädchen ohne Zuversicht in die Zukunft geht, ist richtig schlimm«, kommentierte Waldersee die Zahlen.

Bei Mädchen in Deutschland ist zudem der Konsum von verschreibungspflichtigen und frei zugänglichen Beruhigungsmitteln im europäischen Vergleich sehr hoch. Zehn Prozent der 16-jährigen Mädchen nehmen nicht verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel zu sich, 13 Prozent verschreibungspflichtige. Ebenfalls schlecht schneiden jungen Frauen und deren Teilhabechancen in Deutschland ab. Laut Bericht gebe es dahingehend »einen klaren Verbesserungsbedarf gegenüber den nordeuropäischen Nachbarn Dänemark und Schweden und den Niederlanden, der Schweiz und Österreich«.

Der Bericht, der sich auf statistische Daten von Eurostat, der OECD und dem deutschen Statistischen Bundesamt bezieht, zeigt laut Unicef auch, dass die Kontaktbeschränkungen und Schulschließungen das Risiko erhöhen, dass Kinder mit Förder- und Schutzbedarf nicht ausreichend erreicht werden. Auch die Defizite bei der digitalen Ausstattung der Schulen spiele dabei eine Rolle. Mängel, die auch vorher schon da gewesen seien, würden durch die Pandemie »schonungslos offengelegt«, so Waldersee.

»Die Jahre des starken wirtschaftlichen Wachstums seit 2010 sind nicht ausreichend genutzt worden, um die Kinderarmut zu senken«, so das Fazit von Unicef in dem Bericht. »Durch die Covid-19-Pandemie drohen nun sozioökonomische Verwerfungen, die zu verhindern einer enormen finanz- und sozialpolitischen Kraftanstrengung bedarf.«

Unicef empfiehlt etwa eine Kindergrundsicherung für jedes Kind und eine stärkere Einbindung von Minderjährigen bei der Ermittlung der tatsächlichen Bedürfnisse zur Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums. Bei der Vorstellung des Berichts forderte Waldersee zudem einen Gipfels zur Bewältigung der Folgen durch die Coronakrise für Kinder, Jugendliche und Familien in Deutschland. Dazu sollten laut Unicef Bund und Länder umgehend eine Kommission einberufen. »Der Sicherung der Kinderrechte muss jetzt höchste Priorität eingeräumt werden«, resümierte Waldersee.

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