Boten aus dem interstellaren Raum

Kosmische Objekte von außerhalb des Sonnensystems im Vorbeiflug beobachtet

  • Von Dieter B. Herrmann
  • Lesedauer: 4 Min.
So stellt man sich bei der ESA den interstellaren Kometen Oumuamua vor.
So stellt man sich bei der ESA den interstellaren Kometen Oumuamua vor.

Die Reise von einem Stern zum anderen durch die öden Weiten des Alls - davon träumen viele Visionäre der Raumfahrt. Doch zwei Objekte haben es geschafft - ganz ohne unsere Mitwirkung: die Kometen 1I/Oumuamua und Borisov.

Es war durchaus eine Überraschung für die Astronomen auf Hawaii, als sie bei der Bahnberechnung des am 19. Oktober 2017 entdeckten Himmelskörpers feststellten, dass er aus dem interstellaren Raum stammt. Alle bis dahin bekannten Kometen sind Mitglieder des Sonnensystems und kommen aus der am äußeren Rand des Systems vermuteten Oortschen Wolke oder dem näher gelegenen Kuiper-Gürtel. Der Oumuamua (Hawaiisch=Anführer) genannte Körper hingegen erwies sich als das erste Objekt einer neuen Klasse, weshalb seinem Namen auch »1I« vorangestellt wurde, die Nummer 1 eines Interstellaren Kometen. Leider wurde Oumuamua erst entdeckt, als er schon bereits weit von der Erde entfernt war und in die Tiefen des Weltalls zu entschwinden begann. Die starken Helligkeitsschwankungen führten zu dem Schluss, dass es sich um ein ungewöhnlich längliches, zigarrenförmiges Objekt von etwa 200 Metern Durchmesser handeln musste. Auch die Bahnbewegung verhielt sich geringfügig anders, als es unter dem Einfluss ausschließlich gravitativer Kräfte zu erwarten war. Man erklärte sich dies mit dem Ausgasen flüchtiger Bestandteile, wie es von Kometen in Sonnennähe bekannt ist. Der Harvard-Astronom Abraham Loeb und sein Kollege Shmuel Bialy äußerten aber in einem 2018 veröffentlichten Beitrag die Vermutung, dass es sich auch um den aufgegebenen Teil eines außerirdischen Raumschiffes mit der Technik eines Sonnensegels handeln könne. Die meisten Forscher sehen allerdings in 1I/Oumuamua ein natürliches Objekt aus einem fernen Sonnensystem, das dort hinauskatapultiert wurde und jetzt in unsere kosmische Nähe gelangte. Da 1I/Oumuamua längst außer Sicht ist, bleiben viele Fragen offen.

Doch welch ein Glücksfall. Am 30. August 2019 entdeckte der Amateurastronom Gennady Borisov auf der Krim ein weiteres Objekt aus dem interstellaren Raum, den jetzt nach ihm benannten Kometen 2I/Borisov. Sogleich richteten mehrere Forschergruppen große Teleskope auf den Eindringling. So wurden z.B. von einem Team um Stefano Bagnulo vom Armagh-Observatorium (Nordirland) mit einem Instrument am Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile polarimetrische Untersuchungen durchgeführt. Dabei zeigten sich große Übereinstimmungen mit dem Kometen Hale-Bopp aus unserem Sonnensystem, der ab dem Sommer 1996 für längere Zeit mit bloßem Auge zu beobachten gewesen war.

Damals war man zu dem Schluss gekommen, dass Hale-Bopp höchstens einmal in seinem Dasein die Nähe der Sonne passiert hatte. Der Sonnenwind und andere mikroskopisch kleine Teilchen verunreinigen nämlich die Oberfläche bei solchen Passagen, wovon sich aber bei Hale-Bopp - im Unterschied zu anderen Kometen - kaum etwas feststellen ließ. 2I/Borisov erwies sich nun als ein noch reineres Ebenbild von Hale-Bopp. Das konnte nur bedeuten, dass Borisov sein ursprüngliches Sonnensystem wahrscheinlich schon verlassen hat, ehe er dem dortigen Zentralstern überhaupt jemals nahegekommen war. Der Mitautor Alberto Cellino vom Astrophysikalischen Institut Turin stellt daher fest, »dass sich die Umgebung, aus der 2I/Borisov stammt, in der Zusammensetzung nicht so sehr von der Umwelt im frühen Sonnensystem unterscheidet«. Damit erweist sich der Komet als eine Art gefrorene Zeitkapsel aus einer fernen Welt mit den Signaturen der dort herrschenden Bedingungen.

Eine andere Forschergruppe um die ESO-Mitarbeiterin Bin Yang befasste sich mit der Staubhülle (Koma), die sich um den Kometenkern gebildet hatte und veröffentlichte die Ergebnisse jetzt im Fachblatt »Nature Astronomy«. Das Team fand kompakte winzige »Kieselsteine« mit Durchmessern ab einem Millimeter in der Koma. Da Kometen sich während der Entstehung eines Planetensystems in der sogenannten protoplanetaren Gas-Staub-Scheibe entwickeln, kann man daraus schließen, dass die ursprünglich winzigsten Staubpartikel durch Kollisionen verdichtet wurden. Auch Kohlenstoffmonoxid und Wasser wurden in der Koma von 2I/Borisov gefunden. Das Mischungsverhältnis änderte sich jedoch vor und nach dem Durchgang des Kometen durch den sonnennächsten Punkt seiner Bahn. Das deutet darauf hin, dass der Kometenkern heterogen aufgebaut ist und die Komponenten aus verschiedenen Regionen der protoplanetaren Scheibe stammen, die er durchflogen hat. Das System, aus dem der Komet stammt, ist demnach ähnlich beschaffen wie unser eigenes Sonnensystem in seiner Frühphase mit einer kräftigen radialen Durchmischung aller seiner Bestandteile. Die beiden unterschiedlichen Studien kommen also zu einem ähnlichen Ergebnis. Über die genaue Herkunft der beiden Objekte können sie allerdings nichts aussagen. Nun hofft man sehnsüchtig auf die Entdeckung weiterer interstellarer Botschafter.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung