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Schwierige Hinterlassenschaft

Vor 75 Jahren wurde bei den Tokioter Prozessen Anklage gegen Kriegsverbrecher erhoben. Das japanische Gegenstück zu Nürnberg belastet die Beziehungen in Ostasien bis heute - die einen sprechen von Versäumnissen, die anderen von Siegerjustiz

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 7 Min.
Der japanische Politiker Shinzo Abe 2012 im Yasukuni-Schrein, wo auch die verurteilten Kriegsverbrecher der Tokioter Prozesse geehrt werden
Der japanische Politiker Shinzo Abe 2012 im Yasukuni-Schrein, wo auch die verurteilten Kriegsverbrecher der Tokioter Prozesse geehrt werden

Der Grundstein für einen währenden Frieden sollte im Kriegsministerium gelegt werden. Hier, von wo aus Japans Politik- und Militärelite jahrelang einen Angriffskrieg quer über den Pazifik geplant hatte, wartete im Jahre 1946 ein durch die siegreichen US-Amerikaner einberufenes Gericht auf. Der Chefankläger Joseph Keenan las vor: »Die Verschwörung zwischen den Angeklagten, zu denen sich die Herrscher anderer Aggressorenstaaten gesellten, nämlich Nazideutschland und das faschistische Italien, war sehr eng.«

Hauptziel dieser Verschwörung sei es gewesen, so formulierte es der US-amerikanische Jurist und Politiker, »die Beherrschung und Ausbeutung des Restes der Welt durch die Angreiferstaaten zu sichern«. Und um dies zu erreichen, sei ihnen kaum etwas zu grausam gewesen: »Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.« Könnte irgendeiner derer, die sich nun verantworten mussten, hier noch als freier Mensch rauskommen?

Kriegsende und Anklage

Die Tokioter Prozesse, deren Anklage sich am 29. April zum 75. Mal jährt, richteten sich gegen 28 führende Vertreter des Japanischen Kaiserreichs. Wenige Monate zuvor war das ostasiatische Imperium, das sich für einige Jahre über weite Teile des Pazifiks ausgebreitet hatte, zusammengebrochen. In Europa hatte der Zweite Weltkrieg mit Deutschlands Kapitulation schon im Mai 1945 sein Ende gefunden. Japans Kriegskabinett aber wollte eigentlich bis zum letzten Mann weiterkämpfen.

Bis am 6. und 9. August die japanischen Hafenstädte Hiroshima und Nagasaki durch Atombomben verwüstet wurden und am 9. August auch noch die Sowjetunion den Krieg gegenüber Japan erklärte. Damit waren nicht nur so gut wie alle Großstädte des Landes zerstört. Plötzlich näherten sich auch aus jeder Himmelsrichtung die Feinde. Am 15. August schließlich richtete sich der als gottähnlich verehrte Kaiser Hirohito, dessen Stimme die Bevölkerung zuvor nie gehört hatte, per Radio an seine Untertanen: Man werde nun »das Unerträgliche ertragen und das nicht Erduldbare dulden«. Eine Kapitulation, um »allen zukünftigen Generationen den Weg zu einem großen Frieden zu bereiten«.

Bei der Prägung friedlicher Nachkriegsinstitutionen machten die USA gegenüber dem einst stolzen und nun darniederliegenden Land ihren Einfluss geltend. Nicht nur wurde mit einer neuen Verfassung das japanische Militär formal abgeschafft. Durch die Kriegsverbrecherprozesse von Tokio sollten auch, entsprechend zu den Nürnberger Prozessen für Nazideutschland, alle Verantwortlichen aus dem politischen Leben verschwinden.

Mit Blick auf die Angeklagten - unter ihnen vier Premierminister, fünf Kriegsminister und vier Außenminister - gelang dies auch. Als zweieinhalb Jahre nach Beginn der Prozesse am 4. November 1948 die Urteilsverkündung begann, waren zwei Personen bereits gestorben, der Philosoph und Autor Shumei Okawa war für geisteskrank erklärt worden. Von den restlichen 25 erhielten zwei mehrjährige Freiheitsstrafen, 16 bekamen lebenslänglich, sieben wurden zum Tod durch den Strang verurteilt, darunter auch der ehemalige Premier Hideki Tojo.

Nachwirkungen bis in die Gegenwart

Bis heute sind die Tokioter Prozesse Gegenstand von Diskussionen. Das Kriegstribunal sei ein Paradebeispiel für Siegerjustiz, sagen die Nationalisten im Land, zu denen auch der bis vergangenen Sommer regierende Premierminister Shinzo Abe gehört. Demnach hätten die Angeklagten von Anfang an keine Chance auf einen fairen Prozess gehabt. Die Linke im Land hält dagegen: Die wichtigsten Verantwortlichen für Japans Eroberungskrieg habe das Tribunal doch verschont.

Ganz Unrecht haben beide Seiten nicht. Im Unterschied zu den Nürnberger Prozessen, die auf dem Londoner Abkommen der Alliierten basierten, war den Prozessen von Tokio ein Befehl des US-Generals Douglas MacArthur vorausgegangen. Schon dies sorgte für Kritik auf der Verteidigerseite. Die völkerrechtliche Grundlage des Tribunals wurde auch in späteren Jahrzehnten noch als schwach bezeichnet.

Auch der Prozess selbst wurde kritisiert. So wurden auch kaum geprüfte Dokumente als Beweismittel zugelassen. Der Richter aus den Philippinen, Delfin Jaranilla, war zudem Überlebender eines japanischen Massakers. So entstand der Verdacht der Befangenheit. Der indische Richter Radhabinod Pal votierte als einziger für den Freispruch aller Angeklagten. Auch wenn er den japanischen Angriffskrieg nicht guthieß, hielt er das hierüber urteilende Gericht und deren Prozess nicht für fair. Unter Nationalisten in Japan wird Pal dafür heute verehrt.

Andererseits: Es wurde auch längst nicht alles verhandelt, was relevant gewesen wäre. Sowohl die Kriegspolitik, an der Front Bordelle mit Sexsklavinnen für die Soldaten zu unterhalten, als auch die in China an Menschen durchgeführten Experimente blieben ausgeklammert. Dies lag wohl auch daran, dass die USA Interesse an den Ergebnissen der Versuche hatten. So musste sich auch der federführende Arzt Shiro Ishii, der später mit dem in Auschwitz experimentierenden Josef Mengele verglichen wurde, nicht vor dem Gericht verantworten.

Ein Kaiser gegen den Kommunismus

Der vielleicht größte Geburtsfehler der Prozesse war aber dieser: Kaiser Hirohito, der mit der Nachkriegsverfassung seinen gottähnlichen Status verlor, wohl aber weiter Kaiser blieb, fehlte auf der Anklagebank. Dass Hirohito mit politischen Entscheidungen nichts zu tun gehabt hätte, kann ausgeschlossen werden. Es waren eher politische Erwägungen, den Kaiser zu verschonen. »Es gibt keine Zweifel, dass Hirohito über alle wesentlichen Schritte des Krieges informiert war und diese auch abgesegnet hat«, sagt Torsten Weber, ein Historiker am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio.

Zuletzt veröffentlichte Japans öffentlicher Rundfunksender NHK Dokumente, die zeigen, dass Hirohito auch über das Massaker von Nanking Bescheid wusste, wo japanische Soldaten zwischen 200 000 und 300 000 Chinesen töteten. Demnach war der Kaiser auch darauf vorbereitet, eines Tages zurückzutreten, sollte er in Ungnade fallen. Dass sich Japan im Krieg schuldig machte, war Hirohito also bewusst. Weber erklärt: »Die USA wollten in Japan unbedingt Kontinuität schaffen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs musste man sich gegen die Sowjetunion formieren und Japan sollte als Bollwerk gegen den Kommunismus dienen. Also brauchte man ein konservatives Japan.«

Dieses konservative Japan war in jenen Eliten zu finden, die dem jahrtausendealten Erbe der Monarchie nahestanden. Auch weil der Kaiser in seiner Kapitulationsrede alle im Land dazu aufgefordert hatte, man möge sich den Siegern beugen, war inmitten der politischen Umstrukturierungen die Entmachtung des Throns zwar nur folgerichtig. »Aber durch die Erhaltung der Monarchie an sich erkaufte sich MacArthur auch die Sympathie der Konservativen im Land«, so Weber.

Nach dem Krieg schien ein kommunistisches Japan nicht völlig unrealistisch. Das Land hatte eine kräftige linke Bewegung, die neben dem Umsturz der Besitzverhältnisse auch keinen Kaiser mehr wollte. Die USA schickten den juristisch verschonten Kaiser daher gleich nach Kriegsende auf eine Art Werbetournee durchs Land. Seine Bevölkerung, die den Kaiser vor dessen Kapitulationsrede nie gehört, geschweige denn gesehen hatte, grüßte Hirohito in der Provinz. Er übte sich zum ersten Mal in seinem Leben in Volksnähe. Torsten Weber beschreibt diese Wende so: »Hirohito musste vom Gott zum Volkskaiser werden, der die neue Demokratie symbolisieren sollte.« Hirohito lebte bis 1989.

Mangelnde Aufarbeitung

Stabilität in Japan wurde erreicht. Allerdings auch nicht viel mehr als das. Bis heute sind die regionalen Nachbarschaftsbeziehungen in Asien fragil, bisweilen dürftig. Dies liegt nicht unwesentlich daran, dass bei mehreren Taten und Vorfällen aus dem Krieg im Moment der Aufarbeitung dann doch lieber weggesehen wurde. So streiten sich Korea und Japan noch heute über das Thema der »Trostfrauen« genannten Sexsklavinnen, dieser Tage erst wies ein Gericht in Seoul die Klagen von Betroffenen ab. Immer wieder führt dieses Thema zu diplomatischen und sogar handelspolitischen Konflikten. Auch in China, das zudem territoriale Ansprüche in der Region erhebt, ist man erbost, wenn sich japanische Politiker geradezu geschichtsvergessen verhalten. Aufregung ist immer wieder vorprogrammiert, wenn Amtsträger den Yasukuni-Schrein in Tokio besuchen, der neben anderen Kriegstoten auch Kriegsverbrecher ehrt.

In Ost- und Südostasien, das im Zweiten Weltkrieg ebenso ein Schlachtfeld war wie Europa, hat es ein so ambitioniertes Integrationsprojekt wie die EU nie gegeben. Damit das europäische Staatenbündnis über Jahrzehnte Frieden zwischen den Mitgliedsländern sichern konnte, war auch eine gemeinsame Geschichtsschreibung nötig. Für Asien hätten die Tokioter Prozesse so einen Anfang bilden können. Aber über die Vergangenheit streitet man bis heute.

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