Es geht um die Bücher

Kritisch-lesen.de feiert aktuell zehnten Gründungstag, für eine linke Gegenöffentlichkeit ist die Internetseite unverzichtbar

»Jugoslawien - 30 Jahre später« lautet der aktuelle Schwerpunkt der Plattform Kritisch-lesen.de. Elf Bücher mit dem Schwerpunkt Jugoslawien werden vorgestellt. Es geht sowohl um die Geschichte der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung als auch um die Rolle der Partisan*innen in dem Land. Auch die Wiederauflage des heute weitgehend vergessenen »Proletarischen Humanismus« des Marxisten Miladin Životić wird rezensiert. Er war Mitglied der Praxisgruppe, die nach 1968 für einige Jahre auch über Jugoslawien hinaus eine wichtige Adresse für dissidenten Marxismus gewesen ist. Es ist die insgesamt 59. Ausgabe von Kritisch-lesen.de, jede hat einen eigenen Schwerpunkt. Die Seite feiert nun ihren zehnten Gründungstag.

Die Ursprünge von Kritisch-lesen.de liegen im Projekt Stattweb.de, einer digitalen Auskopplung der Stattzeitung, so die Selbstbezeichnung, aus Südbaden. Der mittlerweile verstorbene Lehrer Fritz Güde hatte nach seiner Pensionierung gemeinsam mit dem Publizisten und nd-Autor Sebastian Friedrich ein Kollektiv gegründet, in dem ausschließlich Buchrezensionen veröffentlicht wurden. Die sieben Autor*innen, die bei der Gründung dabei waren, nahmen den Begriff der Buchkritik ernst und setzen sich tatsächlich in diesem Sinne mit den Publikationen auseinander. Das war auch als Kritik an linken Medien zu verstehen, in denen oft die richtige politische Meinung und nicht die kritische Auseinandersetzung mit den Texten im Mittelpunkt steht.

Andrea Strübe, Sara Morais dos Santos Bruss, Johanna Bröse, Tobias Kraus, Sascha Kellermann, die heute das Redaktionskollektiv von Kritisch-lesen.de bilden, eint die Leidenschaft für Texte, was auch eine harte Kritik nicht ausschließt. Rezensionen von politischen Sachbüchern haben oft eine begrenzte mediale Reichweite. Doch das Redaktionskollektiv kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. »Wir erfreuen uns konstanter Klickzahlen auf gutem Niveau, aber noch wichtiger sind die zahlreichen persönlichen Rückmeldungen, die uns auf allen möglichen Wegen erreichen«, erklären sie gegenüber dem »nd«. Kritisch-lesen.de ist auch eine Antwort auf den Verlust kritischer Wissenschaft an den Hochschulen, wo linke Publizistik selten Berücksichtigung findet. Unter den Autor*innen, die Rezensionen für Kritisch-lesen.de schreiben, sind auch viele linke Akademiker*innen.

Dem Redaktionskollektiv ist die Problematik bewusst, schreibenden Menschen einen Ort für Veröffentlichungen zu bieten, sie aber für ihre Arbeit nicht bezahlen zu können. »Unsere Situation steht exemplarisch für die vieler Menschen im linken Publikationswesen, den kapitalistischen Produktionsbedingungen im Medienbereich etwas entgegensetzen zu wollen und sich ihnen gleichzeitig nicht vollends entziehen zu können«, heißt es. Die Inhalte von Kritisch-lesen.de sind nicht durch den Zwang der Refinanzierung bestimmt. Das Projekt wird vom Engagement aller Beteiligten getragen. Es ist zu hoffen, dass auf der Grundlage dieses wichtige Medium der linken Gegenöffentlichkeit noch lange existieren kann. Peter Nowak

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