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Schwuler metoo-Moment

JEJA NERVT: Über ein Gerichtsverfahren und seine Bedeutung

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Ist die Eröffnung eines Gerichtsverfahrens gegen einen Arzt ein schwuler metoo-Moment?
Ist die Eröffnung eines Gerichtsverfahrens gegen einen Arzt ein schwuler metoo-Moment?

In Berlin hat in diesen Tagen der Prozess gegen einen Arzt begonnen, der sich mit seiner Klinik insbesondere auf die Bedürfnisse der schwulen Community spezialisiert hatte. Im Verfahren geht es um sexuelle Übergriffe auf fünf Personen. Unter Ausnutzung des Arzt-Patient*innen-Verhältnisses soll er bei der Behandlung immer wieder zudringlich geworden sein. Der Arzt wiederum besteht darauf, dass alle Handlungen einen medizinischen Zweck erfüllt hätten. Eine andere Intention habe es nicht gegeben. Die Anzeigen gegen ihn stellten vielmehr eine Kampagne zu seinen Ungunsten dar. Unabhängig davon, wie das Strafverfahren mit seiner Unschuldsvermutung ausgeht: die schwule Solidarität in Fragen sexueller Gewalt lässt häufig zu wünschen übrig.

Zwar kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Aber als queere*r Feminist*in bin ich immer wieder Männern begegnet, die sich in schwulen Kreisen nicht wohlfühlen. Ihre Erzählungen von einer Kultur, in der etwa beständiges Begrabbeln als Ausdruck sexueller Freiheit gehandhabt wird (und nicht etwa: sexueller Unfreiheit!) werden von Untersuchungen und schwulen Stimmen bestätigt. Die Szene befindet sich dabei in einem Dilemma: das Gerücht der Übergriffigkeit hängt ihr schon allein aufgrund der Homophobie und der Projektionslust der Mehrheitsgesellschaft an. Die Zeiten, in denen viele Menschen einen inneren Zusammenhang zwischen männlicher Homosexualität und sexueller Gewalt gegen Kinder zu erkennen glauben, sind schließlich noch immer nicht vorbei.

Doch auch in Bezug auf Erwachsene gilt: Heteromänner sind oft getrieben von der Angst, dass Schwule mit ihnen machen könnten, was sie selber mit Frauen anstellen. In letzterem Falle handelt es sich nach landläufiger Auffassung zwar nicht um Gewalt, in ersterem jedoch, wenn man(n) selber das Opfer wäre, sehr wohl. So wird die sexuelle Gewalt, die in der heterosexuellen Konstellation ganz normal, jedoch unsichtbar ist, bei schwulen Männer »wiederentdeckt«. Schwule müssen sich mit diesen speziell gegen sie gerichteten Verdächtigungen auseinandersetzen, ob sie wollen oder nicht. Der Weg zur eigenen Sexualität ist darum häufig eng verknüpft mit der Zurückweisung der Behauptung, dass das eigene Begehren inhärent gewalttätig wäre.

Dieses Schicksal teilen Schwule übrigens mit Lesben oder transgeschlechtlichen Frauen. Doch auch wenn es wichtig ist, die Fantasien der Mehrheitsgesellschaft zurückzuweisen: sexuelle Gewalt in queeren Communities findet statt.

Während es in eher lesbischen, eher genderqueeren Kreisen ein erhöhtes Bewusstsein für stattfindende sexuelle Gewalt gibt, sind es in der schwulen Community oft Einzelkämpfer*innen, die an dieser Front streiten. Als es im Zuge der metoo-Bewegung auch zu Anschuldigungen von Männern gegen Männer gekommen ist, saß bei vielen in der Szene der Lach-React jedenfalls ziemlich locker. Die Kommentarspalten schwuler Medien waren regelmäßig voll mit verächtlichmachenden, opferfeindlichen und belustigten Äußerungen. Öffentliche Solidaritätsbotschaften, einen »schwulen metoo-Moment« gar, wie die Eröffnung des Gerichtsverfahrens auch genannt worden ist, sucht man vergeblich. Veröffentlichungen zu Vorfällen und Vorwürfen, wie jetzt im Fall des bekannten Arztes, werden kaum geklickt, geliked, geteilt oder kommentiert.

Warum ist das so? Die Plattform dafür - den Hashtag metoogay - hätte es vor einigen Wochen gegeben, nachdem sich ein mutmaßliches Opfer in Frankreich das Leben genommen hatte. Vorher warf er zwei Politikern der kommunistischen Partei vor, ihn vergewaltigt zu haben. In einer Kolumne für das Freiburger Nachrichtenportal »fudder« überlegte Dita Whip ein mal, dass erschwerend hinzu komme, dass sich viele Schwule in der Selbstbetrachtung auf beiden Seiten des Täter-Opfer-Verhältnisses wiederfänden - so normalisiert seien Grenzüberschreitungen in der Szene. Den eigenen Schmerz ernst zu nehmen hieße dann, sich auch dem Schmerz zu stellen, den man anderen zugefügt hat. Aber mal im Ernst, was sollten wir denn anderes tun?

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