Vom Hotspot zum möglichen Vorreiter

Groß angelegte Studie im Landkreis Tirschenreuth ergab eine hohe Dunkelziffer von 80 Prozent bei Corona-Infektionen. Forscher sehen erste Effekte einer Herdenimmunität

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Studie zum Coronavirus: Vom Hotspot zum möglichen Vorreiter

In Tirschenreuth ist man es gewohnt, zwischen Extremen zu leben. Die beiden bekanntesten Aussichtspunkte in der Umgebung der Gemeinde in der Oberpfalz sind die Himmelsleiter und die Große Teufelsküche. Extreme prägen auch den Verlauf der Corona-Pandemie: Aktuell haben in der gesamten Südhälfte Deutschlands nur drei Landkreise eine etwas niedrigere Inzidenz als der Kreis nahe der tschechischen Grenze mit 83,3. Zu Beginn der Pandemie war Tirschenreuth dagegen der erste und heftigste deutsche Corona-Hotspot, obwohl eher die nordrhein-westfälische Gemeinde Gangelt bundesweit für Schlagzeilen sorgte.

Im Frühjahr 2020 sollen Rückkehrer aus den Skigebieten die norditalienische Virusvariante von Sars-CoV-2 mitgebracht haben, die sich wohl an Fasching, bei einem Starkbierfest unter dem Motto »Massen-Schluckimpfung« und über die Zoigl-Tradition, das gemeinschaftliche Brauen und Verzehren eines untergärigen Biers, massenhaft verbreitete. Offiziell registriert wurde zudem eine besonders hohe Todesrate von elf Prozent der Covid-19-Erkrankten.

Wie in Gangelt wurden die Ereignisse in Ostbayern wissenschaftlich analysiert, hier mit dem Schwerpunkt der Suche nach Antikörpern. Zwischenergebnisse der Studie »Prospektive Covid-19-Kohorte Tirschenreuth« der Universitätskliniken Regensburg und Erlangen wurden vor wenigen Tagen veröffentlicht. Virologen, Epidemiologen und Statistiker waren daran beteiligt. Mehrere Tausend Bewohner des Landkreises ließen sich im Juni und im November Blut abnehmen und füllten einen Fragebogen aus.

Das wichtigste Ergebnis: Im Juni 2020 hatten 8,6 Prozent der Tirschenreuther Bevölkerung über 14 Jahren Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet, also bereits eine Infektion durchlaufen. Die Wissenschaftler gehen von einer Dunkelziffer von »Faktor 5« aus, was bedeutet, dass »80 Prozent aller Infektionen durch die damalige Teststrategie nicht erfasst wurden«, wie es in der Studie heißt. Die Dunkelziffer war in allen Bevölkerungsgruppen hoch, sank aber mit dem Alter: Bei den 14- bis 20-Jährigen blieben 92 Prozent der Infektionen unerkannt, bei den über 80-Jährigen waren es noch 41 Prozent.

Wegen der hohen Dunkelziffer ergibt sich gegenüber den offiziellen Zahlen eine entsprechend niedrigere Todesrate der Infizierten: Die sogenannte Infection Fatality Ratio (IFR) lag zwischen Februar und Juni bei 2,5 Prozent. Das ist deutlich mehr als in der Gangelt-Studie ermittelt, die aber weniger langfristig angelegt war. Die Forscher der Tirschenreuther Studie führen den Unterschied auch auf das höhere Durchschnittsalter und den höheren Anteil von Pflegeheimbewohnern in der Oberpfalz zurück. Fast jedes zweite der insgesamt 138 Todesopfer im Landkreis lebte zuvor im Seniorenheim. Erwartungsgemäß stieg das Risiko, an/mit Covid-19 zu sterben, mit dem Alter. Bei allen über 70-Jährigen betrug die IFR 13 Prozent, rechnet man die Seniorenheimbewohner heraus, waren es 7,3 Prozent.

Neben dem Alter bezogen die Wissenschaftler weitere soziodemographische Daten in die Auswertung ein. Demnach hatte medizinisches Personal ein etwa zweifach höheres Risiko als andere Berufsgruppen. Hingegen zeigten Supermarktbeschäftigte keine erhöhte Infektionshäufigkeit.

Ein überraschendes, etwas skurriles Detail: Raucher hatten gegenüber Ex- oder Nichtrauchern ein dreifach geringeres Risiko. Das könnte, so die Studienautoren, »verhaltensbedingte Ursachen« haben - Raucher gehen zum Plausch oft ins Freie -, oder aber immunologische oder zellbiologische. Kommt das Immunsystem von Rauchern besser mit derartigen Viren klar? Das muss erst untersucht werden, wobei die Forscher das Rauchen wegen des erhöhten Risikos von Lungenkrebs und Herzinfarkt natürlich nicht als Prävention gegen Covid-19 empfehlen.

Mittlerweile dürften die Dunkelziffer dank intensiverer Teststrategien und die Todesrate dank besserer Behandlungsmöglichkeiten natürlich niedriger sein. Was sagen die Ergebnisse für die jetzige Lage noch aus? Die Impfpriorisierung nach dem Motto »die Alten zuerst« ist völlig richtig. Wichtiger als diese erwartbare Erkenntnis: Studienleiter Klaus Überla von der Universität Erlangen sieht erste Effekte einer Herdenimmunität, die vermutlich zu den aktuell relativ niedrigen Fallzahlen führt. Er vermutet, dass mittlerweile 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Landkreis Tirschenreuth bereits eine Infektion hatten. Das dürfte doppelt soviel wie im deutschen Durchschnitt sein. »Insofern ist Tirschenreuth da möglicherweise Vorreiter.« Die zum Teil ausgewertete zweite Studienphase ergab eine geringe Zahl von Neuinfektionen von Juni bis November. Vor allem wurden bei den meisten im Juni seropositiv getesteten Probanden auch nach einem halben Jahr Sars-CoV-2-typische Antikörper gefunden. Das könnte Anlass zu Optimismus geben.

Doch hält diese Immunisierung über einen längeren Zeitraum und gegen Mutationen? Eine US-Studie unter angehenden Rekruten eines Militärstützpunktes in South Carolina ermittelte, dass zehn Prozent der Infizierten sich nach einiger Zeit erneut ansteckten. Allerdings war der Krankheitsverlauf schwächer. Im Ergebnis entspräche die Immunisierung durch Infektion etwa der Wirksamkeit der derzeitigen Impfstoffe.

Die Studie aus den USA sagt nichts dazu aus, wie lange die Immunisierung anhält und ob womöglich ein anderer Virustyp die Neuinfektionen verursachte. Zu diesen Fragen könnte Tirschenreuth in einigen Monaten Antworten liefern. Inmitten der Welle mit der britischen Mutation B117 läuft derzeit die dritte Phase der Studie, die Forscher setzen auf eine weiterhin rege Teilnahme. Ob die Region dann aus der Teufelsküche weiter raus gekommen ist?

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