Feiern in der Pandemie

Konzertbesuche ohne Maske, Abstand und Angst - an diesem Ziel arbeitet Barcelona mit viel Aufwand

  • Von Maren Häußermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Beeindruckend: 5000 Menschen in der Stadthalle Palau de Sant Jordi in Barcelona. Sie schauen zur Bühne hoch, singen mit, tanzen, die Arme in die Luft gestreckt, sie klatschen und filmen die Band »Love of Lesbian«. Es ist der zweite Schritt im Versuch, das spanische Nachtleben zu reaktivieren. Beim ersten waren 500 Leute in den kleineren Konzertsaal Sala Apolo eingeladen. Als man im Anschluss kein Infektionscluster nachweisen konnte, hängte man eine Null ran - an die Besucherzahl für den nächstgrößeren Versuch.

Am 27. März, dem Tag des ersten Massenkonzerts in der Pandemie, mussten alle Besucher einen Antigentest machen, mit dessen Ergebnis sie nach 10 Minuten per Handy informiert wurden, ob sie Teil des Experiments werden durften. Sechs positiv getesteten Personen blieb das Erlebnis verwehrt, der Rest bekam gratis FFP2-Masken und Desinfektionsmittel. Einen Monat später ziehen die Veranstalter Bilanz: Der Versuch sei ein voller Erfolg gewesen.

Unter den Besuchern, die alle für eine potenzielle Nachverfolgung bei späterer Erkrankung registriert wurden, habe es nach der Veranstaltung lediglich sechs positive Fälle gegeben. Bei vier Besuchern konnte keine Ansteckung im Konzert nachgewiesen werden, auch bei den restlichen vermutet man den Infektionsursprung woanders, »da es durch das ständige Tragen der Masken kaum möglich war, sich anzustecken«, hieß es.

Das Wichtigste sei eine gute Ventilation. So seien die Toiletten gefährliche Orte, gewissermaßen große Petrischalen, in denen sich die Viren sammeln. Der Arzt Bonaventura Clotet Sala, der die Veranstaltung wissenschaftlich begleitete, sagt: »Bei Outdoor-Konzerten kann man abwägen, ob Antigentests überhaupt notwendig sind. Die FFP2-Masken, die sehr effektiv sind, reichen aus.« Für geimpfte Personen sieht er auch die Option, auf Masken gänzlich zu verzichten, wobei diese sich gegenseitig auch weiterhin infizieren könnten. »Das muss wissenschaftlich noch richtig bewertet werden.«

Die Menschen auf der Straße können es nicht glauben. »Ich würde erst wieder in ein, zwei Jahren auf so eine Veranstaltung gehen«, sagt Candela Ponseti, eine Jugendliche, die mit ihren Freunden am Rande der Altstadt unterwegs ist und auf die Sieben-Tage-Inzidenz hinweist, die an diesem Tag Ende April in Katalonien bei fast 160 liegt. »So weit ich sehe, respektieren die Menschen die Maßnahmen nicht ausreichend, um fünf Uhr nachmittags zum Beispiel sieht man viele ohne Maske.«

Es ist ein regenverhangener Tag. Ohne die Touristen sind die Straßen leer, und auch die Terrassen der Cafés und Restaurants, die von 7 bis 17 Uhr geöffnet haben dürfen, sind kaum besetzt. Auf einer davon sitzt der Schauspieler Hodei Arrastao mit seiner Freundin. Die Barcelonesen können Museen, Kinos undTheater besuchen - die Zahl der Gäste ist allerdings limitiert. Doch die meisten bleiben aus Angst vor einer Ansteckung lieber zu Hause. Umso mehr freut sich der junge Mann über die Nachrichten vom Konzert: »Wir haben große Lust, dass man wieder Kulturelles machen kann, auch in dieser Größe. Und dass auch die Diskotheken mit Sicherheitsmaßnahmen wieder öffnen können. Es muss wieder Bewegung gehen, denn das ist gesund.«

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