Vom Leben in zwei Staaten

Der Mitteldeutsche Verlag wird 75

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.
Ein Verlag mit ostdeutschen Traditionen.
Ein Verlag mit ostdeutschen Traditionen.

Wer 1946 geboren wurde, hat immer noch die meiste Zeit in der DDR verbracht. 1990 fing dann etwas Neues an. Besser oder schlechter - für Antworten reicht ein Satz nicht aus. Es war einfach »anders« dieses damalige Dasein: bescheidener, aber trotzdem schön, weil man jung war, voller unerfüllter Sehnsüchte, ohne heutige Weite und Offenheit, aber doch mit Zukunftshoffnung. Zumindest für die Nachkriegsgeneration war das so.

Das Editionshaus, von dem hier die Rede ist, begann am 24. April 1946 mit dem Druck von amtlichen Papieren, ein Hallenser Adressbuch, aber auch Bildbände und Kinderbücher erschienen. Im weitgehend staatlich regulierten Buchbetrieb der DDR war der Mitteldeutsche Verlag dann vornehmlich für jene Autorinnen und Autoren zuständig, die im Lande lebten und arbeiteten. Seltsam aus heutiger Sicht: »Vater Staat« hatte ihr Wohlergehen im Auge - und wollte sie gängeln, was im Literatenmilieu natürlich nie so gelang, wie man es sich in den Machtetagen vorstellte.

Sozialistische Kulturpolitik: Fördern und Fordern, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Hartz IV. Freiberufliche Künstlerinnen und Künstler in der DDR besaßen Prestige. Ihre Position zwischen Macht und Volk war eine besondere: »Oben« wünschte man sie sich als ideologische Erfüllungsgehilfen, »unten« in zunehmendem Maße als oppositionelles Gewissen der Nation. In diesem Konflikt befanden sich die Schreibenden ebenso wie überhaupt alle, die mit Büchern zu tun hatten.

»Nackt unter Wölfen« - der Titel für Bruno Apitz’ berühmten Roman soll im Verlag gemeinsam mit Lektoren, Werbefachleuten und Verkaufsexperten bei einigen Flaschen Hochprozentigem gefunden worden sein. Die gemeinsame Arbeit an Manuskripten konnte intensiver sein als heute. Es gab schlichtweg mehr bezahlte Mitarbeiter, mit denen sich eine Textidee entwickeln ließ. Vielleicht war die Zahl derer auch geringer, die auf den Buchmarkt drängten.

Jedenfalls ist mein Manuskript über Tschingis Aitmatow, das ich Anfang der 80er Jahre an den Mitteldeutschen Verlag schickte, nicht unter einem Papierstapel verschwunden. Ich wurde eingeladen, und ein Lektor erklärte mir in aller Freundlichkeit den Unterschied zwischen meinem literaturwissenschaftlichen Text und einem Essay. Hernach stand ich auf dem Hallenser Bahnsteig und hatte zwei Möglichkeiten: entweder noch mal mit der Arbeit beginnen, was für mich als Vollzeitjournalistin mit zwei kleinen Kindern nicht einfach war - oder die Sache vergessen. Dass ich mich damals freigeschrieben habe zu meinem persönlichen Stil, verdanke ich dieser Betreuung im Mitteldeutschen Verlag, wo es von mir seit 2018 ein weiteres Buch zu Aitmatow gibt.

Preislich subventionierte Literatur

Aber zurück zu jenen berühmten Autorinnen und Autoren, deren Bücher in Halle verlegt wurden. Ob Volker Braun oder Günter de Bruyn, Elke Erb oder Peter Gosse, Harry Thürk oder Werner Heiduczek, Reiner Kunze oder Erich Loest (von dem jetzt der fünfte Band einer Werkausgabe erschien), Erik Neutsch oder Christa Wolf - so unterschiedlich sie waren, ihre Bücher wurden von Leserinnen und Lesern gierigst erwartet. Die Auflagen, preislich subventioniert, konnten nie groß genug sein. Womit der Verlag zu kämpfen hatte, waren die Kontingente an Papier, das auf dem Weltmarkt Valuta kostete, und immer wieder mit der Zensur. Wenn sich Lektoren auch an der Seite der Autoren fühlten, mussten sie doch sehen, dass ein Buch »durchkam«.

Die damit verbundenen Konflikte - sie würden wohl Bände füllen - kennt man im Verlag heute nicht mehr. Im kalten Wind der Marktwirtschaft ging es schlichtweg ums ökonomische Überleben: 1990 Privatisierung durch Management-Buy-out, notwendige Entlassungen und trotzdem 1996 die Insolvenz. Als eine neu gegründete Gesellschaft 1997 den Namen und die Buchbestände kaufte, war das nur der Beginn einer kurvenreichen Strecke voller Hoffnungen und Ernüchterungen unter wechselnder Leitung. Bis sich 2004 ein junger Mann bewarb: Roman Pliske, studierter Germanist und Historiker, als Sohn einer Buchhändlerin mit der Liebe zu Büchern in Westberlin geboren und in Heidelberg aufgewachsen, gewann das Vertrauen der Eigentümer.

Inhaltlich und ökonomisch wurde ihm die volle Verantwortung übertragen. Zehn fest angestellte und einige freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen ihm dabei umso lieber zur Seite, weil er ein freudig-schöpferisches Arbeitsklima zu schaffen vermag. Gemeinsam erhielten sie zur Frankfurter Buchmesse 2019 den Deutschen Verlagspreis und ließen sich auch durch die mit der Corona-Pandemie verbundenen Schwierigkeiten nicht entmutigen.

Entdeckungen in der heutigen deutschen Literatur gelangen zuhauf. Hinzu kommen seit einigen Jahren Übersetzungen gerade aus Ländern, die auf dem Buchmarkt unterrepräsentiert sind: Georgien (Aka Mortschiladse), Rumänien (Géza Szőcs), Ungarn (László Benedek), Litauen (Alvydas Šlepikas), Vietnam (Le Minh Khue) …

Rund 850 lieferbare Titel

Wie findet man solche Texte? Vor allem durch die Übersetzer, die sind die besten Scouts, sagt Roman Pliske.

Ein Glanzpunkt ist die Reihe »Lost Places«, die sich mit großartigen Fotografien von Marc Mielzarjewicz vergessenen, verlassenen Orten in Deutschland widmet.

Im Frühjahr erschien von Carina Landgraf der Band »Vergessener Glanz. Lost Places in Europa«. Zusammen mit anderen Kunstbänden und -katalogen, Reiseführern und Sachbüchern zu verschiedenen Themen und sogar zwei Kinderbüchern dieses Jahr bietet der Verlag mit rund 850 lieferbaren Titeln sozusagen ein ganzes Sortiment, das für jedes Interesse etwas bereithalten dürfte.

Dem rein literarischen Profil vor 1990 ist der Mitteldeutsche entwachsen. Er könne einfach schwer Nein sagen zu etwas, das ihn interessiert, bekennt Roman Pliske. Auch zeige sich immer wieder, dass es gut ist, nicht nur auf einem Bein zu stehen. Und die ostdeutschen Traditionen? »Die liegen doch in unserer DNA.« Erst kürzlich hat sich der Verlag die Rechte am Werk von Werner Heiduczek gesichert. »Viele Bücher aus DDR-Zeiten gibt es, die eine zweite oder dritte Chance verdienen.«

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