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  • »Kampf um Thüringen«

Herminafried gegen Theuderik

Nach dem Fußball kommt die Geschichte dran: Matthias Klaß erzählt vom »Kampf um Thüringen« im Jahr 531

  • Von Andreas Gläser
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor der Wartburg und der Geschichte Thüringens: Der schreibende Arbeiter Matthias Klaß.
Vor der Wartburg und der Geschichte Thüringens: Der schreibende Arbeiter Matthias Klaß.

Hurra, ich kenne mindestens einen schreibenden Arbeiter! Denn Leute, die auf die strapaziöse Art arbeiten gehen und nebenher schräge Fußball-Fanzines fabrizieren, tauschen früher oder später ihre Produkte und besuchen sich gegenseitig. Wir verkörpern sozusagen das Gegenteil der herkömmlichen Fußball-Fan-Kultur.

Persönlich kennengelernt habe ich den Schriftsteller Matthias Klaß 2002 bei einer Literaturveranstaltung auf der Burg in Ranis, Thüringen. Damals arbeitete er noch als Koch in einer Betriebskantine. Und amüsierte seine Leser mit dem Fanzine »Kreuzbandriss«, in dem es hauptsächlich um die Spiele des FC Wartburgstadt Eisenach ging. Die spielten damals Bezirksliga. 2008 resultierte daraus in Eigenproduktion das Buch »Knackwurschtliga. Ein Unterklassenmärchen«. Das war mal was anderes, beziehungsweise nichts für den FC-Bayern-Fanshop.

2016 lieferte Matthias mit seinem Büchlein über den FC Rot-Weiß Erfurt für Frank Willmanns »Fußball-Fibel«-Reihe einen literarisch überdurchschnittlich geschliffenen Beitrag ab. Ich besuchte den umtriebigen Freund einige Male, denn wer kann und will mit seinem Schulkind während der Ferien dauernd mit dem Flieger ins Ausland?

Dann doch lieber mit dem Zug von Berlin nach Eisenach, und dort schön zu Fuß durch die Drachenschlucht, oder in das Automobilmuseum. Gerne auch auswärts mit dem Bus, um den FC Wartburgstadt in der Robotron-Stadt Sömmerda zu unterstützen. Das taten sich nicht viele Leute an, deshalb wurde das Dutzend unerschütterlicher Anhänger in den Mannschaftsbus verfrachtet. Nebenei drehte Matthias im fremden Gefilde einen Spielbericht und werkelte gedanklich schon am nächsten Heimspielprogrammheft.

Später begann er damit, außerdem noch Boote zu verleihen, Kanus für die Hörsel. Würde er auch auf die Spree expandieren, frage ich ihn. »Ein reizvoller Gedanke. Die Spree fließt aber zu weit an der Wartburg vorbei.« Literarisch machte er sich in der Poe-try-Slam-Szene einen Namen. Und auch damit, Veranstaltungen zu organisieren. Er agierte sogar mit seinem Bruder Tino als Handpuppenspieler. »Henner und Frieder« hießen ihre Eisenacher Originale, denen sie Leben einhauchten.

Und wenn alle Jahre wieder das älteste Volksfest Deutschlands, »Der Sommergewinn«, die Verabschiedung des Winters in Eisenach, veranstaltet wird, ist Matthias Klaß genauso engagiert. Während am Tag des traditionellen Umzugs die meisten Eisenacher gemütlich erwachen, beginnt direkt vor seiner Bleibe, einem ehemaligen Pfarrhaus, eine Blaskapelle zu spielen. Hier am Ehrensteig, genannt Stiegk, sind die Häuser weitestgehend mit Papierblumen und grausigen Puppen geschmückt. Jedes Jahr locken kleine Preise und große Anerkennung. »Ich habe seit 1997 jedes Jahr einen Preis geholt«, sagt Matthias. »Nie schlechter als Platz 4. Darauf bin ich stolz.« Vom »Stiegk« heißt es, hier sei in Deutschland als letztes die Leibeigenschaft abgeschafft worden. Es ist eine frühere Arme-Leute-Gegend. »Noch heute wohnen hier die Wartburg-Esel, nur einige Häuser weiter!«, sagt Matthias.

Als ich dem »Sommergewinn« vor Jahren einmal beiwohnte, fragte er mich, ob ich nicht ein Kostüm anziehen wollte, um dem Zug etwas vorauszuschlendern. Immer schön vor der ersten Kapelle und Bier trinkend. Das wäre in Ordnung, sagte ich, allerdings nur maskiert, denn das Internet vergisst bekanntlich nichts. Es wurde dann ein interessanter Tag.

Vor Kurzem veröffentlichte Matthias Klaß einen historischen Roman, der zwischen 511 und 531 spielt: »Kampf um Thüringen. Der Untergang«. Eine glorreiche Epoche Thüringens geht zu Ende: Das Königreich von Herminafried verliert seine Unabhängigkeit an Theuderik, dem fiesen Franken; auch weil Herminafrieds ehemaliger Verbündeter, Wacho, Herzog der Langobarden, vorgibt, sein Land gegen die Rugier verteidigen zu müssen. Es kommt zu diplomatischen Verstrickungen. Das waren noch Namen im sechsten Jahrhundert: Amalafried, Dingold, Theudebert, Rodelinda, Chrothild ... nur selten kommt ein schnöder Hartmut des Weges.

Ziemlich klasse geschrieben, das Ganze. Ich frage Matthias, ob dieses Werk für seine bisherige Leserschaft nicht zu sprachgewaltig daherkommt? »Als so sprachgewaltig empfinde ich dieses Buch gar nicht«, antwortet er. »Ich bin ein begeisterter Freund des Schreibstils von Gustav Freytag, der sich in seinen Romanen einer so blumigen Ausdrucksweise bedient, dass es schon an Kunst grenzt. Die hatten früher wohl einfach mehr Zeit.« Und dann berichtet er von der Nichte Herminafrieds, der heiligen Radegunde, und deren Rolle während der Schlacht an der Unstrut 531. Im grünen Herzen Deutschlands wurde dieses Thema jedenfalls nicht völlig vergessen. Ich stand vor Jahren auf dem Eisenacher Marktplatz und hörte einer Gruppe von Leuten zu, die über Wacho debattierten - in der Nähe der immer noch gut markierten Stelle, wo einst der Galgen emporragte.

Träumen denn heutzutage einige Thüringer von einer Rückkehr des Reiches, frage ich Matthias. »Na sicher doch. Die meisten Leute glauben, dass früher alles besser war und übersehen dabei gerne, dass es in Wirklichkeit nur anders kacke war.«

Des Weiteren verriet mir der Tausendsassa unter den schreibenden Arbeitern: »Der nächste Teil handelt von der Besatzung der Franken und dem Aufstand der Thüringer knapp 20 Jahre nach der Niederlage an der Unstrut; der kommt vielleicht noch dieses Jahr.«

Matthias Klaß: Kampf um Thüringen. Der Untergang. THK, 278 S., geb., 19,90 €.

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