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»Der Markt ist Teil meiner Familie«

Die Markthalle »La Boqueria« in Barcelonas Altstadt ist Touristenmagnet. Seit der Pandemie bleiben sie weg. Zum Leid von Maria-José Arteaga

  • Von Julia Macher
  • Lesedauer: 9 Min.
Maria-José Arteaga, 50, betreibt in Barcelonas berühmter Markthalle »La Boqueria« einen Geflügelstand. Die Pandemie hat sie hart gebeutelt. Trotzdem denkt sie nicht ans Aufgeben. Im Interview spricht sie über ihren Marktstand als Familienbetrieb, politische Ambitionen und über Freud und Leid des Tourismus.
Maria-José Arteaga, 50, betreibt in Barcelonas berühmter Markthalle »La Boqueria« einen Geflügelstand. Die Pandemie hat sie hart gebeutelt. Trotzdem denkt sie nicht ans Aufgeben. Im Interview spricht sie über ihren Marktstand als Familienbetrieb, politische Ambitionen und über Freud und Leid des Tourismus.

Die Markthalle »La Boqueria« liegt direkt neben den Ramblas, der zentralen Promenade im Zentrum von Barcelona. Vor der Pandemie drängten sich täglich Tausende Tourist*innen durch das schmiedeeiserne Eingangstor, um kunstvoll drapierte Obst- und Gemüsepyramiden und lebenden Hummer zu fotografieren. Jetzt sind vor vielen der knapp 400 Stände die Rollläden heruntergelassen. Nicht an Stand 525. »Maria-José y Nerea« steht in schwungvollen roten Lettern auf einem Holzschild. Maria-José Arteaga, die Betreiberin, hängt die Schürze an den Haken und macht Frühstückspause in der Marktbar »Pinotxo«.

Während der Corona-Pandemie haben viele Menschen das Kochen neu entdeckt. Davon müsste ein Markt wie die Boqueria profitieren. Wie läuft das Geschäft?

In Barcelona hat jedes Stadtviertel seine eigene Markthalle, und überall ist der Umsatz gestiegen. Bloß hier nicht. Dabei haben wir die größte und beste Auswahl! Aber das scheint niemanden zu interessieren. Es ist ein Trauerspiel.

Woran liegt das?

Barcelonas Altstadt ist tot. Wir sind hier direkt an der Schnittstelle zwischen dem Barrio Gótico, dem gotischen Viertel, und dem Raval. Aus dem Gótico sind in den letzten 20 Jahren viele weggezogen, weil der Tourismus überhandnahm und die Mieten stiegen. Und im Raval selbst leben Arbeiterfamilien, bei denen es am Monatsende oft knapp wird. Die kaufen lieber in den großen Supermärkten ein. Die sind konkurrenzlos billig, da kann ich nicht mithalten. Wegen der Restriktionen für die Gastronomie kaufen auch die Restaurants weniger ein. Und mit dem Tourismus ist es seit Beginn der Pandemie ohnehin vorbei.

Sie vermissen die Tourist*innen?

Mich macht es auf jeden Fall traurig, die Ramblas so leer zu sehen. Ich habe gerne Menschen um mich herum, egal woher sie kommen. Als ich im vorigen Frühjahr, am ersten Tag des Lockdowns, über die menschenleeren Ramblas ging, um mich herum nur ein paar Tauben, liefen mir dicke Tränen über die Wangen. Es war, als ob die Welt untergegangen wäre!

Mir sind noch die Klagen Ihrer Kolleg*innen im Ohr, die sich über die Massen aus den Kreuzfahrtschiffen, das Dauerfotografieren vor den Fischständen beschwerten. Teils war es in der Boqueria so voll, dass es Einlassverbote für Reisegruppen gab. War Ihnen das nicht auch manchmal zu viel?

Unsere Markthalle taucht nun einmal in jedem Reiseführer der Welt als Sehenswürdigkeit auf - warum sollen wir dann nicht auch an Tourist*innen verkaufen? Das gehört doch dazu! Aber es stimmt schon: Man hätte mehr auf das Gleichgewicht achten müssen.

Was hätte man denn besser machen können?

Wir hätten an unserem traditionellen Hauptgeschäft festhalten sollen, der Gastronomie und den Endverbrauchern. Dafür habe ich jahrelang gekämpft, aber irgendwann habe ich resigniert das Handtuch geworfen.

Was war Ihr Plan?

Eine Quotenregelung für alle! Maximal 30 Prozent der Produkte für die Tourist*innen, 70 Prozent für die Einwohner*innen. Aber viele meiner Kolleg*innen setzten aufs schnelle Geld: Mit fertig gepressten Fruchtsäften, Obstsalat im Plastikbecher und diesem ganzen Quatsch haben sie sich dumm und dämlich verdient! Manche haben ihr gesamtes Sortiment umgestellt und lieber Sanktionen gezahlt, als die Quote zu respektieren. Ich hatte auch eine Zeit lang Nuggets, Kroketten und anderes Fingerfood auf dem Tresen stehen, aber mein Hauptgeschäft war immer die frische Ware.

Beim Gang durch die Markthalle hatte ich den Eindruck, dass vor allem jene Stände zu sind, die überwiegend an Tourist*innen verkauft haben. Sind die jetzt pleitegegangen?

Nein! Aber die Betreiber können es sich eben leisten zuzusperren. Ich kann das nicht und habe bereits am ersten Tag des Lockdowns weitergearbeitet. Dazu habe ich mich auch moralisch verpflichtet gefühlt: Wir Lebensmittelhändler*innen garantieren schließlich die Grundversorgung. Dass manche tatsächlich acht Monate am Stück die Rollläden unten gelassen haben, finde ich sehr unsolidarisch. Ein Markt stirbt doch, wenn die Stände geschlossen bleiben. Kein Wunder, dass die Arbeit jetzt so mühselig ist.

Wann, schätzen Sie, geht es wieder aufwärts?

Ich bin optimistisch: Im Sommer, wenn der Großteil der Bevölkerung geimpft ist.

Wie erleben Sie die derzeitige Krise?

Ich wohne im Raval, fünf Minuten zu Fuß von hier. Viele meiner Nachbarinnen arbeiten als Reinigungskräfte in Hotels, ihre Männer in der Gastronomie: Das sind die Branchen, die am meisten unter der Pandemie leiden. Und da reicht es inzwischen hinten und vorne nicht. Jeden Samstag holt eine Nachbarschaftsinitiative bei mir und an anderen Ständen Lebensmittel ab und verteilt sie an notleidende Familien. Gemeinsam mit den anderen Händler*innen haben wir kürzlich 200 Kilogramm Reis gespendet.

Und wie sieht es bei Ihnen in der Kasse aus?

Maria-José Arteaga schüttelt den Kopf und zeigt mit dem Daumen nach unten.

Haben Sie überlegt zu verkaufen oder zu schließen?

Vor vier, fünf Jahren hat mir jemand einmal eine sechsstellige Summe für meine Lizenz geboten. Aber ich habe abgelehnt, zum Glück. Und auch jetzt denke ich nicht daran, das Handtuch zu werfen. Dieser kleine Stand hier: Der ist viel mehr als ein Geschäft. Er ist ein Teil unserer Familie! Meine Mutter hat ihn gegründet, ich habe ihn übernommen - und jetzt arbeite ich dort Seite an Seite mit meiner Tochter. So viel Geschichte gibt man nicht einfach so auf. Juanito vom »Pinotxo« kennt mich, seit ich laufen kann!

Juanito, der 84-jährige Wirt der Marktbar »Pinotxo«, winkt vom Tresen gegenüber und ruft: »Ihre Mutter und ich waren sogar mal ein Paar.« María-José lacht und winkt ab.

Das sagt er nur aus Spaß! Aber Juanitos Mutter hat meiner Mutter Ende der 60er Jahre Geld geliehen, damit sie sich den eigenen Stand überhaupt leisten konnte. Damals waren wir alle wie eine große Familie. Und ein bisschen sind wir das, trotz aller Probleme, immer noch.

Was ist Ihre früheste Erinnerung an die Boqueria?

Ich, wie ich als kleines Mädchen hier unter den Arkaden mit den anderen Boqueria-Kindern Fangen spiele. Einmal schenkte uns Juanitos Mutter ein rot gefedertes Huhn. Den ganzen Tag haben wir mit dem Tier gespielt. Am Abend hat meine Mutter ihm doch den Hals umgedreht. Da war ich ziemlich traurig.

War schon damals klar, dass Sie einmal den Geflügelstand Ihrer Mutter übernehmen würden?

Überhaupt nicht! Ich wollte mich ausprobieren, etwas anderes machen. Ein paar Jahre habe ich für einen Informatiker gearbeitet, dann in einem Friseursalon. Aber irgendwann war ich es leid, Anweisungen von Fremden entgegenzunehmen. Meine Mutter war froh über meine Entscheidung - und auch ich habe es nie bereut! Ich glaube fest daran, dass wir auch diese Krise bewältigen. Wir haben das Attentat überwunden, also schaffen wir auch das.

Sie sprechen vom islamistischen Anschlag im August 2017, als ein weißer Lieferwagen im Zickzackkurs über die Ramblas fuhr und dabei 15 Menschen tötete. Der Wagen stoppte ein paar Meter vor der Markthalle, der Fahrer floh anschließend durch die Boqueria.

Meine Tochter hatte den Stand gerade geschlossen und sich im Keller versteckt. Ich wusste zunächst nicht, wo sie war. Überall herrschte Chaos. Wenig später erfuhren wir, dass auch eine unserer Kolleg*innen unter den Toten war. Am nächsten Tag habe ich mich gezwungen, einmal die ganzen Ramblas hoch- und wieder runterzugehen. Meine Beine haben fürchterlich gezittert. Aber danach war die Angst weg. Immer, wenn ich verzage, denke ich daran und sage: Du schaffst das schon.

Sie engagieren sich auch politisch im Bürgerrat der Altstadtviertel. Was können Sie auf dieser Ebene bewegen?

Kein Viertel hat so sehr unter der Pandemie gelitten wie die Altstadt. Damit es hier nicht mehr so trist ist, versuchen wir, die Menschen wieder zurück ins Zentrum zu locken. Wir haben erreicht, dass der Straßenbelag auf den Ramblas erneuert wird, die Souvenirshops wegkommen und einer der Kioske, an denen Blumen verkauft wurden, zum Sitz für das Stadtteilradio umgewandelt wird. Ich kümmere mich vor allem um die Kontaktpflege zu Vereinen und Bürgerinitiativen im Viertel - und um die Belange der Senior*innen.

Was reizt Sie an der Politik?

Ich rede einfach gern mit Menschen. Ich will wissen, was sie bewegt, was sie ärgert, was sie brauchen. Und es freut mich, wenn ich mit ganz praktischen Dingen helfen kann: beim Ausfüllen von Online-Anträgen oder wenn es darum geht, die Straßenbeleuchtung zu verbessern. Hier, in meinem Viertel, in meinem direkten Umfeld etwas bewegen zu können, das ist sehr befriedigend. Inzwischen kennt mich jede*r im Viertel. Als pandemiebedingt die Bürgerzentren schließen mussten, kamen viele Senior*innen an meinen Stand, um ein Schwätzchen zu halten. Das war ihre Therapie gegen die Einsamkeit.

Könnten Sie sich vorstellen, bei den regulären Kommunalwahlen zu kandidieren?

Ich war sogar mal auf einer regulären Liste, für die katalanischen Sozialdemokraten der PSC, aber nur auf den hinteren Plätzen. Doch eigentlich interessiert mich das nicht. Je höher man aufsteigt, desto mehr ist man von Wichtigtuer*innen umgeben. Ich bin lieber Ameise als großes Tier. Das gibt mir die Freiheit zu sagen, was ich denke. Geld und Ruhm sind nebensächlich. Viel wichtiger ist, an etwas zu glauben und sich darin treu zu bleiben. Diese Werte habe ich versucht meiner Tochter zu vermitteln.

Mit Erfolg?

Zumindest unser Marktstand ist ihr inzwischen genauso wichtig wie mir. Nerea ist eigentlich ausgebildete Kindergärtnerin. Aber da es da kaum offene Stellen gibt, hat sie vor fünf Jahren bei mir angefangen. Sie ist glücklich, mit mir zu arbeiten. Und ich bin glücklich, mit ihr zu arbeiten. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und versuche inzwischen, ihr in manchen Geschäftsangelegenheiten den Vortritt zu überlassen.

Fällt Ihnen das leicht?

Nein. (lacht) Ich fürchte, ich werde mich auch in 30 Jahren noch zweimal täglich in die Boqueria schleppen und meiner Tochter gute Ratschläge geben. Genauso, wie meine Mutter das mit mir gemacht hat!

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