Türme versetzen

Nordjütlands Bewohner haben einen Leuchtturm ab- und anderswo wieder aufgebaut, nachdem er ins Meer zu stürzen drohte. Dänemarks Literaturnobelpreisträger Johannes V. Jensen hat diesen beharrlichen Menschenschlag einfühlsam porträtiert

  • Von Marc Vorsatz
  • Lesedauer: 5 Min.
Umgeben von kargen Wiesen, Sanddorn und Dünen: Rubjerg Knude Fyr
Umgeben von kargen Wiesen, Sanddorn und Dünen: Rubjerg Knude Fyr

Leuchttürme hätten wohl unendlich viel zu erzählen aus ihrem langen Dasein. Von unzähligen Schiffen, die sie sicher durch Sturm und Nacht leiteten. Von namenlosen Seefahrern, denen ihr Leuchtfeuer lang ersehnten Landgang verhieß. Von den verlorenen Seelen, denen einmal die Handbreit Wasser unterm Kiel fehlte.

Ein paar wenige Leuchttürme strahlen aber mit einer Zugabe, einer ganz besonderen Episode. Rubjerg Knude Fyr in Nordfriesland ist einer von ihnen. Sein vorerst letztes Kapitel ist wohl auch das außergewöhnlichste: 2019 wurde der 23 Meter hohe und 700 Tonnen schwere Koloss mit monströsen Hydraulikpressen in die Luft gehievt, um anschließend im Schneckentempo auf Schienen 80 Meter ins Landesinnere bugsiert zu werden.

Am Abgrund

Der Abgrund gähnte schon gefährlich nah am Fundament des Gemäuers. Eine unaufhaltsame Allianz aus Wind und Wellen hatte sich Jahr für Jahr knapp zwei Meter in die vernarbte Steilküste gefressen und Abermillionen Tonnen Sand und Ton fortgetragen. Und sie tut es noch immer. Dem alten Leuchtturm, der anno 1899 vorsorglich 200 Meter von der Abbruchkante entfernt errichtet wurde, drohte ein »unausweichliches« Schicksal: 60 Meter in die Tiefe zu stürzen. Doch es sollte anders kommen. Denn für die Dänen ist Rubjerg Knude Fyr nicht einfach nur ein Leuchtturm, sondern der Wächter der dramatischsten Landschaft Jütlands und ihrer Vergänglichkeit, die Zeugnis ablegt von Zerstörung als Schöpfung.

Flugsand

Der Turm thront auf der höchsten Erhebung von Lønstrup Klint. Die Steilküste wurde von den Eiszeiten geformt; seither haben sich Dutzende Meter losen Flugsandes auf ihr abgelagert - mal mehr, mal weniger. Entstanden ist so die meistbesuchte Wanderdüne Dänemarks. Ein Stück Sahara in Jütland, aus der ein fast surreal wirkendender Leuchtturm ragt. Die Düne wuchs und wuchs, bis sie gar den Schein seines Leuchtfeuers einfing. Alles Bepflanzen und Freibaggern half am Ende nichts, am 1. August 1968 erstrahlte der Turm ein letztes Mal. Dabei war es der Mensch selbst, der sein vorzeitiges Ende besiegelt und die Landschaft seinen Bedürfnissen unterworfen hatte. Stattlicher Eichen- und Buchenwald war abgeholzt worden, um verfeuert zu werden. Die Flächen wurden Ackerland. Flugsand übernahm die Regie.

Nordische Beharrlichkeit

So wandert die riesige Sanddüne namens Rubjerg Knude Jahr für Jahr unaufhaltsam ein paar Meter weiter und wälzt sich über sattgrüne Salzwiesen, rosarot blühende Hagebutten und orange leuchtenden Sanddorn. Doch die Jütländer wären eben nicht Jütländer, wenn sie nicht versuchen würden, ganz pragmatisch im Hier und Jetzt das Beste aus der Vergangenheit zu machen, mit nordischer Beharrlichkeit: Wälder werden wieder angepflanzt, regenerative Energien gefördert. Das Himmerländer Hochmoor, in dem jahrzehntelang ohne Rücksicht auf Verluste Torf gestochen wurde, ist renaturiert. Und ein ganzer Leuchtturm ist versetzt worden: Es ist schon ein ganz eigener Menschenschlag da oben an der letzten Grenze Mitteleuropas. Der überstrapazierte Begriff »hyggelig«, beschreibt ihre Mentalität aber nicht wirklich.

Literaturnobelpreisträger Jensen

Mit berührender Einfühlsamkeit nahm der im nordjütländischen Farsø geborene Schriftsteller Johannes V. Jensen (1873- 1950) die archaischen Verhältnisse in seiner Heimat in den Blick. Die Protagonisten seiner Bücher sind oft »groß gewachsene, bedächtige Leute«, denen es »meist nicht an äußerer Auffälligkeit mangelt«, »mit einem Unterbiss und aufmerksamen Augen, bei deren Blick es den Menschen fröstelte«. In gradliniger Erzählkunst porträtiert der Literaturnobelpreisträger Hoferben, Mägde, Landsknechte oder den Schmied. Menschen, die dank der »hilfreichen Beschränktheit des Horizonts« ihren Platz in der bäuerlichen Dorfgesellschaft finden. Kinder, in deren Händen »der unfruchtbare Flugsand zu einem wertvollen Schatz aus kleinen, winzig kleinen Juwelen in vielen feinen und gleichsam fernen Farben« wird. Eltern, die »sozusagen doppelten Boden beackern«, da sich eben dieser Sand auf ihre schwarze Ackerkrume gelegt hat, »in dem Bewusstsein, dass die Verhältnisse durchaus besser sein könnten, die Möglichkeiten jedoch unter ihren eigenen Füßen begraben liegen«.

Nein, Jensens Nordjütland ist alles, nur nicht hyggelig. Es versetzt den Leser in längst vergangene Tage, bereitet Gänsehaut, lässt ihn nicht mehr los und gleichzeitig hörbar aufatmen, dass die Welt heute mit all ihrem Komfort und Absicherungen eine andere zu sein scheint. Und trotzdem beschleicht einen das ungute Gefühl, die virtuosen Erzählungen könnten viel zeitloser sein, als einem das vielleicht lieb sein mag.

Dieser Röntgenblick hinter die Fassaden der Gehöfte wird den heutigen Urlaubern verwehrt bleiben, in ihren schmucken Ferienhäusern zwischen den Dünen. Deren Augenmerk liegt ohnehin auf der herben Schönheit der Natur, die der Seele schmeichelt und einen Flirt mit ihr beginnt. Einmal vom rauen Charme berührt, kommen viele Besucher Jahr für Jahr wieder. Auch zu ihrem Leuchtturm. Es ist niemals die gleiche Steilküste, auf der sie ihn erblicken, denn die Brandung reißt stetig neue Wunden ins Gestein. Es ist niemals die gleiche Düne. Denn der Wind hat unendlich viel Raum auf offener See, um tief Atem zu holen und den Sand nach Nordosten zu tragen, wo er immer neue dramatische Küstenlandschaften erschafft.

Und Rubjerg Knude Fyr? Dem Wächter der Vergänglichkeit sind nun weitere 40 Jahre Ruhe vergönnt. Dann werden ihn die Urgewalten, die er zu zügeln versucht, wieder eingeholt haben.

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