Der Spaß in der Verkrampfung

Ja, Panik retten den Diskursrock für ein selbstbestimmtes Leben - auf ihrem neuen Album »Die Gruppe«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 6 Min.
Ja, Panik (Aufnahme 2014)
Ja, Panik (Aufnahme 2014)

Kann sich noch jemand an Diskursrock erinnern? So wurde während der Neunziger- und Nullerjahre in inzwischen nicht mehr existierenden Musikzeitschriften Musik genannt, die nicht mehr in erster Linie auf die Erzeugung von Intensitäten und auf die Suggestion von Authentizität aus war. Blumfeld, Die Sterne und stilbildende Bands wie die heute leider fast vergessenen Cpt. Kirk & versuchten mit komplexen, fragmentierten und assoziativen Texten eine analytische Beschreibung dessen, was der Fall ist, zu formulieren.

Und der Fall war eben auch, dass Unmittelbarkeit und Authentizität routiniert als Konstruktion verstanden wurden. Pop blieb das trotzdem. Dessen große Fragen - was erwartet, was will der junge Mensch von der verwalteten Welt, und wie kann er es, wenn überhaupt, bekommen? - konnten auch dann affektiv schlüssig beantwortet werden, wenn die Antworten sich nicht in Empfindung und Befindlichkeiten erschöpfen, sondern diese Empfindung, die Befindlichkeiten und ihr Ausdruck selbst wieder Thema werden im Text.

Die Band Ja, Panik schließt hier an - nachdem das alles eigentlich schon durch ist und die Protagonist*innen von einst heute Romane schreiben oder Theatermusik oder auch gar keine Musik mehr machen. Alles was gut und schön war am diskursiven Pop ist im Werk dieser Band konserviert und weiter fortgeführt. Alles, was schlimm und manchmal peinlich war, ist mit einem Mal nahezu verschwunden: die Distinktionslust, die auch verbunden war mit dem Umfeld um die Zeitschrift »Spex«, unangenehmes Schlaumeiertum und mitunter auch musikalische Langeweile. Stattdessen ist diese Musik sich ihres intellektuellen Pathos und dessen potenzieller Komik bewusst und auch lustig, nicht zuletzt.

Die basalen Dinge vorneweg: Ja, Panik kommen aus dem österreichischen Burgenland, das erste Album erschien 2006. Inzwischen lebt die Band in Berlin, über lange Zeit in einer gemeinsamen WG. Das letzte Album »Liberatia« ist sieben Jahre her. Das neue, »Die Gruppe«, klingt wieder ganz anders, wie auch schon »Libertatia« ganz anders klang als der Vorgänger, »DMD KIU LIT«, der wiederum anders klang als »The Angst and the Money« (2009) und »The Taste and the Money« (2007) und das selbstbetitelte (und im Rückblick dann noch nicht so interessante) Debüt.

Wie nähert man sich dieser zitatlastigen Musik? Mit einem Zitat, zum Beispiel vom Musikkritiker Diederich Diederichsen, der damals wesentliches zur Diskursrockrezeption geschrieben hatte: »Zwang und Autonomie, Selbstbestimmung und Repression treten umso konturierter und diskutierbarer als Gegensätze auf, je weniger ich in dem Gefühl lebe, dass mir das Leben unmittelbar geschieht, je deutlicher die Stationen, Verbindungen und Schirme sind.«

Dieser 2005 formulierte Satz passt deswegen hier schön, weil Musik und Text von Ja, Panik unter anderem davon erzählen, dass das Leben nicht unmittelbar geschieht, man Unmittelbarkeit aber trotzdem gerne spüren möchte und nicht mehr so recht weiß, wie Zwang und Repression identifizierbar und beschreibbar wären. Und wie das mit Autonomie und Selbstbestimmung unter diesen Voraussetzungen so gehen soll. In den Texten von Sänger Andreas Spechtl mischen sich Deutsch, das Ausland in Form von akzentlastigem Denglisch und die Heimat, also der burgenländische Dialekt (wenn Spechtl den Hintergaumenlaut »Ch« von sich gibt, klingt das oft, als müsse er sich eventuell gleich übergeben, aber mein Eindruck mag mich täuschen). Die Texte kreisen gerne um die Frage, was die Welt um einen herum mit und aus einem macht. Also wie die Welt überhaupt zusammenhängt mit dem, was man für Individualität hält, wo die Grenze zwischen Ich und Welt, wenn überhaupt, verläuft und wie das Ich als Teil der Welt sich zu ihr verhalten kann. Eine Welt, die das Subjekt der Kritik, das sich immer wieder in die Pose des verzweifelten, erschöpften jungen Mannes wirft, in entscheidenden Momenten ablehnt.

Im viertelstündigen Titelsong vom »DMD KIU LIT« zum Beispiel (das war eine Abkürzung für »Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit«) klingt das so: »Wenn du unvermutet losheulst, kannst du spüren, dass was nicht stimmt / Doch zieh nicht die falschen Schlüsse / Mach dir erst mal keine Sorgen / denn nicht du bist in der Krise, sondern die Form, die man dir aufzwingt / Atomisierte Einsamkeiten / im Westen, Osten, Süden, Norden«.

»Im Westen, Osten, Süden, Norden« ist eine Anspielung auf »Keine Macht für niemand« von Ton, Steine, Scherben, die als Band Anfang der 70er Jahre Repression und Zwang noch glasklar zu identifizieren vermochten, weil sie nicht im Subjekt selbst verortet wurden, sondern in einem teuflischen Außen, das man mit revolutionärer Kunst (revolutionärem Pop) bekämpfen konnte: »Im Süden, im Westen, im Osten, im Norden / Es sind überall dieselben, die uns ermorden«, sang damals Rio Reiser.

Das geht im Diskursrock seit spätestens 1992 nicht mehr und bei Ja, Panik auch auf dem aktuellen Album »Die Gruppe« schon gar nicht. »Der Riss der Welt geht auch durch mich«, singt Andreas Spechtl. Was wieder ein Verweis ist, dieses Mal auf einen Brief Siegfried Kracauers an Theodor W. Adorno. In dem Autobiografisches suggerierenden Stück »1998« ist von »the weird and the eerie« die Rede, was wiederum auf das letzte zu Lebzeiten erschienene Buch des englischen Kultur- und Poptheoretikers Mark Fisher mit demselben Titel verweist, in dem eine zeitgemäße, von freudschen Befangenheiten gelöste Theorie des Unheimlichen entwickelt werden soll. Das Seltsame und das Gespenstische zieht sich als eine Art Leitmotiv durchs ganze Album, nicht nur durch die Texte, sondern auch durch die Musik: ein schön entrückter, synthie- und elektroniklastiger Pop mit wenig Gitarre, dafür aber an vielen Stellen mit einem vernebelten Saxofon in der Ferne.

Ja, Panik haben auf ihren bisherigen Alben nacheinander Indiepop und -rock, postmodernen Zitatpop und Disco adaptiert und das Genre Diskursrock so aus dem letzten Jahrhundert ins neue rübergerettet. »Die Gruppe« ist ein Dreampop-Album geworden, das atmosphärisch manchmal nah an den mittleren Cocteau Twins gebaut ist. Verträumt im Wortsinne sind auch die Texte, ganz explizit. »Life's a dream / on Livestream« singt Spechtl in zauberhaft-verkrampften Denglisch, aber auch davon, dass er immer so spät schlafen geht und von »sleep-deprived eyes«. Die Band behauptet, die Songs seien schon vor 2020 entstanden, und man mag es gerne glauben. Aber dann ist es entweder Zufall oder Beleg für eine gleichfalls unheimliche Intuition, mit der hier Entrückungs- und andere Zustände besungen werden, die man als Beschreibungen des Lebens in der laufenden Pandemie hört. »Jeder Mensch ein eigener Rhythmus / jeder Körper ein eigenes Gift«. Und ganz direkt: »Doctor hilf mir / Doctor bitte / Doctor hilf mir / damit ich wieder rausgehen kann / Doctor please / Ach Doctor bitte / I wanna see the sun«. Kann man natürlich auch anders lesen, es fällt gerade nur etwas schwer.

Die Schönheit der Musik von Ja, Panik speist sich aus der dem Diskursrock - die neben dem Begriff Postrock vielleicht hässlichste Genrebezeichnung, die im Musikjournalismus je ersonnen wurde - innewohnenden Verkrampftheit, die kein Mangel ist, sondern eine ästhetische Qualität. Eine ästhetische Verkrampfung, die wegen dem Wissen um den Konstruktionscharakter von Authentizität auf der Bühne nicht mehr eins zu eins drauflos rocken kann. Eine Musik, die aus der Verkrampfung heraus versucht, ihren Spaß und ein, doch, weitgehend selbstbestimmtes Leben, gemeinsam mit anderen, zu finden und zu entwickeln.

Ja, Panik: »Die Gruppe« (Bureau B / Indigo)

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