Wozu braucht man Bierdeckel?

DR. SCHMIDT ERKLÄRT DIE WELT

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Wozu braucht man Bierdeckel?

Ein Kind hat mich gefragt, warum sich unter einem Glas, wenn man es auf den Tisch stellt, Wasser bildet. Ich konnte es leider nicht erklären.

Ja, da gibt es nur eine Möglichkeit: wenn das Glas bzw. das Getränk kalt ist und der Raum eher warm, mit genug Luftfeuchtigkeit, weil viele Menschen darin sind.

Also in einer Kneipe.

Zum Beispiel. Dann bildet sich am Glas Kondenswasser, das nach unten läuft. Und deshalb gibt es Untersetzer zur Schonung des Tisches. Sonst gibt’s Wasserringe. Auch weil bei einem Bier öfter mal was überschwappt, wenn der Schaum nicht so gut dosiert war. Oder wenn die Gläser randvoll sind wie in England. Und wenn es schon das siebte Bier ist, ist Überschwappen fast sicher.

Das siebte?

Ich kann mich erinnern, ich war mal mit meinem Vater in Brno, das früher einmal Brünn hieß - da waren wir zu Gast bei einem pensionierten Richter, und ich musste den aus der Kneipe holen, weil mein Vater einen Arzt brauchte und wir kein Tschechisch sprachen. Als ich in der Kneipe ankam, hatte der Richter 15 Striche auf seinem Bierdeckel. Aber der war komplett in der Lage, mit dem Arzt zu kommunizieren. Aber kaum war der Arzt wieder aus der Tür, begann er zu lallen. Da habe ich gesehen, wie Stress doch die Konzentration beeinflusst.

Die Striche werden immer noch gemacht.

Die haben strafrechtlich betrachtet den Charakter einer Urkunde. Wenn man also was daran manipuliert, ist das Urkundenfälschung. Und wenn man den Bierdeckel verschwinden lässt, ist es »Urkundenunterdrückung«. Allerdings gilt der Deckel nicht als Quittung oder Rechnung.

Was ist mit dem anderen Untersetzer, der Untertasse? Die ist heute auf dem Rückzug. Auch wenn es Leute geben soll, die daraus trinken.

Deshalb sind ältere Untertassen auch schälchenartig. Als Kaffee und Tee noch Luxusgetränke für die oberen Zehntausend waren, da haben die dann die heiße Flüssigkeit in kleinen Schlucken in die Untertasse gegossen und daraus geschlürft. So kühlte es ab, und der Kaffeesatz blieb in der Tasse. In der Sowjetunion habe ich das auch mal bei Teetrinkern gesehen.

Es gibt auch einen Deckel, um das Glas zuzudecken. Damit im Sommer nichts reinfällt. In Apfelweinkneipen in Frankfurt am Main heißen die »Deckelsche« und sind aus Holz. Die bringt man sich von zu Hause mit.

Die besseren Herrschaften hatten ja früher für ihre Getränke einen Humpen mit Deckel. Das gemeine Volk dagegen hatte nur Krüge ohne Deckel.

Und dann Bierdeckel aus Pappe. Irgendwann versprach der CDU-Politiker Friedrich Merz eine Steuerreform, nach der eine Steuererklärung auf einen Bierdeckel passen sollte. Hast du ihm das geglaubt?

Pfff, das war Wahlkampf und sonst nichts.

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