Die Sache mit den Wellen

Sieben Tage, sieben Nächte

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit den Wellen ist das so eine Sache. Je nachdem, wo man sich gerade in ihr befindet, sieht die Welt entweder ziemlich aufsteigend oder aber eben ziemlich abstürzend aus. Leider ist es aber so, dass es bei den Coronawellen ja genau umgekehrt reziprok vonstattengeht: Steigen die Zahlen, wird es schlimmer, sinken sie hingegen, steigt die Laune.

Nach mehr als einem Jahr Wellenbad ist wohl vielen Menschen die Lust daran vergangen. Früher war so ein Wellenbad eine Attraktion; nur wenige Schwimmhallen konnten damit aufwarten. Heute lockt so etwas wahrscheinlich nur noch wenige hinter der Geothermieheizung oder unter dem Solardach hervor. Und im Lockdown lockt schon einmal gar nichts, was Sport in geschlossenen Räumen bedeutet. Wobei das mit dem Sport im Wellenbad wieder eine andere Sache ist - man konnte sich auf und nieder treiben lassen, ohne selbst aktiv zu werden. Die Wellen haben das ganz allein erledigt. Sie trugen hoch und ließen fallen, maschinell gesteuert.

Gerade hat die dritte Coronawelle ein Plateau erreicht - etwas, das es bei jenen natürlichen im Wasser nicht gibt. Die können nicht verharren. Vielleicht ist es diese unnatürliche Bewegung, besser Nichtbewegung, die so irritiert. Dies, gepaart mit fortgesetzter Zermürbung, führt dann wohl auch zu gestörter Zeitwahrnehmung: So verkündete Armin Laschet in dieser Woche im Düsseldorfer Landtag innerhalb einer Rede, dass man sich in einer pandemischen Lage wie kurz vor Weihnachten befinde - um nur wenige Minuten später wieder einmal die wirklich »letzten Meter« der Pandemie heraufzubeschwören.

Ungewollt hat der CDU-Kanzlerkandidat damit eine Folge des bereits weit über ein Jahr andauernden Ausnahmezustands verdeutlicht: die völlig aus dem Ruder gelaufene Wahrnehmung von Zeit. Mancher Tag des Wartens dehnt sich endlos, manch gleichförmige Woche rast vorbei. Und wahrscheinlich ist es so, dass sich die letzten Meter vor dem Ziel am schlimmsten anfühlen - zumindest dann, wenn man noch nicht ganz genau weiß, wo das Ziel liegt, das bei Sichtbarkeit schon einmal Endorphine freisetzen kann.

Wo stehen wir in der Pandemie? Genau das kann man bei andauerndem Auf und Ab - was stimmungstechnisch jeweils ein Ab und Auf bedeutet - eben nicht mehr sagen. Schon gar nicht, wenn alles, was im ersten Pandemiejahr zum ersten Mal passierte, nun bereits zum zweiten Mal droht. Wobei »droht« sich in Bezug auf ausfallende Feste grundfalsch anfühlt, wenn sich anderswo der Himmel wegen tausendfach verbrannter Menschen verdunkelt.

So wie die Zeitwahrnehmung ist auch das Sprachgefühl eskalativ entgrenzt. Manches lässt einen mittlerweile völlig kalt, anderes lässt manchen Diskurs sofort explodieren. Die anrollenden Coronawellen haben die Menschen mürbe gemacht. Auch und vor allem die Rede von den letzten Metern. Man lässt sich einfach nur noch treiben, auf und nieder. Und wenn es dann die letzte Welle war, dann war sie perfekt - und Weihnachten und Ostern fallen wirklich mal zusammen ins schönste Wellental. Stephan Fischer

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