»Jesus war vor Marx radikaler und revolutionärer«

Friedrich Straetmanns wurde als erster Politiker der Linkspartei in die Synode der Evangelischen Kirche berufen

  • Von Corinna Buschow, epd
  • Lesedauer: 6 Min.
Friedrich Straetmanns ist rechtspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag
Friedrich Straetmanns ist rechtspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag

Berlin. Friedrich Straetmanns ist der erste Linken-Politiker, der in die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) berufen wurde. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht er über das Verhältnis seiner Partei zur Kirche, seinen persönlichen Glauben und seine Reformideen für die Kirche vor dem Hintergrund des Mitgliederverlusts.

Sie sind als erster Politiker der Linken in die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) berufen worden. Wie kam es dazu?

Ich bin ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen, sehe das als Glücksfall und ernste Aufgabe zugleich. Seit dieser Wahlperiode bin ich im Bundestag und habe hier in Berlin guten Kontakt zum Berliner EKD-Büro aufgebaut, gehe dort gern und regelmäßig zu den Frühstücken, und ich gestalte Andachten im Bundestag. Vielleicht hat das mit zu meiner Berufung geführt.

Das Verhältnis zwischen der Linken und der evangelischen Kirche war aufgrund der SED-Vergangenheit und kirchenkritischer Positionen der Partei lange angespannt. Inzwischen gibt es Gespräche, aber nicht auf offizieller Ebene wie mit Union, SPD oder Grünen. Schmerzt Sie das?

Ja. Auch die EKD sollte erkennen, dass wir dabei sind, uns zu wandeln. Unsere Positionen sind zwar weltlich, aber es gibt viele Überschneidungen: die humanitäre Flüchtlingsarbeit, soziale Arbeit, Pflege und Hospizarbeit. Das Engagement der Kirchen in diesen Bereichen wird von meiner Partei sehr geschätzt. Es gibt in der Tat in der Linken auch immer wieder starke Tendenzen, sich von Glauben abzugrenzen, weil die Kirche historisch als an der Seite der Mächtigen stehend wahrgenommen wird. Gleichzeitig gibt es gläubige Menschen wie mich, die sagen: Jesus war vor Karl Marx viel radikaler und revolutionärer. Ich würde es mal so sagen: Wir sind keine antikirchliche Partei, aber eben auch keine prokirchliche. Wir sind bekenntnisneutral.

Wie reagieren denn Parteikolleginnen und -kollegen auf Ihr Engagement in der Kirche?

Manche finden das toll, andere interessant, wieder andere befremdlich. Die, die mir wichtig sind, haben mir zur Berufung in die Synode gratuliert und sehen es als Brückenbauen zwischen meiner Partei und dem kirchlichen Raum.

Dissens gibt es zwischen der Linken und der Kirchen beispielsweise über das eigene Arbeitsrecht der Kirchen. Wie lautet Ihre Position?

Ich war selbst vor vielen Jahren beim Diakonischen Werk in Westfalen beschäftigt und hatte schon damals meine Zweifel daran, dass das ein Weg ist, der uns als Kirche weiterbringt. Heute, 30 Jahre später, sage ich sogar, es wäre gut, wenn die Kirche diesen Weg aufgibt. Der sogenannte Dritte Weg lässt sich nur durchhalten, wenn man auch in der Beschäftigtenstruktur nur Kirchenmitglieder hat. Weil das immer mehr durchlöchert wird, beißt sich die Lebenswirklichkeit der Beschäftigten mit dem religiösen Anspruch der Einrichtungen. Es fällt daher schwer, den Dritten Weg heute noch überzeugend zu verteidigen.

Das ist ein Aspekt des kirchlichen Arbeitsrechts. Als Linken-Politiker und ver.di-Mitglied müsste Sie der Ausschluss von Streiks doch stören. Das ist nicht der Fall?

Doch, natürlich empfehle ich der Arbeitgeberseite in jedem Fall: Schließt Tarifverträge ab. Das würde auch das Verhältnis zu den Gewerkschaften entspannen. Beide Organisationen - Gewerkschaft und Kirchen - haben nicht mehr die Macht, die sie vor 50 Jahren hatten. Es ist an der Zeit zu überlegen, ob man nicht viel mehr gemein hat, als man denkt.

Zuletzt ist aber ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag in der Altenpflege quasi an den Kirchen gescheitert. Die Caritas hat ihn abgelehnt.

Das ärgert mich. Es wäre ein schönes Signal an die Beschäftigten gewesen, diesen Tarifvertrag abzuschließen. Diese Beschäftigten werden in den nächsten Jahren in einer älter werdenden Gesellschaft immer wichtiger.

Zurück zu Ihrer Berufung in die EKD-Synode: Wofür wollen Sie sich im Kirchenparlament einsetzen?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Synode noch intensiver mit der Frage von Kampfeinsätzen der Bundeswehr befasst. Als evangelische Christen sollten wir uns deutlicher dagegen aussprechen.

Vermissen Sie das?

Ich nehme es zumindest vonseiten der Spitze der evangelischen Kirche wenig wahr.

Die Linke hat in der Vergangenheit auch die Militärseelsorge problematisiert. Wie stehen Sie dazu?

Die Alternative wäre, dass es keine Seelsorge für die Soldatinnen und Soldaten gibt. Das fände ich nicht richtig, auch aus eigener Erfahrung, die ich bei der Bundeswehr gesammelt habe, bevor ich verweigert habe.

Sie haben gedient und danach verweigert?

Ja, ich habe die Wehrzeit absolviert, und währenddessen ist bei mir die Entscheidung gewachsen, dass es nicht mein Weg ist, im Kampf eventuell andere Menschen zu töten. Die Zeit war für mich ein Erkenntnisgewinn.

Was bedeutet Ihnen Glaube in Alltag, Beruf und Politik?

Es ist für mich ein Anker - oder vielmehr ein Gummiband, wie ich in meinem Leben erfahren habe. Je mehr ich mich durch verschiedene Lebenssituationen manchmal vom Glauben entfernt habe, desto stärker hat es mich zurückgezogen. Durch den Glauben sind mir manche Dinge in der Politik sehr wichtig: Umgang, wertschätzender Stil - auch über Fraktionsgrenzen hinweg.

Sie kommen zu einer Zeit in die Synode, in der schwere Entscheidungen anstehen über den Zukunfts- und Sparkurs angesichts sinkender Mitgliederzahlen. Wie blicken Sie darauf?

Weglaufen hilft ja nicht. Ich glaube, wenn sich die Kirche wieder stärker um ihren Kern kümmert - die Seelsorge -, sehe ich uns auf einem guten Kurs. Die Leute suchen doch Ersatzreligionen und -befriedigungen. Wellness, Yoga, Ayurveda - das alles soll die Seele streicheln. Seelsorge ist aber vor allem Aufgabe der Kirche.

Und wo kann gespart werden?

Man sollte sich über die Verfasstheit der einzelnen Landeskirchen Gedanken machen. So wichtig es ist, eine funktionierende Verwaltung zu haben: So ein Verwaltungsapparat kann die eigentliche Aufgabe auch in den Hintergrund treten lassen.

Man sollte also die Zahl der Landeskirchen - 20 sind es derzeit - reduzieren?

Ja, auch wenn das wehtut. Wir sind eine synodal verfasste Kirche. Die Gemeinden vor Ort können unheimlich viel selbst entscheiden und regeln. Deswegen bin ich sehr für eine enge Kooperation, dann auch einen Zusammenschluss der Ebene darüber, also der Landeskirchen.

Waren die Kirchen in der Coronakrise genug für die Menschen da?

Es hängt sicher sehr von den einzelnen Pfarrerinnen und Pfarrern vor Ort ab, inwiefern sie den Kontakt gesucht haben. Der EKD-Bevollmächtigte hier in Berlin, Martin Dutzmann, hat beispielsweise die evangelischen Bundestagsabgeordneten, die regelmäßig zu seinen Veranstaltungen gehen, abtelefoniert. Das fand ich großartig.

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