Fahrbahnen zu Spielstraßen

Unterschriftensammlung für autoreduzierte Innenstadt ist gestartet

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.
Schön, so eine Innenstadt ohne Autos - finden die Unterstützer*innen der Initiative Berlin Autofrei.
Schön, so eine Innenstadt ohne Autos - finden die Unterstützer*innen der Initiative Berlin Autofrei.

Freitagabend ist auf dem Tempelhofer Feld bei grauem Himmel nur wenig los. Wer dennoch unterwegs ist, kommt am südlichen Eingang der Oderstraße an Julia Brennauer in ihrer blauen Warnweste schwer vorbei. »Berlin autofrei, hier unterschreiben«, ruft sie. Nicht nur Fußgänger werden abgefangen, auch für Radfahrer, die langsam dahinrollen, hat Brennauer Klemmbrett und Kugelschreiber parat. »Von der nachhaltigen Verkehrswende wird bisher nur gesprochen. Mit der autofreien Innenstadt machen wir jetzt einen konkreten Vorschlag«, sagt sie.

Ein Vorschlag, der Konfliktpotenzial hat. Wenn es nach der Initiative geht, sollen innerhalb des S-Bahn-Rings nur noch die öffentliche Daseinsfürsorge sowie jene, die zwingend darauf angewiesen sind, mit dem Auto unterwegs sein dürfen. Das sind beispielsweise Polizei und Müllabfuhr sowie mobilitätseingeschränkte Personen und der Handwerker, der sein Werkzeug schlecht in der S-Bahn transportieren kann. Ausnahmen gibt es für den zu langen Arbeitsweg oder die Krankenschwester, für die der Bahnsteig nach der Spätschicht zu unsicher ist. Ansonsten soll lediglich zwölf Mal im Jahr das Auto für jeweils 24 Stunden privat in der Innenstadt genutzt werden dürfen.

Brennauer ist von Anfang an bei der Initiative dabei. Selbst nur mit Rad und öffentlichem Nahverkehr unterwegs ist ihre Vision, »dass Berlin lebenswerter wird und wir uns die Straßen zurückholen, die bisher von Autos vollgestellt werden«. All das, wofür die Berliner auf das Tempelhofer Feld gehen, soll auch dort möglich werden, wo bisher Autos einen großen Teil des öffentlichen Raums für sich in Anspruch nehmen. Dafür braucht es Unterschriften, zunächst 20 000 zur Einleitung eines Volksbegehrens.

Auf dem Tempelhofer Feld ist das Sammeln ein Heimspiel. Zwar meinen nicht wenige, schon unterschrieben zu haben. Doch verwechseln sie die Sammler zunächst mit denen für das Volksbegehren zur Enteignung großer Wohnungskonzerne. Am Ende unterschreiben die meisten dann aber auch für die autofreie City. Andere Passanten kommen selbst auf das fünfköpfige Team zu. Ein Unterstützer fragt gleich, wie er sich am Sammeln beteiligen kann. »In der Politik dauert es immer lange, weil Kompromisse gefunden werden müssen. Gut, dass das jetzt auf diesem Weg angegangen wird«, sagt er. Eine andere Person, die nicht unterschreibt, findet weniger Autos grundsätzlich gut, meint aber: »Progressive Politik muss auch pragmatisch sein, lieber nach und nach einzelne Straßen autofrei machen als gleich die ganze Stadt.«

Wie hier werden es die Sammelteams in der Innenstadt leicht haben. Doch zwei Drittel der Berliner wohnen außerhalb des S-Bahn-Rings. Wenn die Initiative in einem nächsten Schritt 175 000 Unterschriften sammeln muss, wird es nicht ohne sie gehen. Wie sieht es also mit der Unterstützung beispielsweise im Märkischen Viertel aus? Manuel Wiemann muss schmunzeln, das Lieblingsbeispiel der Kritiker.

Wiemann, Pressesprecher der Initiative, der am Freitag auch auf dem Tempelhofer Feld sammelt, wohnt selbst außerhalb des Rings. Klar, dort sei es schwieriger, auf das Auto zu verzichten, sagt er. »Wenn wir Erfolg haben, wird die autofreie Innenstadt aber erst 2027 kommen, bis dahin müssen vor allem Bus und Tram weiter ausgebaut werden.« Ohne Autos und Stau kommen diese dann auch schneller an ihr Ziel, so Wiemanns Rechnung.
Dass die Verkehrswende wesentliche Fortschritte macht, dürfte von nicht wenigen angesichts der Bilanz der rot-rot-grünen Regierung bezweifelt werden. »Leider hat der Senat in den letzten Jahren dazu wenig beigetragen, weshalb die verkehrspolitische Diskussion jetzt immer radikaler wird«, sagt auch Henner Schmidt von der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus in Bezug auf »Berlin autofrei«. Ob es nach der Abgeordnetenhauswahl im Herbst generell neuen Schwung geben wird, hält Manuel Wiemann für einen Blick in die Glaskugel. Wenn es konkret wird, hätte keine Partei Antworten. »Auch das grüne Wahlprogramm zählt vor allem auf, was erreicht wurde, es fehlt aber an wegweisenden Ideen für die Zukunft«, findet er. Und fügt in Bezug auf die Spitzenkandidatin der SPD an: »Zumindest bei der Autobürgermeisterin Franziska Giffey kann man sich sicher sein, dass es statt Stillstand einen Rückschritt bei der Verkehrswende geben würde.«

Dass ein Volksentscheid über eine autoreduzierte Innenstadt auch zu einer Generationenfrage werden könnte, wird deutlich als zwei Kinder auf Rollschuhen auf dem Tempelhofer Feld angefahren kommen und fragen, ob sie auch unterschreiben können. »Ihr seid noch zu jung«, sagt Wiemann. »Aber es geht um eure Zukunft.«

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