Die bulgarische Spur

Was der Anschlag in Tschechien mit einem Waffenhändler aus Bulgarien zu tun hat

Der bulgarische Waffenhändler Emilian Gebrew
Der bulgarische Waffenhändler Emilian Gebrew

Splitternde Fensterscheiben, eine mächtige Druckwelle, Angst und Schrecken: Den 16. Oktober 2014 vergessen die Anwohner von Vrbětice nicht so schnell. An diesem Tag flog in der 300-Seelen-Gemeinde in Osttschechien ein Munitionslager mit 58 Tonnen Fliegerbomben, Granaten und Maschinengewehrpatronen in die Luft. Zwei Sicherheitsmänner kamen ums Leben, die Bewohner der umliegenden Gemeinden mussten evakuiert werden. Sieben Wochen später der nächste Schock: In einem Lagergebäude kam es erneut zur Detonation, diesmal gingen rund 100 Tonnen Munition hoch.

Sieben Jahre brauchten die Ermittler, dann stand für sie fest: Hinter den Explosionen stecke Moskau. Es gebe »klare Beweise« dafür, dass Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU in die Explosion verwickelt seien, erklärte der tschechische Premier Andrej Babiš Mitte April. Der Kreml wies die Anschuldigungen umgehend mit scharfen Worten zurück, beide Seiten wiesen Diplomaten aus - es kam zur größten Krise zwischen beiden Ländern seit Jahrzehnten.

Die Anschläge seien ein »beispielloser Angriff auf tschechischem Boden«, empörte sich Premier Babiš bei einer Pressekonferenz. Allerdings sei sein Land nicht das eigentliche Ziel der Explosionen gewesen. Diese hätten »Gütern, die einem bulgarischen Waffenhändler gehören«, gegolten. Der Händler habe seine hochexplosive Ware an Kiew liefern wollen - mitten in der heißen Phase des Konflikts in der Ostukraine 2014.

Gemeint ist der undurchsichtige bulgarische Geschäftsmann Emilian Gebrew. Der Waffenhändler, über den selbst Insider nur wenig wissen, stritt eine Verbindung zu den Explosionen in der tschechischen Provinz bisher stets ab. Auch über seine Geschäfte mit der Ukraine äußerte er sich nur ungern. Bereits zu Beginn des Krieges 2014 habe sein Unternehmen Emco sämtliche Lieferungen in die Ukraine eingestellt, behauptete Gebrew.

Vergangene Woche dann die Kehrtwende: In einer E-Mail an die »New York Times« räumte Gebrew ein, in Vrbětice doch Munition gelagert zu haben. Auch seine Geschäftsbeziehungen zu Kiew seien enger als zugegeben, enthüllte die Zeitung. So habe Gebrews Firma Emco beispielsweise nach dem Beginn des Konflikts 2014 einen Vertrag mit »autorisierten ukrainischen Unternehmen« zur Lieferung von Artilleriemunition aus Bulgarien an das ukrainische Militär unterzeichnet. Dies bestätigten ein ukrainischer Beamter und sein pensionierter Kollege gegenüber dem Blatt. Offenbar habe man dabei Widerstand von Seiten der moskaufreundlichen Regierung in Sofia gefürchtet: Die Munitionskisten seien offiziell als Lieferungen an Thailand deklariert worden, so die »New York Times«.

Doch die Finte blieb nutzlos: Die russische Regierung bekam Wind von dem Deal und setzte Bulgarien unter Druck, die Lieferung zu unterbinden. Ende April 2015 wurde Gebrew bei einem Geschäftsessen in Sofia dann plötzlich bewusstlos, nachdem er sich zuvor bereits erbrochen hatte. Der Waffenhändler wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er ins Koma fiel. Sein Sohn und ein Mitarbeiter seiner Firma kamen mit den gleichen Symptomen in Behandlung. Die Diagnose: Vergiftung. Doch mit welchem Stoff? Darauf fanden weder finnische noch schwedische Labors, an die Gebrew nach seiner Genesung Blutproben schickte, eine eindeutige Antwort. Im Jahr 2019 kamen Journalisten der Rechercheplattformen Bellingcat und The Insider zu dem Schluss, bei dem nicht identifizierten Stoff handele es sich um Nowitschok - denselben Nervenkampfstoff wie bei den Anschlägen auf Sergej Skripal und seine Tochter sowie auf Alexej Nawalny.

Die bulgarische Regierung zeigte lange nur wenig Interesse an einer Aufklärung des rätselhaften Falls, Ankündigungen des Moskau sehr gewogenen Premiers Bojko Borissow folgten nur halbherzige Ermittlungen. Dabei hätte es sogar noch mehr zu untersuchen gegeben: Denn zwischen den Jahren 2011 und 2020 kam es auch in dem südosteuropäischen Land zu einer Serie nie aufgeklärter Explosionen von Munitionslagern. Dabei flogen insgesamt vier von Emilian Gebrew genutzte Waffendepots in die Luft.

Am vergangenen Mittwoch leitete die bulgarische Staatsanwaltschaft nun Ermittlungen gegen sechs Russen ein, die sich während der Explosionen im Lande aufgehalten hatten und dem russischen Militärgeheimdienst GRU angehören sollen. Ihr vermutliches Ziel sei es gewesen, Munitionslieferungen in die Ukraine und Georgien zu unterbinden, heißt es aus Sofia. Zudem bestehe der »äußerst begründete Verdacht«, dass die Detonationen mit dem Giftanschlag auf Gebrew zusammenhingen. Sofia wies einen russischen Diplomat aus. Moskau kündigte Gegenmaßnahmen an.

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