Warum Liebeslieder, wenn die Welt explodiert?

Vor 50 Jahren erfand Marvin Gaye mit «What’s Going On» den Soul neu

Er war ein musikalischer Söldner. Ein Zeitarbeiter im Dienst der Plattenindustrie. Immer zur Stelle, wenn für ein Liebeslied, ob solo oder im Duett, ein gut aussehender Tenor oder Bariton gebraucht wurde. Diesen Job erledigte er mustergültig. Mit seiner Stimme schaffte er vier Oktaven und konnte zudem mühelos zwischen samtig-sanft, angeraut-kraftvoll und falsett-himmelhoch wechseln. Der Texter und Produzent Eddie Holland hielt ihn für den vielseitigsten Vokalisten, mit dem er je zusammengearbeitet habe.

Kein Zweifel, Marvin Gaye (1939-1984) war der beste Schlagersänger der 60er Jahre. Denn auch wenn sein Genre sich «Soul» nannte, ökonomisch betrachtet waren es Schlager mit anderen musikalischen Mitteln. Hier wie da zählten nur Hits - Singles, die kommerziell einschlugen. Ohne Konzern im Rücken war selbst ein großes schwarzes Label wie Motown zum Erfolg verdammt. Die Soul-Barden mochten von Erschütterungen der Seele singen. Doch für die Kulturindustrie waren große Gefühle nur das Mittel zur Vermehrung großer Scheine.

Innerhalb dieser Wertschöpfungskette war Marvin Gaye für den Produktionsabschnitt «Veredelung» zuständig. Er erledigte dies pflichtschuldig und zuverlässig, bis ihn der Tod seiner Gesangspartnerin Tammi Terrell - sie starb 1970 an einem Hirntumor - aus der Bahn warf. Auch entging ihm nicht, dass es jenseits von Bühne und Aufnahmestudio um die vielbesungene Liebe eher schlecht bestellt war.

Bereits 1965, als bei sogenannten Rassenunruhen in Los Angeles 34 Menschen starben, war Marvin Gaye ins Grübeln geraten: «Die Welt um mich herum explodiert, und ich soll weiter Liebeslieder singen?» Er tat es dennoch. Vier Jahre später ging es in der Welt keinen Deut friedlicher zu. Die Hoffnungsträger Martin Luther King und Robert Kennedy waren ermordet worden, und nicht nur in Vietnam war Gewalt allgegenwärtig. Renaldo «Obie» Benson«, Sänger der Four Tops, wurde Augenzeuge, wie Hundertschaften von Polizisten mit Schrotgewehren auf Demonstranten schossen, und fragte sich: Was ist hier los, was geschieht hier gerade? Das war die Geburtsstunde von »What’s Going On?« Benson bot den Song Gaye an, dieser griff zu und formte ihn zu seinem eigenen.

Doch Motown-Chef Berry Gordy war alles andere als angetan; er hielt die fertige Produktion für »das Übelste, was ich je in meinem Leben gehört habe«. Zu jazzig, zu politisch, zu unkommerziell. Hinter seinem Rücken wurde der Song dennoch veröffentlicht. Die Single brach alle Motown-Verkaufsrekorde. Gordy war Geschäftsmann genug, um einen 180-Grad-Schwenk hinzulegen. Nun war er es, der Gaye befahl, binnen 30 Tagen ein komplettes Album einzuspielen. Am Ende benötigte der Sänger ganze zehn.

Und so klingt die LP »What’s Going On« dann auch: wie diverse Remixe des immer gleichen Liedes. Lediglich »Inner City Blues« kann noch als eigenständige Komposition bestehen. Was aber niemanden sonderlich störte. Im Zusammenspiel mit der Marketingabteilung von Motown machte Gaye die Musikwelt glauben, »What’s Going On« wäre ein Konzeptalbum - und nicht die hastig zusammengeschusterten Variationen eines Hits.

Sein Interesse an Gesellschaft und Staat hielt ein Jahr lang an. Doch als die Vorab-Single des ähnlich sozialkritischen Nachfolgewerks floppte, zog er das komplette Album zurück (»You’re The Man« wurde erst 47 Jahre später, 2019, veröffentlicht). Es gab schließlich Wichtigeres im Leben als Politik. Marvin Gayes nächstes Album, »Let’s Get It On«, handelte von … Sex.

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