Menschen im Tschad protestieren gegen »französischen Staatsstreich«

Fortgesetzte Kämpfe zwischen der Armee und den FACT-Rebellen - trotz Bildung einer von Generälen geführten Übergangsregierung unter Führung von Mahamat Déby

  • Von Mirco Keilberth, Tunis
  • Lesedauer: 4 Min.
Männer protestieren in auf einer mit schwarzem Rauch vernebelten Straße. Im Tschad haben Tausende junge Menschen in den Straßen gegen die neu eingesetzte Militärregierung und deren Unterstützung durch Frankreich demonstriert.
Männer protestieren in auf einer mit schwarzem Rauch vernebelten Straße. Im Tschad haben Tausende junge Menschen in den Straßen gegen die neu eingesetzte Militärregierung und deren Unterstützung durch Frankreich demonstriert.

Die Kämpfe zwischen den Rebellen der Front für Wandel und Eintracht im Tschad (FACT) und der tschadischen Armee gingen nördlich der Stadt Mao auch am Dienstag weiter. Am Wochenende hatte der Militärrat eine Übergangsregierung ernannt - zwei Wochen nach dem Tod von Langzeitherrscher Idriss Déby Itno. Die Macht im Land hat der 37-jährige Mahamat Déby, unehelicher Sohn des Ex-Präsidenten. Er steht auch der Gruppe von Generälen vor, die das aufgelöste Parlament für 18 Monate vertreten will.

Idriss Déby war bei Kämpfen mit Rebellen schwer verletzt worden und starb später im Krankenhaus. Tags zuvor war er noch zum Sieger der Präsidentschaftswahlen erklärt worden. Die Opposition lehnte eine sechste Amtszeit Débys ebenso ab wie den 17-köpfigen Militärrat, der nebenbei auch die Verfassung außer Kraft gesetzt hat. Doch dass die von den Generälen befohlene Rückkehr zur Normalität ein Chaos wie in Libyen nach dem Tod von Muammar Al-Gaddafi verhindern kann, ist unwahrscheinlich.

Tausende Demonstranten hatten in der letzten Woche auf den Straßen im Süden des 16 Millionen-Einwohner-Landes gegen den »französischen Staatsstreich« protestiert. Auf Plakaten und in Sprechchören werfen sie der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich vor, die Machtergreifung der Armee aus Eigennutz zu unterstützen. Nahe der Hauptstadt N’Djamena sind französische Kampfjets und Spezialkommandos der sogenannten Operation »Barkahane« stationiert, die im Sahel zusammen mit Soldaten der Region gegen Dschihadisten vorgehen. Die gut gerüstete tschadische Armee gilt als schlagkräftigste Truppe der »G5«-Sahel-Allianz (Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger und Tschad), die von Paris geschmiedet worden war.

In Mondo und anderen Städten organisierten Menschenrechtsaktivisten der christlichen Minderheit und Vertreter einiger der insgesamt 200 ethnischen Gruppen friedliche Kundgebungen gegen die tschadischen und französischen Generäle. Videos in sozialen Medien zeigen antifranzösische Plakate und fordern die Übergabe der Macht an das Parlament, so wie es die Verfassung im Falles des Todes des Präsidenten vorschreibt.

In andere Szenen sieht man Soldaten, die Menschen auseinandertreiben und gezielt auf Demonstranten schießen. Ärzte berichten dem »nd« von mindestens einem Dutzend Toten und einer unbekannten Zahl von Verletzten. Trotz Ausgangssperre zogen auch am Montag Tausende Jugendliche mit Sprechchören gegen den französischen Präsidenten Emmanuel Macron durch Mondo.

Doch weitere Auseinandersetzungen will Mahamat Déby offenbar vermeiden und hob am Dienstagmorgen die Ausgangssperre auf. Die Generäle wollen die Lage im Süden beruhigen, um die von Norden vorrückenden Rebellen stoppen zu können, glaubt der im Genfer Exil lebende politische Beobachter Ahmed Daca. »Die Übergangsregierung besteht aus 40 Ministern, um möglichst viele Interessengruppen im Land für sich zu gewinnen. Mit der Beteiligung von Vertretern der wichtigsten ethnischen und regionalen Gruppen hoffen die Generäle, eine Explosion des Pulverfasses Sahel zu verhindern«, sagt der 46-Jährige, der wie viele Rebellen den Tobu aus Nord-Tschad angehört.

Die Tobu sind zusammen mit den Touareg die Ureinwohner der Sahara und leben wie viele ethnische Gruppen auf beiden Seiten der von den ehemaligen französischen Kolonialherren gezogenen Grenzen. Die auf mehr als 3000 Mann geschätzten FACT-Kämpfer kommen aus Libyen, dem Tschad und dem Niger. Nach Jahren im Exil nahe der libyschen Stadt Dschufra waren sie gut ausgerüstet am Wahltag über die tschadische Grenze in Richtung N’Djamena marschiert und konnten erst kurz vor dem Ort Mao aufgehalten werden.

Die Offiziere der gut ausgerüsteten tschadische Armee wurden fast alle aus Débys Stamm der Zaghawa rekrutiert und auf den Präsidenten eingeschworen. Déby eilte persönlich an die Front, um den Widerstand zu organisieren und kam dabei um.

Frankreichs Außenminister Jean-Yve Le Drian warnte, dass die aus Libyen kommenden Tobu im Tschad die Macht übernehmen wollten. FACT-Mitgründer Sharif Daca Mahamat verurteilte diese Aussagen scharf: »Den Widerstand gegen das Déby-Regime auf einen ethnischen Konflikt zu reduzieren, ist gefährlich. In Ruanda hat so eine Politik zu einem Völkermord geführt.«

»Nur Dialog kann die Lage im Tschad entschärfen«
Kingabé Ogouzeïmi de Tapol, Sprecher der Front für Wandel und Eintracht im Tschad (FACT), über die Ziele der Bewegung

Die Todesumstände von Ex-Präsident Idriss Débys sind weiterhin ungeklärt. Opositionelle Kreise in N’Djamena behaupten, dass keiner der Generäle und Leibwächter verletzt wurde, als Déby von einer Kugel getroffen wurde. FACT-Mitgründer Sharif Daca Mahamat will Verschwörungstheorien über ein Attentat auf den Präsidenten aus den eigenen Reihen aber nicht gelten lassen.

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