Werbung

Sein ohne Seinsucht

Im BE: Ein Abschied von George Tabori

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
Schwarz. Viel Schwarz. Als sei eine Beerdigung angesagt. Beerdigungen auf offener Bühne? Da muss man nicht lange auf einen Lacher warten. George Tabori sorgt dafür. Farbfilmszenen mit ihm hellen das Bild auf. Strohhut, Sonnenbrille – und schlagende Philosophie: »Also, ich denke, das Glück beginnt, wenn das Unglück aufhört.« Narrenlogik. Unschlagbar. Wie die Begründung, warum er Brechts Totenmaske so mochte – ein Gesicht, das für jedes Problem eine Lösung gefunden hatte. Taboris Gelassenheit: »Sein ohne Seinsucht«. Schönste Sehnsucht. Am 23. Juni war der Regisseur und Stückeschreiber und Lebenskünstler Tabori gestorben, dreiundneunzigjährig. Freunde, Spieler (unter den Spielern auch Klaus Wowereit) nahmen im Berliner Ensemble mit Texten Taboris Abschied. In den literarischsten dieser Texte spürte man, was Tabori wohl gar zu sehr im Schatten des Theatermachers versinken sah: seine Erzähler-Existenz, seine schriftstellerische Gabe. Jürgen Flimm las Lustiges, Senta Berger einen Reden-Auszug, Walter Schmidinger einen Brief, Cornelia Froboess aus »Mutters Courage«, Robert Wilson las auf Englisch, Andrea Breth fast in sich versunken. Angela Winkler kann lesen, was sie will – ein Griff zum Manuskript, ein Blick hoch, ein Atemzug, auf dem das Wort herankommt, und man ist zuhörend in einer beglückend, verwirrend anderen Welt. An die dreißig Ehr-Erweisungen, in Tonlagen zwischen Kalauer und Kafka. Vermisst habe ich zwei der größten Tabori-Spieler: Gert Voss, Ignaz Kirchner. Nicht mal Szenen aus Stücken (»Goldberg Variationen«, »Othello«, »Endspiel«). Jeder, der ans Mikrofon getreten war, hatte beim Abgang sein Manuskript auf jenen Sessel gelegt, der in der Mitte der Bühne stand, daran gelehnt der Silberknaufstock, über der Lehne der Schal, auf dem Sitz der leichte Hut. Alle drei Dinge waren Requi-Sitte beim Meister. Der rote Samtsessel! Auf dem Tabori oft gesessen und – von der Seite aus – seinen Schauspielern zugesehen hatte. Der gute Alte mit dem Vogelgesicht, der alte Gute mit der weißgrauen Mähne, ein in sich ruhender Märchenerzähler. Speziell im Sessel immer dieses Geheimnisgesicht, hinter dessen lächelnder Unbeweglichkeit niemand zu erkennen vermochte, ob Tabori wirklich zusah oder sich listig weggeträumt hatte. Letzter Vertreter jener jüdischen Kraft à la Billy Wilder, die Europas Geistesleben – vor Auschwitz – so sehr zu vitalisieren vermochte. Dramaturgin Jutta Ferbers hatte leisewitzig, einfühlsam einen Text Taboris über seine letzte große lange Liebe, die Tänzerin und Schauspielerin Ursula Höpfner gelesen, und die Höpfner sagt nun, zum Schluss, »zehn bevorzugte Wörter« ihres Mannes. »Kommen« ist dabei, »Gehen« nicht. Ursula Höpfner beschreibt mit den Händen einen Kreis, sie meint das große Wir dieses Abends, aber die Geste erinnert auch an, vielleicht, Taboris schönste Zeit: das Theater »Kreis« in Wien. In der Porzellangasse (ein Name, der so wunderbar zum sanft auftretenden Tabori passte) etablierte er einst mit der Dramaturgin Ursula Voss ein Kellertheater der besonderen Art, das ihm so sehr entsprach; im Intimen nämlich leben die Albträume am ungezwungen kräftigsten auf. Damals ein Zufall, die räumliche Nähe zum Ort, an dem Sigmund Freud gelebt hatte. Und doch auch Fügung: Tabori, der überlebende Jude, war Regisseur und Autor einer wühlenden Erinnerung ans 20. Jahrhundert, die sich ins Bewusstsein schiebt und dort Witz und Wahn, Scherz und Schmerz zum farbigen Panoptikum und Panorama mischt. Zum Schluss des Abends im BE Film-Momente aus einem TV-Gespräch mit Günter Gaus. Eine Anleihe bei Samuel Beckett, der von dem einen wahrhaftigen Wort träumte, in dem alles, was man je sagen könne, verdichtet sei. Gaus fragt, ob Tabori so ein Wort gefunden habe. Zögern. »Ja. Liebe.« Die Antwort lässt an eine Anekdote denken. Einmal, da war Tabori schon über achtzig, legte er einer Assistentin die Liste seiner Feinde vor. Da sei zunächst eine Kritikerin, die von ihm versehentlich beleidigt worden war und die nun schreibend Rache geschworen hätte. Der zweite Feind sei ebenfalls jemand aus dem Kritikergewerbe, aber ein echter Feind sei das eigentlich gar nicht. Den dritten habe er leider vergessen. Ende der Liste. Und er fragte die Assistentin, ob drei Feinde zu viel für ein so langes Menschenleben seien. Die Antwort ist nicht überliefert, aber er selber würde wohl das gesagt haben, was stets auch seine Kunst sagte: Nein, nein! Ja, ja!

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!