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Gespalten in Umbruchszeiten

Festival für zeitgenössisches Theater und Tanz – in Leipzig ging die 17. euro-scene zu Ende

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Im Unterschied zu anderen Festivals zeitgenössischen Theaters sucht Ann-Elisabeth Wolff »ihrer« euro-scene Struktur in der Vielheit zu geben. So hat sie den diesjährigen Sechs-Tage-Marathon »Spaltungen« betitelt. Gespalten ist nahezu alles, vom Individuum in Werdegang, Tätigsein, Denkweise über die Gruppe mit differenzierten Meinungen bis zu Gesellschaftsordnungen in ihren inneren Brüchen und äußeren Umbrüchen. Die Beispiele für ideologische, territoriale, rassische, konfessionelle, kulturelle, wissenschaftliche Spaltungen liegen nicht lange zurück und werden wohl auch künftig kaum ausgehen.

»Sprünge über den Spalt«, die eine Podiumsrunde debattierte, vollführten, jedes auf seine Weise, auch die zwölf Gastspiele aus neun Ländern, wie sie in 27 – fast durchgängig ausverkauften – Vorstellungen über neun Leipziger Spielstätten gingen. Die Stadt Leipzig, das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kultur, das BMW-Werk Leipzig und viele weitere Unterstützer bauten den künstlerisch aufbereiteten Spaltungen wieder löblich finanzielle Brücken.

Im brachliegenden Güterbahnhof Engelsdorf am Stadtrand erinnerte eine Ausstellung an die Deportation von etwa 2000 Leipziger Juden in faschistische Vernichtungslager. Halle 28 des öden Areals von gespenstischer Weite bildete den Raum für das knapp einstündige Tanztheaterstück »Wartesaal« der Prager Gruppe Farm in der Höhle. Ihr junger Regisseur Viliam Docolomanský thematisiert darin die Minuten vor dem Abtransport slowakischer Juden, montiert Gegenwartspalaver slowakisch nationalistischer Politiker in die Szenen und ließ die Uraufführung in einem ähnlichen Bahnhof seiner slowakischen Heimat spielen.

Tango musiziert und singt schwärmerisch ein Salonorchester vor dem Wärterhäuschen aus geborstenem Glas. Eine Frau in Weiß wird gewaltsam ins helle Nichts hinter einer Tür gestoßen, wo weit entfernt rote Lämpchen leuchten und akustisch ein Zug über Gleise holpert. Dort aufersteht sie, stirbt neu. Krampfige Schlagerfröhlichkeit und fiebrige Nervosität der Reisenden wider Willen mit ihren abrupten Bewegungssequenzen kontrastieren in nüchternen, nicht immer entschlüsselbaren Bildern. Angst, Panik, Gewalt lassen Beziehungen zerfasern, der ratlose Blick zurück einer Frau reicht indes bis ins Heute herüber.

Einen noch weiteren Spagat wagte die Gruppe Pan Pan aus Dublin: den zwischen Antike und Gegenwart. Ihre 75-Minuten-Performance »Ödipus liebt dich« verlegt den Mythos um den thebanischen Königssohn mit irischem Humor in die Gartenlaube einer abgewrackten Rockerfamilie. Antigone liebt Vater Ödipus, der seine Mutter Jokaste geheiratet hat und als grillunfähiger Schlappschwanz gilt; Kreon ist auf Antigone scharf; der greise Teiresias möchte unbedingt in der Band mitspielen. Als die Lage eskaliert, rät der Seher zur Therapie. Was als schrille Ödipus-Soap mit Rockeinlagen beginnt, findet zu dem Sagenkreis angemessener, wiewohl stets ironischer Tiefe: Wir wollen eine Familie sein, verkünden am Ende auch der blutig blinde Vater und seine untote Frau mit Strick um den Hals. Jugend goes Sophokles als willkommener Nebeneffekt.

An die ganz Jungen und jung Gebliebenen wandte sich Julien Cottereaus zeitlich offenes Solo »Stell dir vor«. Mit traurig neugierigen Augen und liebem Kindergesicht unterm Schelmenhut begab sich der clowneske Pantomime aus Paris, gereift im berühmten Cirque du Soleil, auf Abenteuertour ins Wunderland, wo Riesen schnarchen, Köter zetern, Mosquitos ärgern, Bälle fliegen, Helden ihre Degen zücken. Allen Kampf gegen die Tücken begleiten live erzeugte Geräusche wie bei einem lebendig gewordenen Comic, und auch die Zuschauer dürfen mittun. Dass die Erwachsenen das Kind in sich herausließen, die Kinder sich hingegen als bühnenängstlich erwiesen, war so überraschend wie Cottereaus Fähigkeit, aus unvorhergesehenen Reaktionen glanzvoll Gags zu ziehen.

Kontrovers diskutiert wurden zwei bildstarke Produktionen über Genregrenzen hinweg. Die seismografischen »Kindertotenlieder« der jungen Französin Gisèle Vienne lassen sich als soziales Psychogramm deuten: eine Endzeit-Gesellschaft in der Winterstarre, eine Eiszeit der Gefühle, mit Gewalt als einzig möglicher Zärtlichkeit. Auch Italiens Starregisseur Romeo Castellucci und seine Socìetas Raffaello Sanzio streben in der Frauen-Hommage »Hey girl!« eher nach Assoziationen denn Aussagen. Parabelhaftes Theater um Ex-Präsident Tito präsentierte Kroatien; Tanz zeigten Polen, Jonathan Burrows und Matteo Fargion in ihrem intelligent witzigen, weltweit tourenden »Both sitting duet« und LaborGras aus Berlin mit einem virtuellen Tanz-Video-Dialog. Emio Grecos Dante-Paraphrase »Hell« beschloss ein anregendes Festival.

Einen ungespaltenen Gewinner gab es beim achten Wettbewerb ums beste fünfminütige Tanzsolo ohne stilistische Einschränkung. Auf dem Tisch von sieben Metern Durchmesser im Foyer des Schauspielhauses siegte unter 178 Bewerbern aus 22 Ländern, daraus 26 Endkandidaten, der in China geborene Österreicher Jianan Qu mit »Weiße Chrysantheme«.

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