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Landschaft mit Krähen

Armin Petras inszeniert Fritz Katers »Heaven (zu tristan)« am Berliner Gorki-Theater

Es gibt Orte, die verlieren ihren Schauder nicht. Da weht einen etwas Dunkles an, alles zieht sich zusammen, man fühlt sich unwohl. Und doch liegt absurderweise die Patina der Melancholie darüber, etwas, was uns fasziniert. Selbst ein Gefängnis, in dem man einsaß, würde man wohl nach Jahren mit unsicher neugierigem Tasten betreten. Wer war man damals und wer heute? Manche Orte spiegeln uns, ohne sie bleiben wir unverständlich. Es kommt immer plötzlich. Etwa, wenn der Zug, in dem man sitzt, hält, man schaut aus dem Fenster und prallt zurück: Pasewalk. Umsteigebahnhof nach Eggesin, wo sich einst regelmäßig ein Übertritt vollzog, man eine Welt verließ und die andere betrat. Auf einmal war man nur noch unter alkoholisierten Uniformträgern, immer war es nachts und man selbst mittendrin mit zugeschnürter Kehle. Das ist normalerweise der Stoff, mit dem man sich unter den Tisch säuft oder gutbürgerlich seinen Psychologen füttert. Normal? Normal ist, dass man es in sich verschließt, versucht zu vergessen, zumindest solange, bis man eine Form gefunden hat, es auszudrücken.

Für Armin Petras (geb. 1965), der eine bizarre Ost-West-Biografie durchlebte (im Westen geboren, als Kind in die DDR übergesiedelt, Regieassistenz am DT, dann 1988 Ausreise aus der DDR) sind es andere Orte, aber ähnliche Dunkelkammern des Biografischen. Unter dem Pseudonym Fritz Kater schreibt er Stücke, die von einer fast naturwüchsigen Poesie sind, herb und bitter. In »Heaven« ist es Wolfen, die Stadt zur Filmfabrik, ORWO-Color als Industrielandschaft in grau. Heute bunt »angehübscht«, renoviert – und verlassen. Lebensorte für niemand. Petras inszeniert sein Stück mit traumsicherer Gewalt. Da taucht die Tristesse verlassener Ostprovinz tief hinab – bis auf den Grund aller Romantik. Wagners Liebestod-Motiv klingt mit. Ein Geniestreich: dieses Zugleich von banalster Alltäglichkeit und romantischem Traummotiv. Ein realistischer Anwendungsversuch jenes Monologs von Tristan (Dritter Akt, erster Auftritt in »Tristan und Isolde«), in dem Heimkehr in die Heimat zugleich den Tod bedeutet: »Dünkt dich das? Ich weiß es anders, doch kann ich's dir nicht sagen. Wo ich erwacht – weilt ich nicht; doch, wo ich weilte, kann ich dir nicht sagen. Die Sonne sah ich nicht, noch sah ich Land und Leute: doch was ich sah, das kann ich dir nicht sagen. Ich war, wo ich von je gewesen, wohin auf je ich geh ...« Wer versucht, sein versunkenes Leben den Heutigen (auch sich selbst von heute!) zu erklären, der stößt immer wieder auf diese Zeilen bei Wagner. »Ich kann es nicht sagen.« Und dieses Nicht-Können, es ist nicht subjektive Verstockheit, nicht Verschweigen-Wollen von was auch immer, sondern eine objektive Not des Ausdrucks. Meine Worte passen nicht mehr zur äußeren Realität, sie meinen immer etwas anderes als das, was man versteht.

Ja, Petras-Kater greift weit aus, aber er greift nicht ins Leere. Mit dem Tristan-Motiv im Rücken verschieben sich Bedeutungen. Und wenn man dem Intendanten des Gorki-Theaters mit seiner oft manischen Schnellproduktion (sechs Premieren im November!) mitunter mangelnde Sorgfalt vorwerfen kann: hier nicht. Dieser Dreistundenabend ist präzise durchgearbeitet – durchgedacht bis an die Grenze, wo etwas nicht mehr übersetzbar wird, Geheimnis bleibt. Grenze: poetischer Ort von Wandlung. Etwas öffnet sich, anderes verschließt sich. Utopie oder Anti-Utopie? Nein, hier drängt das Magma der Erinnerung hervor. Fantastische Ausblicke auf Zerfall und Zerstörung – wie auf Neuentstehen. Verwandlung wohin?, das ist die Frage. Petras hat schon in seiner brachial gekonnten Deutung von Kleists »Prinz von Homburg« einen starken Sinn für das Romantisch-Gärende im scheinbar vernünftigen Tun gezeigt. Im Reich der Instinkte wird es gefährlich. Aber Vernunft ohne Instinkt, das ähnelt dann den Aufbau-Ost-Programmen verschiedener Bundesregierungen. Nein, wir müssen hinabsteigen in die Schächte der Erinnerung, ins Bergwerk des Phantastischen – sonst brauchen wir über Hoffnung auf Zukunft gar nicht erst zu reden. Sonst optimiert eine einfallslose Vernunft immer nur weiter das, was ist, und das hat sich längst entleert, das ist tot – siehe Wolfen.

Petras verbindet Diagnose mit Vision. Es sei, so heißt es, »wie am Vorabend des Auszugs aus Ägypten«. »Ich werde nicht mehr gebraucht mit dem, was ich kann. Und wenn das so ist, hab ich kein Problem wegzugehen. Ich weiß nur nicht wohin.« Liebes-Tod einer Region, wo viele unter Selbsthass leiden. Und dann kommen die anderen und sagen: Was wollt ihr denn, ihr habt doch jetzt saubere Luft, so viele »Spaßbäder« wie nirgendwo sonst auf der Welt, hochmoderne Kläranlagen, die mit ihrer Kapazität ein Land wie Bangladesch problemlos mitversorgen könnten ... Was fehlt euch bloß? Ja, es ist eine besondere Krankheit, unter der der Osten leidet, und Petras ist mit Wagners Liebestod-Motiv auf der richtigen Spur.

»Klar war früher alles schöner. Aber du warst auch anders.« Das sagt sie zu ihm, die ältere Frau zu dem älteren Mann. In Wolfen, wo man feststeckt in der Vergangenheit, im Frust, ein Museum zu bewohnen. Überall Neubaublocks, manche bleiben stehen, andere werden abgerissen. Rückbau nennt man das. Abriss von etwas, das einmal aufgebaut wurde. Die Alten werden weniger. Morgens sehr früh kommen die Leichenwagen, die Gestorbenen abzuholen, dann kommen vielleicht Umzugswagen für die Jüngeren, die woanders vergessen wollen, dass sie doch immer sie selber bleiben müssen.

Es ist kein Stück im strengen Sinne, es ist eine Spurensuche im Labyrinth der eigenen Biografie, die niemals ortlos sein kann. Tag- und Nachtseite der Realität spiegeln sich ineinander. Und es ist ein großer Abend für hervorragende Schauspieler, die sich der Tragik-Komödie eines Lebens im Aufbau-Abriss-Umbau aussetzen, dass einem diese hundertachtzig Minuten nie (!) lang werden. Ein Spiel mit Identitäten. Man bohrt hier und dort, sucht nach etwas Kostbarem: Identität. Am Anfang rutscht ein Schaumstoffblock, den Peter Kurth aus der Höhe (wunderbar karges Bühnenbild: Patricia Talacko und Bernd Schneider) herabwirft, etwas weit weg von der Mauer, auf der er steht. Er zögert einen Augenblick und springt. Das Geheimnis für das Gelingen dieses Abends: Sie alle wagen den Sprung ins Ungewisse.

Die Schauspieler: Peter Kurth, der sensible Koloss, Susanne Böwe, die Ehefrau aus Nicht-Berufung, Ronald Kukulis mit unerhörtem Spielwitz und plötzlich von Melancholie wie gelähmt. Die großartige Fritzi Haberlandt wirkt wie eine ausgedörrte Landschaft, für die Regen vielleicht noch Rettung bedeuten könnte. Yvon Jansen und Max Simonischek komplettieren ein so spielstark in der Ära Petras noch nie erlebtes Ensemble. Man badet in einem leeren See, den eine Grube mit Plasteflaschen vorstellt – die Symbolik vom Abfall, der vielleicht mehr wert ist als er einbringt, zieht sich durch den Abend und macht »Heaven« zum ebenso unsentimental wie poetisch ausgreifenden Exkurs über den Osten Deutschlands.

Gegen Ende läuft ein Film im Hintergrund. Dunkle Vögel vor Neubaublocks. Der Schwarm – wie auf van Goghs berühmten »Weizenfeld mit Krähen«, das er kurz vor seinem Selbstmord malte – wird immer dichter. Zum Schluss alles schwarz? Nein, jubelartiger Beifall für einen unerhörten Aufbruch.

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