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Der subjektive Faktor

Hat der Sozialismus noch eine Perspektive?

  • Von Stefan Doernberg
  • Lesedauer: 4 Min.

Nicht nur in Russland, sondern weltweit hat der 90. Jahrestag der Oktoberrevolution ein vielfältiges, wenn auch recht unterschiedliches Echo ausgelöst. Das Spektrum reichte von ausgewogenen seriösen Würdigungen bis zur Wiederholung primitiver Mythen. So oder so ist dieses Echo ein erneuter Beweis dafür, dass die sozialistische Oktoberrevolution von 1917 wie kein anderes Ereignis für das letzte Jahrhundert prägend war und auch heute weiterhin nachhaltig die Vorstellungen von der Zukunft der menschlichen Zivilisation beeinflusst. Das gilt auch für die durchaus unterschiedlichen Vorstellungen, warum das von der Oktoberrevolution proklamierte Projekt einer grundsätzlich anderen Welt mit seinen globalen Auswirkungen nach 75 Jahren scheiterte, dabei für fast alle Zeitzeugen eher überraschend als erwartet. Nach wie vor hält die Diskussion über die Ursachen an, warum dies so plötzlich eintrat, noch dazu nach einer Periode, in der die globale Ausstrahlungskraft der Oktoberrevolution ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Harald Neubert hat hierzu eine bemerkenswerte Publikation vorgelegt. Verfasst unter der Überschrift »Was wurde aus der Oktoberrevolution« gliedert sie sich in drei recht unterschiedliche Teile. Der erste enthält einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der UdSSR und ihre wichtigsten Etappen. Den dritten, etwas umfangreicheren, hat Neubert mit dem Titel »Nachdenken über einen künftigen Sozialismus« versehen. Dieser Teil vermittelt viele Anregungen, so für programmatische Überlegungen europäischer linker Parteien, ist aber eher ein eigenständiger Beitrag, der eine spezielle Würdigung erfordert.

Den weitaus umfangreichsten Teil bilden die deutschen Übersetzungen von Zitaten sowjetisch-russischer Persönlichkeiten vornehmlich aus den letzten fünfzehn Jahren. Daher sehe ich das eigentliche Anliegen der Publikation, wie der Autor selbst formuliert, darin, den deutschen Lesern einen Einblick zu vermitteln, »wie vor allem sow-jetische Führungspersönlichkeiten sowie Vertreter der politischen und intellektuellen Funktionärsschicht als ›Dienstklasse‹ der obersten Führung der UdSSR« den Niedergang der sozialistischen Ordnung bis zum Zerfall der Sowjetunion dokumentierten. Das ist mit der vom Autor getroffenen Auswahl von Zitaten aus der Feder von Politikern, Politologen und anderen Wissenschaftlern gelungen, die in ihrer Mehrzahl schon in den sechziger Jahren zum Kern der damaligen geistigen Elite der UdSSR gehörten, vor allem aber aktiv an der Perestroika-Politik von Gorbatschow in unterschiedlicher Weise mitwirkten. Zu Dissidenten oder sich gar zu Anhängern einer offen antikommunistischen Politik bekennenden Ideologen gehörten sie nicht, zumindest nicht bis 1991.

Viele Zitate beweisen aber bei aller Unterschiedlichkeit, dass gerade im engeren Beraterkreis eine ausgesprochen kritische Atmosphäre vorherrschte. Getragen war sie zunächst vom Bestreben nach einer Korrektur von Fehleinschätzungen und durch sie abgeleiteten, dem Sozialismus abträglichen Entscheidungen der Führung sowie nach einer Überwindung weiterhin nachwirkender Deformationen, die heute vielfach als Stalinismus bezeichnet werden und nie ganz ausgeräumt wurden. Die Bewertungen dieser Zeitzeugen dürften damit auch jüngeren deutschen Lesern einen aktuellen Erkenntnisgewinn vermitteln.

Mehr und mehr entwickelte sich aber das Denken und damit auch der Einfluss dieses an der Entscheidungsfindung mitwirkenden engeren Kreises für die herangereifte Weiterentwicklung und Erneuerung des Sozialismus als kontraproduktiv. Aus den Zitaten geht nicht hervor, wie sie ihre eigentlichen Aufgaben erfüllten und mit eigenen Vorstellungen auf die Findung politischer Entscheidungen einwirkten. Leider geben selbst Jahre später veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen darüber keine Auskunft. Was soll man von einer Einschätzung halten, dass die sowjetische Ordnung schon längst ihre historische Mission in Russland erschöpft habe und zum Untergang verurteilt sei? Musste man sich an ihrer Beseitigung zumindest in eigenem Interesse beteiligen? Der deutsche Leser erhält so auch einen Einblick, welchen Anteil einige Politiker und Wissenschaftler im unmittelbaren Umfeld der Entscheidungsebenen in Moskau am Beginn jener nachhaltigen Transformation hatten, die man als Wende oder besser als Rückwende in Russland und in Europa bezeichnen kann.

Man soll das sicher nicht überschätzen. Neubert vermerkt zu Recht, dass ungeachtet aller zerstörerischen Einflussnahme von außen, darunter der hasserfüllten Gegner einer jeden denkbaren antikapitalistischen Alternative, die inneren Ursachen die entscheidenden für das Scheitern der realsozialistischen Ordnungen in Europa waren. Und zu ihnen gehört auch das Wirken des subjektiven Faktors, den man in der Geschichte zwar nicht überbewerten, aber auch nicht unterschätzen darf. Vor allem in längerfristig und objektiv herangereiften Krisensituationen, aus denen es aber meist, wenn nicht sogar immer, verschiedene Auswege geben kann.

Harald Neubert: Was wurde aus der Oktoberrevolution oder Hat der Sozialismus eine Perspektive? Verlag am Park, Berlin 2007. 302 S., br., 14,90 EUR.

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