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Quergesehen, durchgezappt

Wie war es denn nun, das Fernsehjahr 2007?

Nein, ein gutes Fernsehjahr war 2007 nicht. Aber ein abwechslungsreiches. Es gab immerhin einen Sommer der Hoffnung. Die ARD versprach Verjüngung durch Abtrag des Volksmusiküberhangs, das ZDF stellte seine Mediathek online und ein Opern-Casting in Aussicht, beide warfen die Tour de Farce aus dem Programm.

Allen Pilchers, Neubergers, Kerners, den Schnulzen, Telenovelas, Boxarien zum Trotz: das Öffentlich-Rechtliche schien sich seines Auftrag ein bisschen bewusster zu werden. Und dann das: Bruce Darnell, jubelte das Erste, kommt zu uns! Kurz zuvor hatte Pro 7 Heidi Klums radebrechenden Model-Tester rausgeworfen, RTL wollte ihn nicht, nun kriegt Darnell vom Ersten ein Coaching-Format. Kann der Staatsfunk noch tiefer sinken? Dass er zum Nachtasyl für Privatpatienten von Harald Schmidt bis Thomas Kausch wird und dabei Kulturbanausen der Marke Pocher ausleiht, belegt indes einen anhaltenden Trend: die reklamefinanzierten Sender scheren sich immer weniger um Relevanz, Niveau, Kritik, solange der Marktanteil stimmt, die Platzhirsche hecheln fleißig hinterher, Innovationen bleiben den Senderfamilien um RTL und Pro 7 vorbehalten.

Man mag ja die Verflachung quotenstarken Fernsehens beklagen, Blockbuster wie »Der geheimnisvolle Schatz von Troja« (Sat.1) als Actionkitsch verteufeln, das ARD-Drama »Die Flucht« als revisionistisch und Stefan Raabs Turmspringenwokrennenstockcarsausen als unsäglich brandmarken – die 14- bis 49-Jährigen kommen gut mit Eventfernsehen klar, die Werbewirtschaft auch und damit die Aktienbesitzer jener Medienkonzerne, die selbst längst Handelsware sind. Den Investoren von KKR/ Permira war ProSiebenSat.1 jedenfalls drei Milliarden Euro wert, obwohl das Sorgenkind darin sicher keine Renditewünsche rechtfertigt. Denn was immer Sat.1 auch anpackt, es geht schief. Zu Recht wie bei der peinlichen Übernahme der Tour de France oder der Kürzung des ohnehin dürren Magazinangebots. Zu Unrecht wie im Fall der starken Thrillerreihe »Deadline«, die im Stil von »24« Verbrechen in Echtzeit löst, was nur niemand sehen wollte. Selbst der US-Hit »Alles Betty« floppte so sehr, dass er gleich wieder verschwand, eine Ungeduld, die Schule macht. Mit mageren Effekten.

ARD/ZDF erzielen die niedrigsten Marktanteile seit Bestehen, die großen Privaten sinken aufs Niveau der Vorwendezeit, Wechselwähler sind selten. Denn das Öffentlich-Rechtliche hat sich für brave Lokalbürger und alternde Intellektuelle etabliert, Pro 7 für Spielkinder, RTL, Kabel 1 und das aufstrebende Vox für den medienmixenden Mittelbau. Ihm zuliebe wurden Frauen getauscht, Kinder erzogen, Männer verlassen oder gar Heimaten, wurden Diners bereitet, Schulbänke gedrückt, Popstars gesucht, Superstars auch, Models sowieso, und dann auch noch Jobs verlost, Ahnungslose gefilmt, Häuser renoviert oder Existenzen.

Dass Harald Schmidt zur RTL-Sendung »Raus aus den Schulden« meinte, »da schrei ich mich weg«, zeigt, wie heiter der Umgang mit Elend sein kann. Mögen die Geigen im Off noch so leiden. Immerhin wurde uns lange vorgehalten, Sozialfälle nicht mit britischer Leichtigkeit, sondern deutscher Verbissenheit zu filmen. Und das Publikum weiß durchaus zu differenzie-ren, was Original, was Fälschung ist. »Post Mortem« oder »R.I.S.«, die Plagiate der Gerichtsmedizinerimporte CSI/CIS leiden unter stetem Zusehermangel. Ein Erfolgsgarant ist die ferne Herkunft aber nicht, auch wenn die Episodenpreise auf bis zu 3,3 Millionen Dollar steigen. Und wenn gar Preisgekröntes von »Prison Break« (RTL) bis »Rom« (RTL2) Resonanzdefizite hat, was soll da erst werden, wenn der Streik amerikanischer Drehbuchautoren die Qualität mindert? Da hält sich die Masse an Bewährtes wie »Wer wird Millionär« oder schämte sich bei der RTL-Kuppelei »Bauer sucht Frau« fremd, dem Quotencoup 2007.

Nein, es war nicht das Jahr der Fiktion in Serie. Erfolg hatten Event-Movies jeder Art und TV-Shows unterster Kajüte. Von denen dürfte es bald mehr geben: »Big Brother«-Erfinder John de Mol hat seine Firma Endemol zurückgekauft und wird uns mit aggressiver Unterhaltung beglücken.

Ansonsten war 2007 die Zeit der Abschiede: Die von Evelyn Hamann, Ulrich Mühe oder Jürgen Roland von der Bühne des Lebens, die von Eva Herman von der Talkshow. Das Erste zeigte uns Klaus J. Behrendt als Schwulen in »Einfache Leute«, Ben Becker im Monolog als »Ein ganz normaler Jude« und Veronica Ferres als das, was sie immer ist: eine toughe Frau mit Herz, diesmal in der der DDR-Schmonzette vom Checkpoint Charlie.

Ach ja, Anne Will wurde als Ersatzparlamentarierin zum Star und als Liebende zum Boulevardthema, Lady Di schaffte das zum 10. Todestag sogar posthum auf allen Kanälen, die mit Schmalz immer noch am meisten punkten, und Pro 7 hat für »Gülcans Traumhochzeit« eine neue Zielgruppe kreiert: 11- bis 15-jährige Mädchen, deren Schulkameraden auch den RTL-Spielplatz »Entern oder Kentern« bevölkern. Aber keine Sorge, in 50 Jahren gucken die alle Volksmusik auf MDR.

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