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»Die Wärme Deines Körpers«

André Gorz und sein Buch »Brief an D. Geschichte einer Liebe«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Im lyrischen Werk des Dichters Reiner Kunze sind die ganz traurigen Verse die schönsten. Und am traurigsten wird Dichtung, je enger sie den Kreis um das eine, des Dichters eigenes Herz schließt – und zwar so schließt, dass es sich dem Unsagbaren öffnet. Im »Spaziergang zu allen Jahreszeiten« heißt es: »Noch arm in arm/ entfernen wir uns voneinander// Bis eines wintertags/ auf dem ärmel des einen/ nur schnee sein wird«. Geschrieben »Für E.«. In einem anderen Gedicht, »Bittgedanke, dir zu Füßen«, das gleiche Thema: »Stirb früher als ich, um ein weniges/ früher// Damit nicht du/ den weg zum haus/ allein zurückgehn mußt«.

An diese Zeilen musste ich denken, als ich das kleine Buch des französischen Philosophen André Gorz las, »Brief an D. Geschichte einer Liebe«. Vor über einem Jahr erschien es in Frankreich, die deutschsprachige Veröffentlichung vor einigen Monaten fiel fast zeitgleich mit einem anderen Ereignis zusammen: Im September dieses Jahres schieden Gorz, 84, und seine Frau Dorine, 83, gemeinsam aus dem Leben. Am Gartentor des Hauses im französischen Dorf Vosnon (Aube) hing der bittende Zettel, die Polizei zu verständigen. Eine Analogie zum zweisamen Tod des Schriftstellers Arthur Koestler und seiner Frau Cynthia, 1983.

Ein Buch, ein Brief, eine innige Berührung: Gorz schreibt, als griffe er mit jedem Wort fester die Hand der geliebten Frau Dorine, die seit vielen Jahren an Schmerzen litt, verursacht höchstwahrscheinlich durch einen ärztlichen »Kunst«fehler; zudem hatte sie Blutkrebs. Sechzig Jahre verbrachten sie miteinander, der österreichische Jude und die junge Engländerin. Er schrieb und schrieb, schon damals, und sie sagte, wenn er denn dabei glücklich sei, solle er schreiben. Das ist sie, die Tapferkeit des Verzichts, und sie wiegt umso größer, als diese Dorine von zarter, aber unbändiger Lebenslust war. Jetzt, sehr spät, nennt Gorz seine Frau den wahren, beständigen Quell seiner Inspiration und entschuldigt sich dafür, dass er die lange Soziologen- und Philosophenexistenz hindurch nie den Anteil der Gefährtin an seinem Werk gewürdigt hat.

In Lausanne lernten sie sich kennen, 1947, im Nieselregen, der anscheinend die Stimmung auf jenes Maß drücken wollte, das einer Nachkriegszeit aus Erschöpfung und Skepsis angemessen zu sein schien. Aber es wird eine Zeit der Tanzabende, der Kinobesuche, der leidenschaftlich körperlichen Liebe und einer Seelenzweiheit, die in der Absolutheitsbehauptung von Liebe und Zusammengehörigkeit nie etwas intellektuell Angestrengtes haben wird.

»Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert ... Kürzlich habe ich mich von Neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.« Aus solchen Sätzen fügt sich das Buch, sie wachsen nie aus jenem literarischen Hintersinn, der nicht anders kann, als sich in den Vordergrund zu drängen – Gorz schreibt mit der Inständigkeit eines späten Geständnisses, in dessen Ruhe doch trotzdem die Furcht flackert, es könne im Wortfluss Wichtiges versäumt werden.

In seiner nahezu schamfreien Innigkeit ist das Buch auch Zeugnis eines Innehaltens, das unbewusst Rückschlüsse auf die Geschichte des europäischen linken Gemüts erlaubt. Gorz – Theoretiker einer Arbeiterbewegung im Neoliberalismus, ein Sucher nach dem rebellischen Wesen von Zeiten jenseits der absterbenden Arbeitsgesellschaft – hat sich nie ideologisch pferchen lassen, er war links, indem er die Linke kritisch-einsam beobachtete. Aber diese Kritik – eine Fähigkeit des Außenseiters – schließt nun trotzdem ihn selber ein, und zugleich offenbart sich der Autor als zutiefst gütiger Überwinder des wohl auch selbst gelebten Mankos. Denn allzu oft lässt der Gedanke an die Menschheit keinen Raum, keine Zeit für den nächsten Menschen; Nächstenliebe meint oft nur die Liebe zum nächsten Schritt, den die Revolution verlangt. Der »Brief an D.« appelliert somit in leisest möglichem Ton, mit dieser Seelenbeschädigung im Dienste des Höheren zu brechen, bevor es zu spät ist.

»Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.« So endet das Buch. Nicht lang danach beider Weg ins Freie. Um nicht erfahren zu müssen, was, zum Beispiel, Reiner Kunze in seinen beiden Gedichten vorausahnt. Die Bitte, der andere möge eher sterben, als radikalste Beschwörung der Sehnsucht, der Tod möge einen Bogen machen. Die Furcht vor dem Tod ist die dialektische Mitgift einer Illusion, ohne die kein Mensch lebensfähig wäre. Diese Illusion wurzelt im Glauben, existenzielle Erfüllung sei möglich. Der Gedanke an die immerwährende Nähe des Todes erschüttert diesen Glauben. Daher bleibt nur eine Gratwanderung zwischen einer engagierten und einer gelassenen Haltung. Soll der Tod seinen Stachel verlieren, müssten das Sichwichtignehmen und das Sichheraushalten zusammen geleistet werden können. Gewissermaßen als ein Humor, mit dem wir die Rollen unseres Lebens selbst relativieren. Der Grund, sich vor dem Tod zu fürchten, ist nicht aus der Welt zu schaffen, aber diese Furcht lässt sich – mit etwas Glück – in einer Verbindung von Leidenschaft und Lakonie, Gelassenheit und Gelächter mildern.

André Gorz erzählt in seinem Buch vom Weg hin zu dieser Verbindung. Der gemeinsame Tod der Eheleute überschattet dieses Buch nicht, er gibt ein Leuchten, das heiter stimmt. Bindung fürs Leben und Erlösung vom Leben – kaum je las sich das so leicht, als Einheit, denn natürlich kann man diesen Buchbrief nicht ohne das Wissen um beider Weggang lesen. Worte wie Selbstmord oder Freitod kommen einem dabei schändlich und grob vor, es wäre das Vokabular der Dummheit, die Sprache benutzt, ohne von ihr getroffen zu sein. Da sind zwei »im Diesseits verschwunden«, wie es ein anderer Dichter, Karl Krolow, genannt hat; sie haben der Sterblichkeit jenes Skandalöse, mit dem wir nicht fertig werden, mit einem letztmöglichen Mut aberkannt. Im Diesseits verschwinden: Warmherzig muss es geschehen, mit dem Einverständnis, dass viel Zeit zu immer kürzerer Frist wird. So sterben, als sei das Unmögliche möglich: aus dem Leben gehen, aber mit dem Leben – sich das Leben mit-nehmen. Gehen, mit der kühnen Behauptung einer Unverlierbarkeit, die sich in der unzerstörbaren Liebe zu einem anderen Menschen begründet. Über den Tod hinaus, den es plötzlich, wenn zwei sich – wortwörtlich – fassen, gar nicht zu geben scheint.

André Gorz: Brief an D. Geschichte einer Liebe. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Rotpunktverlag Zürich. 98 S., geb., 15 EUR.

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