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Normaler Konjunkturzyklus?

Ökonom Gustav-A. Horn: Der Aufschwung hätte 2007 stärker sein können

Gustav-A. Horn (53) leitet das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung.

ND: Anfang dieses Jahres hatten viele erwartet, dass die Mehrwertsteuererhöhung den Konjunkturaufschwung ausbremsen würde. Ist es dazu gekommen?

Gustav-A. Horn: Ohne diese Mehrwertsteuererhöhung hätten wir sicherlich ein Wachstum von deutlich über drei Prozent gehabt. Das haben wir verschenkt.

Sie sehen also Bremsspuren der Mehrwertsteuer?

Ja, die Spuren sehe ich sehr deutlich, vor allem beim privaten Verbrauch. Unterm Strich beträgt der Wachstumsverlust durch die Mehrwertsteuererhöhung rund ein Prozent.

Wo sind denn 2007 viele der Arbeitslosen geblieben?

Wir hatten trotz politischer Fehler ein Wachstum von rund zweieinhalb Prozent, 2006 waren es knapp drei Prozent, und bei solchen Wachstumsraten nimmt die Zahl der Arbeitslosen deutlich ab. So funktioniert es in jedem Aufschwung, und dies erklärt die günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt.

Hartz IV hat hierbei nur eine Nebenrolle gespielt?

Hartz IV spielt allenfalls eine kleine Rolle. Die Leute haben sich stärker um einen Job bemüht, aber ob sie einen bekommen, hängt nun einmal von der Nachfrage ab – und die ist im Aufschwung etwa so stark geworden wie im letzten Zyklus. Es ist also nichts Besonderes passiert. Es könnte höchstens sein, dass in der Spätphase des Aufschwungs, wenn Arbeitskräfte normalerweise knapp werden, die Verknappung etwas später auftritt. Dann könnte sich Hartz IV positiv bemerkbar machen.

Wir erleben also einen ganz normalen konjunkturellen Zyklus.

Der Arbeitsmarkt reagiert so positiv, wie er nun einmal bei einem Aufschwung reagiert.

Trotz hohen Wirtschaftswachstums von fast drei Prozent und deutlich gesunkener Arbeitslosenzahl von 3,4 Millionen – ich kenne kaum jemanden, der den Aufschwung persönlich spürt. Gibt es eine Kluft zwischen gefühlter und realer Wirtschaftsentwicklung?

Ja, eine gewisse Kluft gibt es. Aber dramatisch spüren den Aufschwung alle, die neue Beschäftigung gefunden haben! Die Menschen, die schon vorher einen Arbeitsplatz hatten, für die ist allerdings tatsächlich nicht viel passiert. Was in dieser von Ihnen beschriebenen Stimmung zum Ausdruck kommt, ist, dass die Realeinkommen der Haushalte überhaupt nicht steigen.

In einer Studie zeigen Sie, dass die deutsche Wirtschaft zuwenig investiert – historisch wie auch im Vergleich mit anderen EU-Ländern. Wie kann das sein, angesichts rasant steigender Gewinne der Unternehmen und Reichen?

Das ist genau die Frage. Die Regierungen haben uns immer versprochen, dass sich die Gewinne in Investitionen und Arbeitsplätzen niederschlagen. So geschah es etwa bei der Steuerreform zugunsten der Unternehmen und der Umverteilung in Richtung höherer Einkommen. Tatsächlich laufen aber die Investitionen exakt wie im letzten Zyklus – damals fielen die Gewinne deutlich niedriger aus.

Wenn wir uns in einem Jahr wieder sprechen, was könnte dann das große Thema sein?

Ich befürchte, dass wir dann wieder nur ein Wachstum haben, das nicht ausreicht, um Beschäftigung zu schaffen. Dann wird mancher wieder nach neoliberalen Reformen rufen, dabei hat es heute ein gesamtwirtschaftliches politisches Versagen gegeben.

Interview: Hermannus Pfeiffer

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