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Mehr als Karussell und Zuckerwatte

Permakulturzentrum auf ehemaligem Spreeparkgelände kämpft vor allem gegen Bürokratie

  • Von Oliver Händler
  • Lesedauer: 5 Min.

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Tobias Mosner darf nicht auf das Gelände hinter dem Zaun mit den Schildern »Privatgrundstück. Betreten verboten«. Trotzdem hat er klare Vorstellungen von dem, was daraus bald werden soll. »Dort entsteht ein Gewächshaus mit Indoor-Spielgarten für Kinder«, beschreibt er beim Vorbeilaufen. »Wenn die kleine Bahn mit den Pferdchen noch funktioniert, nehme ich die wieder in Betrieb.« Aus der Wasserbahn soll sommers ein Schwimmbad, winters eine Eislaufbahn werden. Auf dem Riesenrad möchte Mosner einen Wochenendbrunch veranstalten: Frühstück in Gondeln. Selbst die Eisenbahn soll wieder fahren.

Wenn man um das 30 Hektar große Gelände läuft, kann man überall stehen bleiben, und der ehemalige Profifußballer erzählt, was er dort plant. Seit einem Jahr kämpft er für ein Permakulturzentrum. Wer da nur an Naturpark denkt, kennt nicht das Ausmaß seiner Planungen: Zirkuszelte, Erfinderwerkstatt, Jugendherbergen, Theaterfestival. Doch langsam verliert Mosner die Geduld: »Ich will noch nicht aufgeben, aber jetzt muss etwas passieren.«

Seit 2001 vegetiert alles auf dem Gelände der ehemaligen Spreepark GmbH vor sich hin. Über 10 Millionen Euro Schulden hatte der Geschäftsführer Norbert Witte bei den Banken hinterlassen, als er sich aus dem Staub machte. Die Schulden verhinderten bislang eine neue Nutzung des Geländes, das immer noch dem Land Berlin gehört und vom Liegenschaftsfonds (LSF) an den Mann gebracht werden soll. Doch mit Mosner scheint niemand reden zu wollen.

Die Banken werden vom Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Schröder, vertreten, der das Verfahren seit sechs Jahren nicht abschließt. Warum nicht, beantwortet er weder Mosner noch dieser Zeitung. Der Hauptgläubiger, die Deutsche Bank, gibt ebenfalls keine Auskunft. LSF-Geschäftsführer Holger Lippmann mutmaßte gegenüber ND, dass der Insolvenzverwalter kein Geld hätte und deshalb auf Zeit spiele.

Doch auch der LSF war Mosner bislang keine Hilfe. Bei der Präsentation im Januar hätte er der Idee seine Unterstützung zugesichert, erinnert sich Mosner. »Seitdem reagiert man nur mit dem Hinweis, dass kein Gesprächsbedarf besteht, weil ich offiziell kein Interesse angekündigt hätte«, so Mosner. Außerdem wird ihm der Zutritt zum Park verweigert. Begründung von Lippmann: Die Permakulturleute seien unzuverlässig und hätten sich nicht an Absprachen gehalten. Das weist Mosner von sich.

Nun hat Mosner dem LSF seinen Businessplan geschickt und den Wunsch nach einer Zwischennutzung des so genannten Westerndorfes bekundet. »Das haben sie jetzt. Mal sehen, was daraus wird«, sagt er. Das Konzept beinhaltet auch ein Investorenkonzept für den gesamten Park. Bei einem Eigenkapitalanteil von einer Million Euro würde der Energy Club Europe (ECE) dem Permakulturzentrum weitere 25 Millionen Euro zukommen lassen. Dafür wäre der ECE 17 Jahre lang zur Hälfte am Gewinn beteiligt. Die 25 Millionen müssten nicht zurückgezahlt werden und könnten für die Tilgung der Schulden genutzt werden. »Wir wollen dem Projekt näher treten«, bestätigte Jürgen Wahnschaffe vom ECE die Pläne.

In die Fabrikhallen auf dem Gelände würden Erfinder einziehen, die auch an der Entwicklung des Parks beteiligt wären. Im Westerndorf plant Mosner Herbergen, die ihre eigene Energie produzieren. Es soll auch als Veranstaltungsort dienen. Das Dorf will er dem derzeitigen Eigentümer für 200 000 Euro abkaufen. Dieser ist jedoch vor Kurzem bei einer Klage des Insolvenzverwalters zum Abbau des Dorfes bis Mai 2008 gerichtlich verpflichtet worden. Ob das Dorf also überhaupt stehen bleiben darf, ist fraglich. Mosner wohnt selbst dort.

In drei Jahren könnte alles fertig sein, meint Mosner. Für fünf Euro könnten Besucher dann Zirkusprofis zuschauen oder sich in Werkstätten ausprobieren. Nur fürs Schwimmbad müsste man noch einen Euro draufzahlen. Übernachten wäre in Herbergen, Zelten und vielleicht sogar in Luxusunterkünften im ehemaligen Ausflugslokal »Eierhäuschen« möglich. Mosner rechnet mit einer Million Besucher im Jahr. »Zehn Millionen Menschen kennen den Park, die wollen alle mal sehen, was daraus geworden ist«, beschreibt er das Potenzial. »Bei den neuen Inhalten bekommen die Leute auch Lust, immer wieder zu kommen.«

Und was hat das alles mit Permakultur zu tun? Der Park wird nur mit umweltschonender Energie betrieben, das Abwasser über Schilfkläranlagen gesäubert. »Das soll ein Modellprojekt für Permakultur und Nachhaltigkeit werden«, ist Mosners Vision. Außerdem soll der größte Teil des Mülls auf dem Gelände noch kreativ verwertet werden. Alte Gondeln würden so zu Baumhäusern oder Solarrikschas, die Saurier zu Attraktionen in der Wildniszone.

Das Zentrum würde bei den jetzigen Planungen etwa 150 Arbeitsplätze schaffen. Dass es diese noch nicht gibt, liegt nicht zuletzt am Begriff Permakultur, »den viele mit langhaarigen Hippies assoziieren«, weiß Mosner. Er hat auch lange Haare, bietet selbst gemachten Honig an und spricht schon mal von einer »Atmosphäre freien Geistes, die Resonanz erzeugt«. Permakultur ist für ihn aber auch kulturelle Vielfalt, die er im Park durch die gleichzeitige Ansiedlung von Erfindern, Zirkusartisten und Filmemachern erzeugen will. Kontakte zu ihnen bestehen bereits.

Vor allem verwirrt Mosner, dass er hingehalten wird, obwohl seine Idee inhaltlich nie abgelehnt wurde. »Alle suchen nur Fluchtwege. Keiner zeigt sich verantwortlich. Politiker, Banken, Liegenschaftsfonds und Insolvenzverwalter müssten sich mal treffen und die Sache regeln. Aber davor haben alle Angst«, meint er. Er befürchtet nun, dass die Beteiligten im Hintergrund planen, Luxuswohnungen zu errichten. »Ich suche eine Möglichkeit, dieser großkapitalistischen Grundidee etwas mit Kreativität entgegenzusetzen. Dafür will ich mit allen zusammenarbeiten.«

Den Luxuswohnungen stünde bislang der Flächennutzungsplan im Weg, der umgewidmet werden müsste. »Nur bei mir wäre das nicht grundlegend notwendig. Nur das Wohnen im Westerndorf müsste erlaubt werden. Der Rest bleibt Vergnügungspark. Es wäre nur ein anderes Vergnügen als Karussell und Zuckerwatte.«

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