Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Wir Arbeiterkinder

Bruno Preisendörfers Abrechnung mit dem Bildungsprivileg des Bürgertums

»Was mich auf diesen Weg brachte, waren nichts weiter als Zufälle, wenn auch von mir selbst erkämpfte.« (Bruno Preisensdörfer, 2008)
Ringen mit dem Bildungsprivileg ND-
Ringen mit dem Bildungsprivileg ND-

1967: Während des vierten Volksschuljahres des kleinen Brunos stellte sich heraus, dass der Junge durchaus das Zeug hatte, nach der sechsten Klasse auf die Realschule zu wechseln. Dieser Meinung jedenfalls war sein Lehrer. Die Leistungen Brunos waren leicht über dem Durchschnitt. Für ein Akademikerkind hätte das für eine Gymnasialempfehlung gereicht, aber Bruno war kein Spross der Intelligenz. Wenn er sich auf dem Gymnasium schwer tun würde, würden kein Vater, keine Mutter oder Nachhilfelehrer helfen. Diese Schmach wollte der Lehrer seinem Schüler Bruno ersparen. Einem Akademikerkind hätte er die Gymnasialempfehlung dagegen nicht verweigert, schließlich hätte das unter Umständen zu schweren Konflikten mit dessen Eltern geführt. Brunos Eltern aber wären mit der Realschule schon mehr als zufrieden gewesen. Vielleicht hätte der Bub es ins Büro oder auf den Sessel einer Amtsstube gebracht. Der Bub widersetzte sich Lehrern wie Eltern. Zufällig erfuhr er von einem Internatsgymnasium in Würzburg, bestand auf eine Aufnahmeprüfung und bestand diese.

Schuster, bleib bei deinem Leisten!
Der, der diese Geschichte erzählt, machte 10 Jahre später Abitur und ist heute Schriftsteller und promovierter Gesellschaftswissenschaftler. Bruno Preisendörfer lässt eigene Kindheitserinnerungen in seinem neuesten Buch »Das Bildungsprivileg – Warum Chancengleichheit unerwünscht ist« (Eichborn-Verlag, Frankfurt am Main, Februar 2008, 192 Seiten, 16,95 Euro) einfließen, um zu beschreiben, wie wenig sich seit den Erlebnissen des kleinen Brunos bis heute geändert hat. Nach wie vor, so Preisendörfer, werden Kinder aus bildungsfernen Schichten (BifS) im deutschen Schulsystem benachteiligt. Die Statistik gibt ihm Recht: In ganz Deutschland schaffen von 100 Kindern mit einem studierten Vater 88 die Hochschulreife, 83 studieren, aber nur 46 Prozehnt der Nichtakademikerkinder machen das Abitur und nur die Hälfte davon nimmt auch ein Studium auf.

An dieser Benachteiligung haben selbst die ihren Anteil, die es wie Preisendörfers Grundschullehrer eigentlich gut mit den »Arbeiterkindern« meinen. In seiner Streitschrift entlarvt Preisendörfer diese und andere Lebenslügen des Bürgertums. Längst hat sich dieses über die politischen Lager hinweg dazu verabredet, das Bildungsprivileg für den eigenen Nachwuchs zu sichern. Unisono wird etwa gegen Studiengebühren mit dem Argument protestiert, diese würden die Kinder bildungsferner Herkunft vom Studium abhalten. Preisendörfer nennt dieses Argument scheinheilig, denn in Wirklichkeit würden die BifS-Kinder, wie er den Nachwuchs von Fabrikarbeitern, kleinen Angestellten, Putz- und Hausfrauen nennt, frühzeitig und ganz ohne finanzielle Hürden vom Gymnasium ferngehalten. Konkrete Maßnahmen für die erste Hälfte der Gesellschaft, wie etwa eine bessere Förderung im Vorschulbereich, existierten bislang kaum. Stattdessen, so Preisendörfer, sei der Protest etwa der Studierenden, die sich nach wie vor in der Mehrzahl aus Bürgerkindern zusammensetzen, von »diffusen Absturzängsten« geprägt. Aus der Unterschichtenperspektive stelle sich »kühl die Frage, warum es schlimmer sein soll, wenn es den anderen nicht mehr gut, als wenn es einem selbst seit jeher schlecht geht«.

Preisendörfers Angriff auf das Selbstverständnis des studierenden Bürgernachwuchses provoziert. Wie kann jemand das bürgerliche Bildungsideal verteidigen, indem er gegen die zunehmende Gewinn-Verlust-Orientierung der Hochschulen Stellung bezieht oder die Einführung des Elterngeldes als »Antwort des Staates auf die bizarre Benachteiligungsbehauptung seiner Akademiker« kritisieren, aber gleichzeitig nicht einstimmen in den Chor derer, die Studiengebühren als schlimmstes Übel des Neoliberalismus brandmarken?

Um das zu erklären, braucht es den Blick zurück in das Westdeutschland vor 1968. Zu der Zeit, als Bruno Preisendörfer eingeschult wurde, wurde die Trennung in ein Oben und ein Unten von niemandem ernsthaft in Frage gestellt: Wer Elite war, war das mit Recht, das galt als ausgemacht. Wessen Vater in der Fabrik malochte, schuftete selbst später in der Fabrik. »Schuster, bleib bei Deinem Leisten!« war ein geflügelter Spruch in der Adenauerzeit. Die 68er Rebellion der Bürgerkinder machte Schluss damit; ihre Befreiung sollte auch die der Arbeiterkinder vom Joch der Unbildung sein.

Selbstbetrug des Nach-68er-Bürgertums
Doch dazu kam es nicht, die Öffnung der Hochschulen in den 1970ern geschah halbherzig, und viele Reformen wurden auf Druck des konservativen Bürgertums wieder rückgängig gemacht. Was blieb war der Selbstbetrug des konservativen wie des liberalen Bürgertums, durch die Bildungsreformen in der Ära der Kanzlerschaft Willy Brandts sei es tatsächlich zum Abbau der Bildungsschranken gekommen: Den Konservativen gingen selbst die Minireformen zu weit, das liberale Bürgertum hielt Gesamtschule, Bafög, Hochschulrahmengesetz und Abschaffung des Büchergeldes schon für die Abschaffung der Ständegesellschaft. Mit der formalen Öffnung des Bildungssystems aber entstand eine neue, unsichtbare Hürde. Wer die nicht übersprang, war stärker noch stigmatisiert als in der alten Klassengesellschaft. Jene ließ den Aufstieg gar nicht zu, die Nach-68er-Gesellschaft aber lockte damit. Die, die den Aufstieg nicht schafften, waren also doppelt bestraft: Gescheitert am möglichen Bildungsaufstieg und belegt mit dem vorwurfsvollen Blick des Volksschullehrers, der wahlweise die Tragöde kommen sah oder darüber enttäuscht war, dass seine Hoffnung, ein Arbeiterkind aus der Bildungsunmündigkeit zu führen, sich als vergebens erwies.

Wenn man wie Preisendörfer als Arbeiterkind die Ochsentour durchs deutsche Bildungssystem hinter sich hat und mit dem Gefühl leben lernen musste, dass alle Anstrengung möglicherweise zu wenig, schlimmstenfalls umsonst sein konnte, während der Sohn des Dorfarztes, die Tochter des Apothekers, die Kinder des Kleiderfabrikanten mühelos alle Hürden des Schulsystems übersprangen, schult das eine gewisse Skepsis gegenüber dem bürgerlichen Versprechen auf Gleichheit. Wer sich nach oben lesen und lernen musste, hat einen sicheren Instinkt dafür entwickelt, den Bürgerkindern zu misstrauen, wenn diese voller Pathos Chancengleichheit einfordern. »Solange man an der Uni ist, schiebt man die ›Arbeiterkinder‹ vor, die nicht mehr studieren könnten, wenn die Mittelschichtkinder Studiengebühren bezahlen«, schreibt Preisendörfer. Nach dem Studium aber, wenn die ersten Stufen der Karriereleiter erklommen sind, »wehrt man die Diskussion um Selbstkostenbeteiligung damit ab, dass Lebensgestaltung und -entfaltung durch einen ›Schuldenberg‹ erdrückt werde.« Menschen mit hoher Bildung bräuchten die Unterstützung des Staates, hieße es dann.

Preisendörfer trifft hier den Kern des Selbstbetrugs des Nach-68er-Bürgertums, und es ist sicherlich kein Zufall, dass er mit seiner Kritik fast allein auf weiter Flur steht. Das wiederum hat viel mit denen zu tun, die in der Öffentlichkeit tonangebend sind: Politiker, Journalisten, Talkshowprominenz. Welcher dieser Alpha-Tierchen würde schon freiwillig zugeben, dass seine Kinder ein Abo aufs Abitur haben? Das macht keiner gerne. Geklagt wird erst dann, wenn die Politik Hand an das Allerheiligste des Bürgertums legt: ans deutsche Gymnasium. Der Sturm, der nach der jüngsten öffentlichen Attacke des TV-Talkers Reinhold Beckmann aufs achtjährige Gymnasium aufbrauste, hat sich noch immer nicht gelegt – und er findet in den Medien deutlich mehr emotionalen Widerhall als sämtliche Analysen über die Benachteiligung der Unterschichten im Bildungssystem zusammen.

Bildungsbürgerkinder ertragen notfalls auch nicht ganz so gute Schulnoten, weil sie dennoch wissen, dass für die Karriere anderes zählt: Habitus, kulturelles Wissen, Herkunft eben. Nachzulesen ist das in dem bereits acht Jahre alten Buch »Generation Golf« des früheren FAZ-Redakteurs und Publizisten Florian Illies. Mit einer gehörigen Portion Chuzpe verallgemeinert Illies, Spross des Leiters eines Max-Planck-Instituts in der osthessischen Provinz, eigene Erlebnisse und Erfahrungen zur Geschichte aller zwischen 1965 und 1975 in der BRD Geborenen. Ganz so, als ob es zwischen dem Bürgerkind aus Ost-hessen, dem Arbeitersohn aus Offenbach oder der Tochter des türkischen Schichtarbeiters bei Opel in Rüsselsheim keine Unterschiede gäbe. Seine ehemalige Grundschullehrerin, die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang, bemerkte über ihren ehemaligen Schüler Illies einmal, man merke seinem Schreiben an, dass er als Kind ein privilegiertes Leben geführt habe. Und Illies ist bis heute in diesem privilegierten Leben geblieben. Schule und Universität sind in seinem Buch Randnotizen, läppische Pflichtübungen für die spätere Kür nach dem Uni-Abschluss. Mit welcher Durchschnittsnote das Abitur bestanden wurde, ist zweitrangig.

Preis für den sozialen Aufstieg
Für Preisendörfer aber wäre eine solche Gleichgültigkeit der eigenen Leistung gegenüber undenkbar. Schließlich musste er sich schon mit der »Schmach« abfinden, nach kaufmännischer Lehre nicht in Bayern, sondern im benachbarten Hessen seine Hochschulreife erworben zu haben. Den Bayern gilt noch heute das hessische Abitur als zweitklassig, dem konservativen Bildungseifer Roland Kochs zum Trotz. Mit ironischer Distanz schildert Preisendörfer, wie stolz er dennoch war, zumindest auf der traditionsreichen »Hohen Landesschule« (HoLa) in Hanau sein Abi-tur gemacht zu haben. Immerhin wahrte er durch den Besuch dieses Elite-Gymnasiums den Abstand zu den beim Bürgertum wie bei der aufstrebenden Mittelschicht verschmähten Gesamtschulen. Dass er zusätzlich erwähnt, die Schule mit dem Notendurchschnitt 1,7 abgeschlossen zu haben, ist typisch für Bildungsaufsteiger, die vor sich und der Welt diesen Erfolg permanent rechtfertigen müssen: Der ausgezeichnete Schulabschluss dient als Eintrittskarte ins Bildungsbürgertum.

Mit dem Eintritt in dieses neue Leben wird das alte Milieu aber hinter sich gelassen. Der Preis, den Arbeiterkinder dafür zahlen müssen, ist hoch: »Während ich in der Grundschule noch meist zum Klassensprecher gewählt wurde und viele Freunde hatte, war das zumindest zu Beginn meiner Gymnasialzeit völlig anders. Plötzlich galt mein durch ›Fleiß und Ordentlichkeit‹ erarbeiteter schulischer Erfolg als Strebertum«, beschrieb ein Bildungsaufsteiger in einem Internetforum, in dem rege über Preisendörfers Thesen diskutiert wurde, seine Erfahrungen. Auch das ist eine Form der Benachteiligung: Während das Akademikerkind zeitlebens im vertrauten Umfeld bleibt, verstärkt sich für das Arbeiterkind mit der Zeit noch das Gefühl der Fremdheit.

*

Nachbemerkung: Preisendörfers Bildungsbiografie begann vor 41 Jahren im westlichen Unterfranken am Rande Bayerns. Sie hat sich so ähnlich ein Jahrzehnt später wenige Kilometer von Preisendörfers Heimatort fortgesetzt, als der Verfasser dieser Zeilen seine Zufälle erkämpfen musste. 11 Jahre später folgte er Preisendörfer ins gymnasiale Asyl nach Hanau nach, wenn auch nicht auf die HoLa.

Preisendörfers und meine Geschichte sind längst nicht Vergangenheit; sie spielen sich dort und in vielen ähnlichen Regionen in Deutschland noch heute hunderttausendfach ab und die Zahl derer, die sich durch selbst erkämpfte Zufälle auf den Weg machen, ist immer noch verschwindend gering. Dabei spielt nicht nur der Geldbeutel der Eltern eine Rolle: Die durchaus gutsituierten Handwerker und Facharbeiter können noch so viel Geld für die Nachhilfe ihres Nachwuchses ausgeben – auf dem Gymnasium wird dieser sich trotzdem nur in Ausnahmefällen halten. Bildung ist eben nicht für alle da!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln