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Über St. Barbara in die Welt

Die frühen Jahre: Als Anna Seghers noch die Studentin Netty Reiling war

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der schöne metaphorische Titel ist zugleich ganz wörtlich gemeint: Der Weg der jungen Frau aus gutem Hause, Netty Reiling (Foto: Archiv), Studentin der Kunstgeschichte und Sinologie, führt schließlich zu ihrem ersten bedeutenden Werk, »Aufstand der Fischer von St. Barbara«. Es war kein vorgezeichneter Weg.

Anna Seghers (1900 -1983), aufgewachsen in einer orthodox jüdischen Familie in Mainz am Rhein als behütete, einzige Tochter von Isidor Reiling und Hedwig Fuld, hätte, wie der Vater, ihr Leben dem Kunsthandel widmen sollen. Sie hat die besten Voraussetzungen dafür, eine gebildete, weltgewandte junge Frau zu werden. Reisen, Literatur, Kunst, alles steht ihr zur Verfügung. Nicht zuletzt die Geborgenheit in der jüdischen Tradition. Aber auch die einschneidenden sozialen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, der ihre beschauliche Heimatstadt so sehr verändert. Sigrid Bock, die in den siebziger Jahren gemeinsam mit Anna Seghers deren Essays, Reden und theoretische Äußerungen sammelte und die grundlegende Edition »Über Kunstwerk und Wirklichkeit« in vier Bänden herausgab (Akademie-Verlag), kennt wie keine andere die Lebens- und Arbeitszusammenhänge der Dichterin.

Die Seghers hat aus Prinzip wenig Privates preisgegeben. Am liebsten verwies sie dann auf ihr Werk. Über Jahre hat Sigrid Bock deshalb in Archiven und Briefwechseln gesucht, Zeitzeugen befragt, jede Spur verfolgt und noch die kleinsten Andeutungen aufgenommen – und ist fündig geworden. Was sie zu Tage gefördert hat über die frühen Jahre der jungen Frau, die Schriftstellerin werden will, ist ganz erstaunlich, zuweilen sensationell. Wie unter dem Mikroskop beleuchtet sie jede Facette, jede nur irgend aufklärbare Einzelheit von Familie, Herkunft, Studium und Bildung.

Ist die verdienstvolle zweibändige Seghers-Biografie von Christiane Zehl Romero (Aufbau-Verlag) einer Draufsicht vergleichbar, die Material über größere Zeiträume zusammenträgt, so dieses Buch einer mikroskopischen Annäherung ans Detail – eine ideale Ergänzung. Nach Kindheit und Jugend in Mainz mit seiner großen jüdischen Gemeinde dann der Glücksfall Heidelberg: Von 1920 bis 1924 studiert Netty Reiling an der Ruprecht-Karls-Universität und saugt in sich auf, was immer sie an Anregungen, Einflüssen, Freundschaften finden kann. Dort lehren an der philosophischen Fakultät, in der sie sich einschreibt, berühmte Wissenschaftler, herrscht ein liberaler, weltoffener Geist. Es ist eine Eliteuniversität.

Fast mehr als von der Literatur, so bekennt die Seghers später, sei sie in der Jugend von der bildenden Kunst geprägt worden. Längst, bevor sie sich mit deutscher, russischer und französischer Literaturgeschichte beschäftigt, gilt deshalb ihr Interesse der Kunstgeschichte, insbesondere der niederländischen Malerei und Grafik. So erklärt sich schließlich die Themenwahl ihrer Doktorarbeit: »Jude und Judentum im Werke Rembrandts«. 1921/22 verbringt sie ein Studienjahr als Praktikantin am Ostasiatischen Museum in Köln – die vielleicht wichtigste Station dieser Zeit, die ihren Sinn endgültig für die Kunst sensibilisiert und aufschließt. Vor allem aber lernt sie in Heidelberg Laszlo Radvanyi kennen, den Philosophiestudenten aus Ungarn, selbst ein Flüchtling nach der Räterevolution – ihre große Liebe. Er, mit dem sie dann 53 Jahre lang verheiratet ist, formt entscheidend ihre Weltsicht, ihre Einstellung zu politischen und religiösen Fragen. An seiner Seite geht die junge Frau Dr. Netty Radvanyi 1925 schließlich nach Berlin, um sich ihren Weg zur Schriftstellerin aus eigener Kraft zu bahnen.

Sigrid Bock endet ihre Darstellung mit dem Jahr 1928, als die erste Buchpublikation der jungen Autorin unter dem Namen Seghers erscheint und ihr im November durch Hans Henny Jahnn für ihre Erzählungen »Grubetsch« und »Aufstand der Fischer von St. Barbara« der renommierte Kleistpreis zuerkannt wird. Aber welche Jahre des Suchens, der Zweifel liegen da hinter ihr! Nun hat sie sich aus ihrer Herkunft herausgelöst, hat sich einen neuen literarischen Stoff erschlossen, den sie vorerst vage als »Revolutionsmythos« bezeichnet. Doch der Bindung an ihre Eltern und dem Wahlspruch, den sie ihr später mit ins Exil geben, bleibt sie ihr Leben lang treu: Du musst Deinem Gewissen folgen. In einer grandiosen Darstellung macht Sigrid Bock die junge Frau sichtbar inmitten der historischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen ihrer Zeit.

Noch nie konnte man derart genau die Prägungen durch die jüdische Religion erkennen, durch Sören Kierkegaards Bücher »Entweder – Oder« und »Einübung im Christentum», durch Förderer wie Alfred Kerr und die nahen Freunde Philipp Schaeffer oder Karl und Irene With, aber auch durch Georg Lukács, den politischen Weggefährten Radvanyis: Das Panorama eines frühen Lebensweges, der in die Weltliteratur führen sollte.

Sigrid Bock: Der Weg führt nach St. Barbara. Die Verwandlung der Netty Reiling in Anna Seghers. Karl Dietz Verlag Berlin 2008, 303 S., geb., 19,90 EUR

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