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Uribe setzt auf das Militär

Ingrid Betancourts Ehemann über die Situation der Guerilla-Geiseln

Seit dem 23. Februar 2002 befindet sich die damalige kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt in den Händen der Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC). Ihr Ehemann Juan Carlos Lecompte berichtet im ND-Interview über die letzten Nachrichten von der prominentesten FARC-Geisel und über seine Erfahrungen mit der Unterstützungsbereitschaft verschiedener Regierungen. Das Gespräch führte Gerhard Dilger.
Juan Carlos Lecompte
Juan Carlos Lecompte

ND: Bei der kolumbianischen Militäraktion in Ecuador kam auch der Kommandant der FARC-Guerilla, Raúl Reyes, ums Leben. Was bedeutet sein Tod für das Schicksal Ingrid Betancourts?

Juan Carlos Lecompte: Die Guerilla hat vor ein paar Tagen erklärt, dass die Entführten keine Repressalien zu befürchten hätten, dass sie weiterhin ein humanitäres Abkommen anstrebten, ein Abkommen, für das wir über fünf Jahre gekämpft haben. Hoffentlich ist der Tod von Raúl Reyes nicht ein weiteres Hindernis. Der Präsident Ecuadors, Rafael Correa, hat ja gesagt, sie hatten Kontakt zu Reyes, um die Freilassung von Ingrid und den anderen Entführten zu erreichen, ebenso wie Frankreich.

Welchen Kenntnisstand haben Sie über das Befinden Ihrer Frau?

Vergangenen Montag habe ich mit Luis Eladio Pérez geredet, der gerade freigelassen wurde. Die Lage Ingrids ist verzweifelt. Alle sind auf der Flucht vor der Armee, und die Guerilla behandelt sie am schlechtesten, weil sie keinerlei Annäherung der Guerilleros zugelassen und sich nicht verkauft hat. Zudem hat sie mehrere Fluchtversuche unternommen. Deshalb wird sie oft bestraft. Im Juli 2005 z.B. ist sie mit Pérez geflohen. Nach fünf Tagen hatten sie kein Essen mehr, Ingrid wollte weiter, doch er hatte keine Kraft mehr. Sein Leben stand auf dem Spiel, also sind sie zurückgegangen. Sie wurde in Ketten gelegt. Wegen ihres gesundheitlichen Zustands kann sie nicht viel länger dort bleiben. Wenn sie nicht bald befreit wird, kann sie sterben.

Waren Sie über das Vorgehen Ecuadors im Bilde?

Ich hatte schon gehört, dass mehrere Länder mithalfen, darunter auch Ecuador, aber sicher war ich nicht. Ich finde es sehr gut, dass sie wie Frankreich und Venezuela an dieser humanitären Arbeit beteiligt sind. Ich bin den Präsidenten Correa und Chávez sehr dankbar. Chávez kann mit der Freilassung von sechs Entführten in zwei Monaten konkrete Ergebnisse vorweisen. Frankreich war auch immer auf unserer Seite. Unter Chirac hat Frankreich 16 oder 17 Geheimmissionen geschickt, sie haben mehrmals mit Reyes geredet, aber es kam zu keiner Lösung. Jetzt ist zum Glück Sarkozy mit mehr Kraft dabei, und wir hoffen, dass es zusammen mit anderen Ländern weitergeht.

Welche Rolle sollte die EU spielen? Sie steht auf der Seite des kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe und beschränkt sich auf die Aufforderung zu bedingungsloser Freilassung.

Die EU sollte entschlossener für das Humanitäre eintreten, mit effektiveren Maßnahmen. Mit ihrer bisherigen Haltung trägt sie dazu bei, dass die Entführten ewig im Urwald bleiben. Ich wünsche mir, dass die EU so wie Frankreich handelt. Ingrid ist Kolumbianerin und Französin und damit auch Europäerin. Auch Deutschland mit seiner Bundeskanzlerin sollte aktiver werden.

Gibt es von Kolumbiens Regierung Unterstützung?

Nein, da gibt es keinerlei Unterstützung oder Solidarität. Sie setzen auf den Krieg, auf die militärische Befreiung der Geiseln, obwohl sie wissen, dass das einem Todesurteil gleichkommt. Im Urwald ist der Überraschungsfaktor gleich Null, denn die Guerilleros kontrollieren den Urwald, sie haben Informanten in den kleinen Siedlungen. Sie haben Sicherheitsringe, verminte Felder, sie merken, wenn das Heer kommt. Für diesen Fall haben sie den Befehl, die Entführten erbarmungslos zu töten, wie das schon öfters geschehen ist. Hoffentlich begeht die kolumbianische Regierung keine Verrücktheit.

Könnten sich die FARC zu weiteren Freilassungen bewegen lassen, oder glauben Sie, dass Ihre Frau ein zu wichtiges Pfand für sie ist?

Die letzten Freilassungen waren auch nicht mit Uribe abgesprochen. Auch ohne seine Erlaubnis hat sich Chávez seit dem 21. November engagiert für humanitäre Lösungen eingesetzt und Freilassungen erreicht. Schon damals fielen starke Worte auf beiden Seiten. Wenn die FARC einen guten politischen Schachzug machen wollten, wäre jetzt ein guter Moment: Sie sollten Ingrid freilassen als Zeichen des guten Willens und des Rückhalts für Chávez. Darauf hoffe ich.

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