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Der Weltverbesserer

Vor 80 Jahren wurde Peter Hacks geboren

  • Von Christel Berger
  • Lesedauer: 7 Min.

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Der Weltverbesserer

Unvergesslich, wie Fred Düren als Trygaios am Ende der wunderbaren Inszenierung (1962) von Peter Hacks »Der Frieden« einem kleinen Jungen, der bisher nur Kriegslieder plärren konnte, ein Friedenslied lehrt:

»Es tönt die Schalmei

Der Frieden zog ein

Wir würzen den Wein

Mit Zimt und Salbei.

Die Oliven gedeihen

Der Krieg ist vorbei«

Beschwingt, ja beflügelt verließ ich die Aufführung. Ihr Witz hatte gut getan, die Dialoge waren reines Vergnügen, und die Botschaft bestärkte mein Lebensgefühl: Frieden ist erlangbar, Krieg, Helmschmiede, Waffenhändler und Kriegsideologen kann man besiegen. Frieden – das ist Arbeit und viel Lust und Liebe. Naiv? Sowohl große Kunst als auch Utopie brauchen ein Stückchen Naivität. Mich jedenfalls hat dieses Jugenderlebnis im Deutschen Theater zeitlebens begleitet, erinnernd ein Hoch-Gefühl, was Kunst und der Mensch, wenn er nur will, können.

Es war auch die Hoch-Zeit, als Peter Hacks ganz bei sich und eins mit dem Bestreben seiner Welt war und seine »klassischen« Stücke schrieb: »Die schöne Helena« (1964), »Amphitryon« (1967), »Omphale« (1969), »Adam und Eva« (1972), »Das Jahrmarktsfest von Plundersweilern« (1973), »Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn Goethe« (1974), »Senecas Tod« (1977) waren die Renner auf den Bühnen, nicht nur in der DDR. »Die Sorgen und die Macht« (1. Fassung 1959, 2. Fassung 1960, 3. Fassung 1962) und »Moritz Tassow« (1961) hatten dem Autor bekanntlich Ärger mit der DDR-Obrigkeit eingebracht.

Ein Mann, der 1955 aus der Bundesrepublik in die DDR gekommen war? »Weil ich lieber helfe, den Sozialismus zu machen, als mein literarisches Vermögen in gequälter und unproduktiver Opposition gegen einen faschistischen Staats-Kulturapparat zu verzetteln.« (Damals war er ein junger Autor gewesen mit ersten Proben seines Könnens, ein großer Brecht-Fan.) Sein Leben lang hat er die DDR als »das Land …, das ich mir frei zum Vaterland erkoren,/ Doch war das Glück mit meinen Mannestagen« besungen. Er war den Funktionären zu frech und eigenwillig, mehr noch: er war ihnen mit seinem dialektischen Denken überlegen.

Wer den »Widerspruch zwischen dem, was ist, und dem, was (noch) nicht ist«, als sein »eingeborenes Thema« bezeichnet, wird den Apologeten des Seienden immer unbequem sein und andererseits dringend gebraucht, denn es geht ihm immer um humane Phantasien, menschliche Möglichkeiten, lebbare Utopien.

Seit dieser Erfahrung nahm Hacks seine Stoffe aus der Historie und der Mythologie, ohne freilich die Fragen der Gegenwart zu verlassen. Zu sehr interessierten den Dramatiker Bedingungen und Konstellationen der Macht und die damit verbundenen Entscheidungen des Individuums, unter anderem auch die Rolle Walter Ulbrichts, den er für einen Großen hielt. In mehreren Stücken (»Prexaspes« 1968, »Numa« 1971, »Jona« 1986) hat er sich mit dessen Schicksal und den Möglichkeiten des Machterhalts verschlüsselt beschäftigt. Semiramis, der in »Jona« für Honecker steht, kündigt Ulbrichts Konzept und verspielt das Errungene. Dass solche Prognosen und Urteile in den Herrschaftszeiten Honeckers in der DDR nicht zur Aufführung gelangten, verwundert angesichts damaliger Kulturpolitik nicht.

Dass auch der Westen nach seinem großen Erfolg von Hacks-Aufführungen («Adam und Eva», »Ein Gespräch im Hause Stein« u. a.) zögerlich, ja ablehnend auf diese Stücke reagierte, hat sowohl mit dem Desinteresse an innersozialistischen Problemen und dem zunehmend manieristisch werdenden Stil, vor allem aber mit Hacks' Bekenntnissen zum Sozialismus und seiner Stellungnahme zur Wolf Biermann-Ausweisung zu tun. Eigensinnig ließ er seine Zustimmung zur Ausweisung aus der DDR, mit der er unter den als kritisch geltenden Künstlern ziemlich allein dastand, in der »Weltbühne« drucken. Wer an der Macht rüttelte, für die er eintrat, sollte sie zu spüren bekommen: »Es gibt Wichtigeres als Kunst – Politik ist allemal das erste.«

Er war sowohl konsequent in seiner Gesinnung als auch ein Spieler und Provokateur. Seine Sprache ist wunderbar klar und herrlich zweideutig. Von niemandem ließ er sich vereinnahmen. Er war weder Parteimitglied noch der parteilose Kommunist nach der Schablone. Sein Lebensstil verlangte Bedienstete, und manchmal benahm er sich wie ein Dandy. Wohlverhalten war ihm nie eine Maxime, und dennoch verfasste er den Artikel über Biermann, von niemandem dazu gedrängt. Er schrieb – wie er für Goethe formulierte – »volkstümlich, aber für ein Volk von Wert«. Wortgewaltig und formbewusst war er. Neben seinen Dramen entstand ein Kompendium an Essays, die seine immense Kenntnis historischer und kulturhistorischer Fakten belegen, aber auch den Eigensinn des Mannes, der unter anderem an der Romantik kein gutes Haar ließ. Obwohl er doch auch – denken wir nur an den »Frieden« und »Adam und Eva« – ein großer Träumer war.

Kunst, so meinte er, habe nichts weniger als die »Vermenschlichung der Welt« vorzuschlagen, durchzuspielen, zu erörtern. Das ist ein gewaltiges Programm in einer selbstbewusst behaupteten Tradition zu den großen Klassikern: Goethe und Marx. Je krasser sich die Wirklichkeit entgegen den humanistischen Verheißungen entwickelte, umso mehr verloren die humanen Phantasien an Boden. Verzweifelt behauptete Hacks, wie er meinte, marxistische Positionen, verachtete die auf einen reformierten Sozialismus setzenden Kollegen als Abweichler, schrieb verbissen gegen den gesellschaftlichen Niedergang an, obwohl er doch selbst formuliert hatte, dass in solchen Zeiten künstlerische Kreativität erlahmt. Mehr und mehr verlor er sich in verschrobene Theorien. Er, den Machtpolitik über alles interessierte, hielt an Stalin als den Retter des Reiches fest und entschuldigte die Verbrechen des Diktators mit notwendiger Herrschaftspolitik. Als die DDR unterging – 1990: »nun erleb ich schon die dritte Woche die finale Niedergangsepoche« – wollte er ihr letzter großer Verteidiger sein und versöhnte sich im Geiste selbst mit Honecker: »Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus«.

Eigenwillig und ungebeugt bis zum Tode 2003 blieb er in seinen politischen Gedichten der große Spötter und Streiter. Manches seiner Liebesgedichte wird bleiben, die zeitlos wirkenden Kinderbücher sowieso, bis eines fernen Tages auch wieder Trygaios eine Bühne betreten wird und die nicht ausrottbare Sehnsucht der Menschen verkündet: »Die Oliven gedeihen. Der Krieg ist vorbei.«

Dass alles, was er geschrieben hat, präsent ist, ist der rührenden Sorge des Eulenspiegel Verlags zu danken, (wenn auch die jeweiligen Kommentierungen viel zu wünschen lassen). Neben der Gesamtausgabe erschienen und erscheinen verschiedene Briefwechsel, Anekdoten, Interpretationen und jetzt: Andre Müller sen.: »Gespräche mit Hacks«. Ganz »sein Eckermann« ist Müller wohl nicht. Neben einigen erhellenden Details enthält das Buch eine große Menge kleinkarierten Szeneklatsch, die aus dem »Olymp«, den Hacks gerne repräsentieren wollte, eher eine Schmuddelecke macht.

Auch andere Verlage finden in Hacks einen Verbündeten oder auch nur einen Autor, der den Druck lohnt. Es provoziert sich schön mit ihm, und sei es mit der kleinen Geschichte («Die Dinge in Buta») von dem Reich, in dem öffentlich gefickt und onaniert, aber unter Strafe nicht gegessen werden darf. Es mag mehr als ein Spaß und Spiel mit leicht Anrüchigem sein, dennoch gerät die damit auch beabsichtigte Kritik an der sexuellen Revolution der 68er blasser als die vielen pornographischen Anspielungen.

Auch eine Peter-Hacks-Website gibt es, und das erste Heft »Argos. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks« mit honorigen Auseinandersetzungen erschien im vergangenen Jahr. Zum Geburtstag ist ein zweites angekündigt.

Das Datum des 80. Geburtstags zeigt: vergessen ist er ganz und gar nicht. Ein Spieler muss Geduld haben, bis seine Zeit kommt. Sein Einsatz war groß.

André Müller sen.: Gespräche mit Hacks 1963 – 2003. 464 S., geb., 24,80 EUR.

Diesem Vaterland nicht meine Knochen. Gedichte von Peter Hacks. 95 S., brosch., 6.90 EUR.

Peter Hacks: Zur Romantik. 126 S., brosch., 12.90 EUR.

Peter Hacks: Geschichten von Henriette und Onkel Titus. 190 S., geb., 14.90 EUR.

Alle Eulenspiegel Verlag.

Argos. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks. Verlag André Thiele. 208 S., brosch., 12,90 EUR.

Peter Hacks: Liebesgedichte. Herausgegeben von F. W. Bernstein. Reclam. 140 S., geb., 14,90 EUR.

Peter Hacks/ Rudi Hurzlmeier. Die Dinge in Buta. Kein & Aber. 48 S., geb., 14,90 EUR.

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