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Der Traum von »Big Pharma«

Brüssel will Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel legalisieren

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Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist nach EU-Recht in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union verboten. Geht es nach der EU-Kommission, könnte dieses Verbot bald Geschichte sein. Sie plant eine Neufassung der Richtlinie, die Pharmafirmen gestatten soll, mit ihren Informationen zu werben. Kritiker halten dies für verhängnisvoll.

Bereits im nächsten Jahr könnte im vorabendlichen Werbeblock der Fernsehsender ein Spot über ein Herzmedikament der Firma Pfizer über den Bildschirm flimmern, woraufhin der gutgläubige Patient seinen Arzt bedrängt, ihm dieses Mittel zu verschreiben. 2009 nämlich soll die EU-Richtlinie 2004/27/RG geändert werden und solche Werbung legalisieren. Dem müsste zwangsläufig auch eine Anpassung des deutschen Heilmittelwerbegesetzes folgen, das bisher Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel generell verbietet und bei nicht verschreibungspflichtigen Mitteln dann ein Verbot vorsieht, wenn es sich um Medikamente zur Behandlung von meldepflichtigen Infektionskrankheiten, bösartigen Neubildungen, Suchtkrankheiten und krankhaften Komplikationen der Schwangerschaft handelt. Damit soll verhindert werden, dass die Verbraucher, die ja medizinische Laien sind, aus ihrer gesundheitlichen Notlage heraus zu dem Mittel greifen, welches am wirkungsvollsten beworben wird.

In der bisher gültigen EU-Richtlinie heißt es, Arzneimittelwerbung müsse einen zweckmäßigen Einsatz des Arzneimittels fördern, indem sie seine Eigenschaften objektiv und ohne Übertreibung darstellt. Sie dürfe nicht irreführend sein. Artikel 88 schreibt vor: »Die Mitgliedstaaten verbieten die Öffentlichkeitswerbung für Arzneimittel, die gemäß Titel VI nur auf ärztliche Verschreibung abgegeben werden dürfen.«

Von einer Einhaltung dieser Bestimmungen sind indes die meisten Pharmafirmen weit entfernt. Subjektive Beeinflussung ist ihr Ziel. Üblicherweise verfolgen sie es über die Beeinflussung von Ärzten, denen sie Luxusausflüge unter dem Vorwand der Fortbildung sowie teure Geschenke anbieten. Erst vor wenigen Tagen hat die 1. Handelskammer des Landgerichts München entschieden, dass Pharmaunternehmen Ärzten keine teuren Geschenke machen dürfen. Ein Grund mehr, den Patienten direkt zu beeinflussen. Doch dem stehen bislang die Gesetze im Weg. Bei ihrem Vorhaben, Patienten direkt über rezeptpflichtige Mittel zu »informieren«, haben die Pharmahersteller offenbar die EU-Kommission an ihrer Seite. Die hat die europäische Bevölkerung zu Stellungnahmen aufgefordert – die Frist endet am 7. April.

Jörg Schaber von der BUKO Pharma-Kampagne hält die direkte Berieselung der unkundigen Konsumenten für Klientelpolitik im Sinne der Pharmaindustrie. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift »Pharma-Brief« weist er darauf hin, dass sich der deutsche Verbraucher vornehmlich im Internet informiert, wo er sich bereits einem unüberschaubaren Dschungel von Informationen gegenübersieht. Die Hersteller haben sich längst darauf eingerichtet und sind auf Gesundheitsportalen, in Suchmaschinen und in Nachschlagewerken präsent. Sie achten auch darauf, dass ihre Wikipedia-Einträge zu Medikamenten den Werbezweck erfüllen. Der Verbraucher kann oftmals jetzt schon nicht unterscheiden, ob er Firmenwerbung oder eine unabhängige Information vor sich hat. Pharmaexperte Schaber erklärt darüber hinaus, dass es keine Belege für eine bessere Therapie durch direkte Information der Fachleute gibt. Er erinnert an die Beeinflussung von Ärzten durch Pharmaberater und industriegesponserte Fortbildungen. Schaber fragt: »Wenn die Beeinflussung bei ÄrztInnen schon so gut funktioniert, warum sollen ausgerechnet PatientInnen dagegen immun sein?«

Noch gravierender als in Deutschland, befürchtet Jörg Schaber, wären die Signalwirkungen solcher Gesetzesänderungen für die armen Länder. In Bombay oder Nairobi seien noch weniger objektive Arzneimittelinformationen erhältlich als in Europa, so dass vor allem den Armen Geld für oft wenig sinnvolle Präparate aus der Tasche gezogen werden könnte. Das sei ein »wahrer Albtraum für die Betroffenen, aber der Traum von Big Pharma«.

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