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Eng in der Haut

Wolfgang Bittner und »das andere Leben«

Erstaunlich ist die in diesen 16 Erzählungen zum Ausdruck kommende Fantasie: Ein Mann besucht Bekannte in der nordkanadischen Wildnis – und reist, nach einem merkwürdigen Erlebnis, gleich wieder ab. Eine attraktive Frau verbringt den Urlaub mit ihrem ein wenig biederen Ehemann auf einer griechischen Insel – und entschließt sich spontan, ihren Mann zu verlassen und ein völlig neues Leben zu beginnen. Ein Sozialarbeiter sucht eine hilfsbedürftige Familie in der Vorstadt auf – und erlebt eine Überraschung nach der anderen. Und so weiter. Den Menschen in Bittners Geschichten ist – wie es im Klappentext treffend heißt – »ihre Haut zu eng geworden oder sie werden durch unverhoffte Begebenheiten aus der Bahn geworfen«.

Fast alle sehnen sie sich nach dem anderen Leben, manche unternehmen abenteuerliche Reisen in ferne Länder, andere bleiben zu Hause und verstricken sich in die Unvollkommenheit der Realität, oder sie retten sich in ihre Fantasie. Immer aber geht es um die Suche nach Erfülltheit, um Erwartungen und Hoffnungen, auch ums Scheitern, und oft findet sich ein Sinn im scheinbar Zufälligen. Da sitzt zum Beispiel morgens beim Frühstück einem Unternehmersohn ein wildfremder Mensch gegenüber. Oder ist diese »Bekanntschaft« das aufmüpfige eigentlich Ich, das sich auf ungezwungene Weise zu entfalten beginnt? Das wird nicht ganz deutlich und macht die Geschichte umso reizvoller. Am Ende hat der Ich-Erzähler einen Freund (in sich selbst?) sowie eine Frau und ein »anderes Leben« gefunden. In dem kleinen Prosastück »Feuergeister« übersteht jemand einen Krankenhausaufenthalt und eine ärztliche Fehlbehandlung. Und die Erzählung »Ein schwarzer Blinder« versetzt den Leser auf ein Containerschiff, das sich auf der Fahrt nach Casablanca befindet, als an Bord ein Blinder Passagier entdeckt wird, noch dazu ein Schwarzer, ein »Bimbo», wie der Erste Offizier wütend sagt. Der Mann hat weder Papiere noch Geld und kann sich nicht verständlich machen: Aus Wut wird Hass, schließlich Gewalt.

Dass sechs der Erzählungen im kanadischen Norden spielen, verwundert nicht, hat der Autor doch zeitweise dort gelebt und fünf Abenteuerromane veröffentlicht, deren Handlung ebenfalls in Kanada, zumeist abseits der Zivilisation, angesiedelt ist. In den Texten dieses Bandes steht jedoch nicht das Abenteuer im Vordergrund, wenngleich es auch hier zu spannenden Episoden kommt. In der Erzählung »Am Yukon« gerät der Protagonist durch einen Waldbrand in eine lebensbedrohliche Situation. In einer anderen Geschichte erhält ein alter Trapper überraschend Besuch per Hubschrauber von der Royal Canadian Mounted Police; die Beamten wollen Lizenzen, Waffenschein und Baugenehmigung kontrollieren, was zu ernsthaften Auseinandersetzungen führt.

Dagegen spielt sich in »Waldleben« – vordergründig gesehen – recht wenig ab. Denn der Ich-Erzähler, der wochenlang allein in einem einsamen Blockhaus in der Wildnis verbringt, leidet schon nach wenigen Tagen furchtbar unter Einsamkeit. Ebenso ergeht es einem Einsiedler und Eigenbrötler in dem stilistisch besonders eindrucksvollen Prosastück »Jenseits des Polarkreises«.

Der Autor versteht es, dem Leser in allen seinen Geschichten die jeweilige Landschaft nahe zu bringen und die handelnden Personen zum Leben zu erwecken. Dabei gleitet Bittner niemals ab in billige Romantik und Schwärmerei, sondern er bleibt bei aller Exotik hart an der Realität. Das ist abenteuerlich, fantastisch und spannend zugleich, zumal es immer wieder zu unverhofften Begegnungen und Wendungen des Handlungsgeschehens kommt.

Wolfgang Bittner: Das andere Leben. Erzählungen. Horlemann Verlag. 152 S., brosch., 12,90 ¤.

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