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Heilige, Ketzerin und Königsmacherin

In Schwerin tanzt »Jeanne d'Arc« dem Flammentod entgegen

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.
Heilige, Ketzerin und Königsmacherin

Sie ist eine der faszinierendsten europäischen Frauengestalten: Jeanne d'Arc, Bauernmädchen aus der Champagne, das mit göttlichem Sendungsbewusstsein dem französischen Dauphin in einem mutigen Feldzug Siege gegen die englischen Besatzer und so 1429 in der Kathedrale von Reims die Krönung als Charles VII. erfocht. Im Jahr darauf fiel sie burgundischen Kriegern in die Hände, wurde gegen hohes Salär an die Engländer verkauft und in einem Schauprozess auf Betreiben der Kirche als zauberische Ketzerin verurteilt. Mit 19 starb sie zu Rouen den Flammentod, ohne dass ihr König sie zu retten versucht hätte. Erst 1456, als die Legendenbildung ihm gelegen kam, betrieb er die Rehabilitation; 1920 sprach die Kirche sie heilig.

Gern nahmen sich die Künste des Sujets an, auch das Ballett – von Salvatore Viganò 1820 in Mailand bis zu Martha Graham 1955 in New York und Wladimir Burmeister 1957 in Moskau. Ihnen folgt nun in Schwerin Dominique Efstratiou nach, die sich nach »Orestie« und »Lysistrata« zur Spezialistin für klassische Stoffe entwickelt. Kein opulentes Handlungsballett hat sie für die 16 Tänzer des Mecklenburgischen Staatstheaters entworfen, eher einen ungemein atmosphärischen Bilderfries, der so leise wie logisch, mit dramaturgischem Verständnis und dramatischem Gespür Lebensstationen des gottberufenen Mädchens reiht.

Ein Meer illuminierbarer Kerzen, wie es aus dem Sand auf dem abgedeckten Orchester ragt, verbreitet weihevolle Stimmung, gemahnt auch an Jeannes Schicksal. Zu Glockenklang tanzt sie anfangs in schlichtem Weiß und derbem Schuhwerk fröhlich unbefangen, bis rotgewandete Kriegsfurien an sie herankriechen. Ihren Aufstieg zur menschlichen Kampffanfare erzählt der erste Teil. Er zeigt Königin Isabeau, Kollaborateurin der Engländer, auf einem rollbaren Langbett bei erotischen Ausschweifungen, in denen sich auch ihr Sohn mit seiner Mätresse erschöpft. Zwei Rundsäulen und ein Kreuz markieren dann jene Kirche, in der Erzengel und weibliche Heilige Jeanne den göttlichen Auftrag mitteilen und ihr das sieghafte Schwert verheißen, das der Stadthauptmann im Kerzenmeer für sie entdeckt. Wie ein Windhauch der Freiheit weht das Mädchen in ein Gelage des Dauphin, muss sich jedoch auf Geheiß des Klerus erst auf Jungfräulichkeit untersuchen lassen, ehe sie Männerkleidung, Fahne, Kriegsbefehl erhält. Mit ihrem personifizierten inneren Dämon, Stimme des Gewissens wohl auch, muss sie sich hier erstmals auseinandersetzen.

Wenn Efstratiou Akzente ebenso sparsam setzt, wie Christian Kleins Bühne hauptsächlich mit Licht in der Schwärze modelliert, so verlangsamt die Choreografin Kampfbilder auf Zeitlupe und siedelt sie damit, statt in blankem Naturalismus, in visionären Welten an. Jeannes erster Mord, begangen mit der Fahnenstange, ruft ihr blutiges Gewissen auf den Plan. Als gefeierte Retterin wohnt sie als größtem Triumpf der Königssalbung bei.

Im zweiten Teil zieht sich die Schlinge um Jeanne zusammen. Als sie sich, historisch verbürgt oder nicht, in einen gegnerischen Soldaten verliebt, wird sie verhaftet, muss Frauenkleider überstreifen, wird im Kerker vergewaltigt und von einem Klerikertribunal fast exorzistisch zum Widerruf ihrer göttlichen Mission gezwungen. Jenes Gefährt aus Lustbett und Tisch rollt sie und ihren Dämon in die Röte eines Spalts im Hintergrund hinein. Vor der schwarzen Bühne glimmt nur noch das Kerzenfeld.

Efstratiou konzentriert das Geschehen ganz auf die unpathetisch geformte Person Jeannes. Kellymarie Sullivan trägt den zweistündigen Abend mit stupender Ausdruckskraft und der Präzision eines hingebungsvoll in Dienst gestellten Körpers. Ihre Soli, organisch und rund in einer klassisch basierten, zeitgenössisch ergänzten Bewegungssprache, und die Duette mit Jelena-Ana Stupor als Gewissen gehören ebenso zu den Höhepunkten wie das akrobatische Vokabular der männlichen Protagonisten. Tobias Almási zeichnet mit starker Präsenz und feinem Formempfinden eine prägnante Studie des Dauphin zwischen Lasterhaftigkeit und Machtwillen, Simon Herm ist mit geschmeidigem Furor Isabeaus Liebhaber.

Mehrere Rollen hat fast jeder in einer Inszenierung zu gestalten, die sich auf wenige Soloparts gründet und mehr die theatrale Stimmigkeit im Auge hat als das grandiose Gruppentableau. Musik vom Mittelalter bis zur Gegenwart – nicht näher bezeichnete Kompositionen von John Taverner, Apocalyptica, Arvo Pärt, Alfred Schnittke, Estampie, Cathedral Voices – addiert dem eindringlichen Ballett Dichte, Spannung, Kolorit.

Nächste Aufführung am 16.5.

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