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Protokolle auch vom Toilettengang

Lebensmitteldiscounter Lidl soll Mitarbeiter bespitzelt haben

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Ein Bericht über die Bespitzelung von Mitarbeitern beim Lebensmitteldiscounter Lidl hat bei Gewerkschaft und Parteien Empörung ausgelöst.

Neckarsulm/Stuttgart (dpa/ND). Nach Informationen des Magazins »Stern« wurde bei dem Lebensmitteldiscounter Lidl über zahlreiche Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Lidl-Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat und wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur »introvertiert und naiv wirkt«. Aufgeführt wurde laut »Stern« unter anderem auch, ob Mitarbeiter des Neckarsulmer Unternehmens tätowiert waren. Das Magazin beruft sich auf interne Lidl-Protokolle.

Eine Sprecherin des baden-württembergischen Innenministeriums sagte am Mittwoch in Stuttgart, es werde datenschutzrechtlich geprüft, ob die Beschäftigten in zahlreichen Filialen systematisch überwacht wurden. Das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth, räumte ein, dass in einzelnen Filialen möglicherweise Bespitzelungsaufträge erteilt worden seien. Zwei von Lidl beauftragte Detekteien hätten die Weisung gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di sprach von einem Skandal und dem Verstoß gegen das Grundgesetz. Wenn die Vorwürfe stimmten, »dann passt das in das System der permanenten Kontrolle und Unterdrückung in dem Unternehmen«, erklärte der Handelsexperte von ver.di in Baden-Württemberg, Bernhard Franke. Sein Kollege Achim Neumann sagte: »Was hier mit der Würde von Menschen passiert, ist der Skandal schlechthin.« Die Gewerkschafter forderten dazu auf, Betriebsräte zu wählen. »Die Mitarbeiter werden eingeschüchtert und verängstigt. Es gibt so gut wie keine Betriebsräte bei Lidl«, sagte Franke.   

Nach Einschätzung einer Sprecherin des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit sind verdeckte Videoüberwachungen von Mitarbeitern kein Einzelfall. Dies sei aber nur als letzte Möglichkeit und über einen kurzen Zeitraum gerechtfertigt, wenn sich der Arbeitgeber beispielsweise gegen Diebstahl schützen wolle. In der Regel sei dieses Vorgehen aber ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz.

Politiker von CDU, SPD und LINKEN reagierten am Mittwoch gegenüber dem »Stern« mit scharfer Kritik. »Das ist ja schon krank«, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Wend. Auch der CDU-Arbeitnehmervertreter Gerald Weiß reagierte entsetzt: »Ich kaufe deswegen prinzipiell nicht bei Lidl. Da wurde früher schon sämtliche Mitbestimmung verhindert.« Herbert Schui, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, erklärte: »Für Lidl handelt es sich offensichtlich nicht um ein Arbeitsverhältnis, sondern um eine Vorstufe zur Leibeigenschaft.« Dass Lidl trotz der entwürdigenden Behandlung überhaupt Mitarbeiter finde, zeige, wie groß die Angst vor ALG II ist.

Kommentar Seite 8

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