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Kleist Oper – gelungenes Wagnis

Im Brandenburger Theater wird ein Dichter sehr lebendig gefeiert

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Das Brandenburger Theater schafft es immer wieder, mit Stoffen aufzuwarten, die keine andere Bühne sich auch nur im Entferntesten antun würde. Positiv betrachtet – und genau so soll es sein – heißt das: Mut und Innovation haben sich durchgesetzt im CulturCongressCentrum der Havelstadt. Es ist eigentlich kein schöner Saal, eher geeignet für Parteitage oder Estrade, aber er hat einen großen Orchestergraben und eine tiefe Bühne. Rolf Hochhuth konnte vor vier Jahren dort – und wohl nur dort – sein Pamphlet gegen die Finanzterroristen, genannt »McKinsey kommt«, aufführen, vor gut zwei Jahren die »Familienbande« von Berlin anprangern, mit Seriendarstellern aus dem RTL-Fernsehen. Die Kritik war gespalten, die Aufmerksamkeit da, der Skandal hielt sich in Grenzen.

Jetzt also Oper, moderne Musik, wieder eine Uraufführung: »Kleist Oper«. Fast eine Sensation. Es haben sich zwei Menschen zusammengefunden, die Leben – und Sterben – des Bernd Wilhelm Heinrich von Kleist für die Bühne aufbereitet haben. Die erste Oper für den Komponisten Rainer Rubbert (51) und die Schriftstellerin Tanja Langer (46). Sie hatten die so einfache wie auch geniale Idee, Kleist mit Personen seines wirklichen Lebens und mit der Personage seiner Stücke und Geschichten aufeinandertreffen zu lassen. Und nicht nur aus ökonomischen Gründen sind viele mit Doppelrollen besetzt. Was als Schauspiel sehr kompliziert werden könnte (ähnlich wie die Stücke Kleistens es ja auch sind), funktioniert als Oper. Mit mehreren Koffern voll frischer Ideen. Das kann man sogar wörtlich nehmen, denn das äußerst wandelbare Bühnenbild (Thomas Gabriel) arbeitet nicht nur mit Projektionen, einem begehbaren Gitterrahmen, der das Spiel auf mehreren Ebenen zulässt und den Akteuren gar Artistik abfordert, sondern auch mit einem guten Dutzend von schrillorangenen Hartschalenkoffern, die an dicken Seilen mal halb unter dem Bühnenhimmel schweben, mal geschlossen oder offen Requisiten der so unterschiedlichen Spielorte sind.

»L'imagination gouverne le monde!« Welcher Spruch könnte mehr für Theater um einen Autor taugen, der uns eine Penthesilea, eine Marquise von O., ein Käthchen von Heilbronn, die Hermannsschlacht oder auch die Verlobung in Santo Domingo schenkte. Viele Werke aus diesem so kurzen Dichterleben sind in Tanja Langers Oper auch – richtigerweise – unberücksichtigt geblieben. Keine dritte Kleist-Biografie also (zwei sind unlängst fast gleichzeitig auf den Buchmarkt gekommen), sondern ein wirklich fantasievolles szenisches Spiel um diesen Dichter, dem »auf Erden nicht zu helfen war«, wie er im Abschiedsbrief an seine geliebte Schwester Ulrike schrieb, ist zu erleben.

Der isländische Bariton Thorbjörn Björnsson singt den Kleist. Lust und Leid am Leben, Qual und Freude einer so vielseitigen Begabung, Begeisterung und Verzweifeln an den Zeitläufen im Ergebnis der großen Revolution, die es in Frankreich 1789 gegeben hatte, all das vermag er zu transportieren mit den spröden Mitteln des modernen Gesangs, der kein Belcanto will und braucht. Sehr präsent auch Stefan Bootz, der Kleistens Freund Pfuel gibt, ein Bass, der den Haupthelden fast an den Rand singt. Kleine Nonnenchöre oder Quartette von Brüdern lockern die durchweg geistvollen und zitatenschwangeren Dialoge auf, die Kleist mit seinen literarischen und wirklichen Freunden unablässlich führt.

Oper muss auch ans Herz gehen. Wenn der Held zwischen Frankfurt (Oder), Königsberg und Berlin, zwischen Literatur und Krieg, inmitten vieler Freunde und einiger Feinde ein aufregendes Leben lebte, so wissen wir, dass er es, kaum 34 Jahre geworden, am Stolper Loch bei Berlin (heute der kleine Wannsee) abrupt beendete, zusammen mit seiner kranken lieben Freundin Henriette (aufregend gesungen von Claudia Herr, die auch der Marquise von O. verführerischen Körper und Stimme gab).

So ein Sterben zu zelebrieren, kann wohl nur Oper. Michael Helmrath führte die Brandenburger Symphoniker in diesen ergreifenden Schlussszenen zu Höchstleistungen. »Musik ist die Wurzel aller Dichtung.« Dieses Wort sprühte Kleist noch an die Roten Fahnen, die seine Lebensbühne umzingelten. »Es ist die Welt, die wir lieben, die uns auseinanderreißt.« Wie wahr. Und wie gelungen dargestellt im Brandenburger Theater. Bravo, vivat und: »in den Staub mit allen Feinden Brandenburgs«.

Nächste Vorstellungen: 5. April, 19.30 Uhr (Gastspiel im Hans Otto-Theater Potsdam), 2. und 4. Mai in Brandenburg.

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