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»Das Schulgesetz hat grobe Fehler«

Die Pädagogin Angela Bochum über Chancenungleichheit im Berliner Bildungswesen

Angela Bochum, in Berlin-Wedding aufgewachsen und zur Schule gegangen, macht seit 25 Jahren Integrationsarbeit im Bezirk als Pädagogin, ist beschäftigt im Kindergarten »Osterkita«, tätig in medienpädagogischen Projekten und als Vorstandsvorsitzende des InterReligiösen Zentrums Berlin. Am vor wenigen Jahren reformierten Berliner Schulgesetz kritisiert sie dessen übereilte Einführung, die in der Praxis zu vielerlei Verschlechterungen geführt habe. Sabine Sölbeck sprach mit der 48-Jährigen.

ND: Als Pädagogin kümmern Sie sich darum, dass Kinder mit Computern arbeiten können. Sie setzen sich für Elternarbeit ein und unterstützen die Sprachförderung von muslimischen Müttern im Projekt »Frauentee«. Seit 2000 gibt es die Kindergruppe »Zukunftsdetektive«, mit denen Sie unter anderem Bibliotheken besuchen. Wäre das alles nicht die Aufgabe der Schulen?
Bochum: Das wäre es schon, die Schulen können diese aber nicht leisten, weil sie oft nicht die Kapazität haben, um mit 30 Kindern in die Bibliothek zu gehen. Und Eltern gehen selten mit ihren Kindern in die Bücherei. Initiativen und Vereine kümmern sich häufig darum, dass Kinder lernen, wie und wo sie Informationen finden. Ein Problem ist aktuell hinzugekommen: Die Kinder- und Jugendbücherei im Bezirk Wedding wurde geschlossen, weil in diesem Haushaltsjahr 25 Millionen Euro eingespart werden müssen.

Zahlreiche Initiativen und Vereine im Bezirk kümmern sich neben dem Schulbetrieb um sozial benachteiligte Familien. Gäbe es diese Arbeit nicht, wie wäre es dann gerade um die Schulbildung der Migranten bestellt?
Wenn diese Einrichtungen tatsächlich nicht existieren würden, gäbe es Bildung in dieser Form nicht. Die Kinder schaffen es allein in den Schulen nicht, weiterzukommen. Wenigstens sind seit der Initiative »Schulen ans Netz« die meisten Klassenräume mit einem Computer ausgestattet.

Ein wichtiges Ziel des neuen Schulgesetzes, das 2005 in Kraft trat, ist der gemeinsame Unterricht aller Kinder in der sogenannten Schuleingangsphase. Trägt das Schulgesetz zur Integration bei?
Das Schulgesetz hat grobe Fehler. Das betrifft zum Beispiel die Zurücksetzung des Einschuldatums. Es kann heute vorkommen, dass ein Fünfeinhalbjähriger eingeschult wird. Das heißt, die Lehrer sind heute mit einer viel heterogeneren Zusammensetzung der Schülerschaft konfrontiert als früher. Hinzukommt, dass die Hortplätze wegrationalisiert wurden, denn der Senat wollte Erzieherstellen einsparen.

Dafür gibt es jetzt aber alternativ den Schulhort in den Schulen.
Die Kinder sollen den ganzen Tag gemeinsam lernen können, lautete eine Begründung des damaligen Bildungssenators Klaus Böger (SPD). Aber die Schulen waren für den Schulhort gar nicht ausgerichtet. Unter anderem gab es keine Küchen oder Mensen. Zudem sind Erzieherinnenstellen weggefallen. Bei uns im Kindergarten kam auf 20 Kinder eine volle Erzieherstelle. Im Schulhort kommen auf 26 Kinder 0,7 Prozent einer Erzieherstelle. Obwohl die Erzieherinnen vielfältige Aufgaben in der Schule haben. Sie gehen in die Freistunden, unterstützen den Lehrer beim normalen Unterricht, machen Hortbetreuung, Freizeitangebote und Schularbeitenbetreuung. Gleichzeitig sind sie für Elternarbeit da, müssen im Team helfen und sich mit den Lehrern austauschen. Mit dem neuen Schulgesetz wurde überdies das Modell des Jahrgangsübergreifenden Lernens umgesetzt, die so genannten JÜL-Klassen. Die Lehrer mussten sich darauf einstellen, in einer Klasse Kinder der ersten drei Jahrgänge und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam zu unterrichten. Die Verordnung zur sonderpädagogischen Förderung ist seit Januar 2005 in Kraft. Ziel ist, alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, unabhängig von geistigen oder körperlichen Behinderungen. Zusätzlich hat sich der Stellenschlüssel im Kindergarten verändert. In der Praxis bedeutet das häufig, dass wir über weniger Personal verfügen und dennoch die gleichen Aufgaben erledigen.

Woran liegt es, dass es so viele Probleme in der Praxis gibt?
Die Klassen sind zu groß und die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat sich erhöht. Hinzu kommt, dass zeitweise nur zwei deutschsprachige neben anderssprachigen Kindern innerhalb einer Klasse lernen. Die Lehrer sind überfordert. Eltern nichtdeutscher Herkunft kommen sehr selten zu Elternabenden und Elterngesprächen, weil sie sich nicht auf Deutsch mit dem Lehrer verständigen können. Es gibt immer mehr ADS- und ADHS-Kinder (Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung). Seit Jahren gibt es Grenzfälle der Sonderpädagogik und viele Eltern sind hilflos. Eltern wollen beispielsweise ihr ADS-Kind in die Schule schicken und nicht unbedingt in ein Förderzentrum. Wenn so unterschiedliche Kinder zusammen lernen, müssen die Klassenstärken dringend gedrosselt werden. Es wird mehr pädagogisches Personal benötigt. Als Defizit hat sich herausgestellt, dass Integrationskinder im Kindergarten eine gute Frühförderung erhalten, aber der Integrationsstatus mit dem Schuleintritt wegfällt.

Woran liegt das?
Die Schule kann ihn nicht sofort beantragen, weil das neue Schulgesetz besagt, die Lehrer müssen ein Kind erst ein bis drei Jahre beobachten. Danach kann ein Förderausschuss einberufen werden und der Förderausschuss kann in Folge sagen, auf welche Schule dieses Kind gehen wird. Da ist das Kind aber schon sprichwörtlich in den Brunnen gefallen.

Verhindert Bürokratie letztlich die Weiterführung der Integrationsarbeit hinsichtlich des gemeinsamen Lernens aller Kinder?
Ja, und auch daran trägt das neue Schulgesetz Mitschuld. Es kann sein, dass ein Kind im Kindergarten gut gefördert wurde. Die Schule aber kann sagen, dass sie räumlich und personell nicht ausgestattet ist, um ein Kind in einer normalen Klasse zu unterrichten. Das kann unter Umständen für dieses Kind fatal sein. Die Integration wird also im Kindergarten eingeleitet, bricht jedoch mit der Einschulung ab.

Ist das das einzige Problem?
Nein, problematisch ist auch die zeitliche Begrenzung des Schulhorts. In den Schulhort gehen die Kinder bis zum Alter von zehn Jahren. Danach entfällt plötzlich jegliche Betreuung. Eine Jugendeinrichtung betreut ab dem vierzehnten Lebensjahr. Während vier aufeinanderfolgender Jahre haben die Kinder weder Ansprechpartner noch Anlaufstellen. Nur in Ausnahmefällen gibt es für diese Lückezeit Angebote. Hier besteht dringend Handlungsbedarf in Richtung neuer Konzepte.

Was müsste am aktuellen Schulgesetz verändert werden?
Der Personalschlüssel im Erzieher- und Lehrerbereich muss wesentlich erhöht und die Klassenstärken müssen verringert werden. Schulen mit kleinen Klassenstärken dürfen nicht einfach geschlossen werden, wie das in der Vergangenheit üblich war. Um einzusparen, wurden Klassen auseinandergerissen. Das ist für Migrantenkinder besonders schwierig. Es darf nicht an Kinder- und Jugendarbeit gespart werden. Diese Bereiche müssen aus der Sparsituation heraus. Das betrifft nicht nur den Bezirk Wedding, sondern ganz Berlin.

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