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Ein großer Stein im Walde

Am 5. April 1908 wurde der Dirigent Herbert von Karajan geboren

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Für die Klarinettistin Sabine Meyer ist Herbert von Karajan in mehrfacher Hinsicht Geschichte, wie sie jüngst in einem Interview bekundete. Der Familie Karajan hingegen kommt es vor, als sei er, der ernsthaft an seine Wiedergeburt glaubte, nie gegangen. Auf einem Internet-Video wiederum ist zu sehen, wie ein Jugendlicher über die mitlaufende Karajan-Einspielung des Donauwalzers die Melodie rülpsend darbietet. Und wer im Netz auf »Kara- jan«-Bildersuche geht, wird überrascht sein, dass es nicht wenige gibt, die den Nachnamen des Maestros für einen geeigneten Katzennamen halten.

Als Kind, das mit Musik aufwuchs, tönte mir der klangvolle Name Karajans so musikalisch, dass ich ihn mit Tonkunst per se assoziierte – ohne zu wissen, dass es sich dabei um einen von vielen Dirigenten handelt. Das mag auch daran liegen, dass Karajan die anderen Dirigenten in der elterlichen Plattensammlung quantitativ deutlich überragte. Eine solche Erinnerung aber ist in jeder Hinsicht so musikalisch wie die Theodor W. Adornos, der in seinem Beethoven-Fragment schrieb, als Kind habe er sich beim Hören des pochenden Beginns der »Waldsteinsonate« immer einen Ritter vorgestellt, der beim Reiten durch den Wald einem großen Stein begegnet – nicht ahnend, dass der Beiname der Sonate lediglich dem Widmungsträger, einem Grafen Waldstein, geschuldet ist.

Eine andere Art der Entmystifizierung findet statt, wenn das musikalische Kind als Jugendlicher erfährt, dass dieser Karajan Mitglied der NSDAP war, wohl seiner Karriere zuliebe. Gleich zwei Mal war er in die Nazi-Partei eingetreten – vermutlich weil er, der sich im Grunde nur um seine Musik kümmern wollte, davon ausging, dass es auf dem bürokratischen Wege nach dem ersten Eintritt einen formalen Fehler gegeben hatte. Ewald Markl, langjähriger enger Begleiter Karajans, machte es sich im Januar dieses Jahres bei Reinhold Beckmann allerdings zu leicht, als er den NSDAP-Beitritt des passionierten Seglers und Hobby-Piloten Karajan fast als »Versehen« darstellte.

In der »Beckmann«-Sendung, in der als Hauptgast die Witwe Karajan zur Sprache kam, stand dieses Kapitel im Leben des Maestros ohnehin ganz am Rande. In einer kurzen Einblendung hörte man Helmut Schmidt sagen: »Karajan war natürlich kein Nazi. Er war einer von vielen Millionen Mitläufern.« Aber der Altkanzler war es ja auch, der (laut Benjamin von Stuckrad-Barre in »Livealbum«) über seine Zeit in der Hitlerjugend einmal zu Protokoll gab: »Was wir gemacht haben, war Rudern und Segeln, und das war eine schicke Sache!«

Unbestritten, als Musiker war Karajan eine Größe seiner Zeit – und trotzdem hat er nicht nur Gutes hinterlassen. Der musikalisch erzkonservative (also doch nicht nur »unpolitische«) Karajan prägte auch den Dirigententypus von heute, der auf Nummer Sicher geht, dem es an Gespür und Courage bezüglich wahrhaft innovativer Musik fehlt und der folglich meist nur Werke des 18. und 19. Jahrhunderts auführt. Das Repertoire des 20. Jahrhunderts beschränkt sich bei diesen Dirigenten allzu oft auf gängige, als quasi »Filmmusik« goutierbare oder harmlose Musik. Aktuell machen die Post-Karajaner ausgerechnet diejenigen jungen Komponisten zu vermeintlich Großen (Matthias Pintscher und Jörg Widmann), die dem bürgerlichen Publikum weich gekochtes Dosenfutter als vermeintliche Frischware servieren.

Nicht zufällig mangelt es einem der Karajan-Nachfolger in direkter Linie, Simon Rattle, an Mut und Kompetenz, den (in Wahrheit nach Neuem und Aufregendem lechzenden) Zuhörern einmal etwas anzubieten, was nicht allseits putzig tätschelnd und wohlwollend zur Kenntnis genommen und bald vergessen wird. Wie sonst ist es zu erklären, dass Rattle Thomas Adès und George Benjamin ernsthaft für wichtige Komponisten hält?

Ein anderer Kapellmeister (in Karajans Geburtsjahr 1908 am Höhepunkt seiner Karriere) dirigierte – neben seinen eigenen Werken, die vor lauter musikgeschichtlich revolutionärem Zündstoff noch heute explosiv erscheinen – die Uraufführungen von Werken Bruckners, Webers und Zemlinskys und setzte sich so nachdrücklich für die Fortsetzung der von Tumulten begleiteten Uraufführung von Schönbergs Streichquartett op. 7 ein, dass er fast körperlichen Schaden davon trug: Gustav Mahler.

Aber Mahler war eben Mahler und Karajan war Karajan. Und Karajan ging lieber segeln.

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